Zeitung Heute : Haben Kobolde Sex?

Pumuckl soll heiraten. Die Erfinderin ist dagegen – und ging jetzt vor Gericht

Harald Martenstein[München]

In Landshut, im „City Center“, hat Anfang März eine Galerie einen Wettbewerb für Kinder veranstaltet. Die Kinder sollten dem beliebten Kobold Pumuckl eine Freundin erfinden, die er dann sogar heiratet. Dieser unscheinbare Vorgang hat einen erbitterten Rechtsstreit hervorgerufen, bei dem das Freundinnenerfinden verboten werden soll, mehr noch, generell soll der sexuellen und psychologischen Entfaltung der Comicfigur Pumuckl ein juristischer Riegel vorgeschoben werden. Die Klägerin Ellis Kaut sagt, dass eine Pumucklfreundin erstens „überflüssig“ sei, zweitens „unappetitlich“, drittens „unanständig“. Barbara von Johnson, die hinter dem Wettbewerb steckt, spricht davon, dass der Pumuckl „mit einem Partner von der Seele her reifen“ würde. Auch die Kinder würden, beim Freundinnenerfinden, „Kontakt zu ihren inneren Werten“ finden. Es geht aber, wie so oft im Leben, auch um äußere Werte.

In den letzten Monaten hatte das Landgericht München I eine ganze Reihe von außergewöhnlichen Aufgaben zu bewältigen. Einmal ging es um eine Klage des Fußballprofis Bastian Schweinsteiger, der einem Fleischgroßhändler verbieten ließ, ein Wurstprodukt namens „Schweini“ auf den Markt zu bringen. Andere Male ging es um eine 96-Jährige, die aus ihrem Altenheim gekündigt wurde, weil ihr Sohn eine geheime Beobachtungskamera im Weihnachtsbaum des Heimes installiert hatte, oder um eine Sekte, die, aus religiösen Gründen, das Wildschwein für den nächsten Bruder des Menschen hält. Gestern also: ein Pumucklprozess. Wieder einer!

Pumuckl ist nämlich eine der rechtlich umstrittensten Persönlichkeiten der Kunstgeschichte, die Zahl der bisherigen Verfahren ist schwer zu überblicken. Vor Gericht stehen sich seit Jahrzehnten stets die Interessen zweier mittlerweile nicht mehr ganz junger Frauen gegenüber, der beiden Pumucklmütter Ellis Kaut, 86, und Barbara von Johnson, 65. Die Schriftstellerin Kaut hat den Kobold Pumuckl 1961 zweifellos erfunden, aber halt nur als Hörspielfigur. Der Name war eine Idee ihres Ehemanns: Pumuckl, ein bayerischer Nachfahre der Schiffsgeister, der Klabauter. 1965 sollte das erste Pumucklbuch herauskommen, mit Illustrationen. Dazu wurde an der Abschlussklasse der Münchner Grafik-Akademie ein Studentenwettbewerb veranstaltet, die Siegerin hieß Barbara von Johnson, damals Mitte 20. Sie hatte ein Kerlchen mit roten Haaren entworfen, halb lieb, halb böse. Dafür bekam sie nur ein paar Mark. In den folgenden Jahren aber machte der Pumuckl groß Karriere, in Büchern, Platten, Fernsehserien, Kinofilmen und als Werbefigur. Johnson hatte den Eindruck, dass sie an diesem rasch wachsenden Kuchen nicht gerecht beteiligt war. Irgendwann muss Johnson richtig wütend geworden sein.

Sie hat sich gerichtlich eine Beteiligung an den Filmrechten erstritten. Sie hat Kaut verboten, Pumucklbilder auf ihrer Homepage zu zeigen. Sie hat die weitere Ausstrahlung der Sendung „Pumuckl TV“ verhindert und eine Umbenennung in „Kobold TV“ erzwungen, seitdem verdient Kaut kein Fernsehgeld mehr. Sie hat dem Bayerischen Rundfunk die Ausstrahlung des Pumucklkinofilms verbieten lassen. Sie hat sogar eine Metzgerfamilie verklagt, die einen selbst gebastelten Pumuckl in ihr Schaufenster gestellt hat. Wo immer der Pumuckl sein rotes Haupt erhebt, da ist mit Barbara von Johnson und ihren Anwälten zu rechnen.

Die Gegenoffensive von Ellis Kaut bestand darin, dass sie ab 1978 den Pumuckl von ihrem Schwiegersohn zeichnen ließ, in leicht veränderter Form. Dazu hat allerdings ein Gericht festgestellt, dass auch der neue Pumuckl die geistigen Spuren der Barbara von Johnson trägt, urheberrechtlich bleibe fast alles beim Alten.

Johnson lässt sich vertreten, Kaut tritt mit ihrer Anwältin selbst vor Gericht auf, eine winzige, temperamentvolle, recht pumucklartige Dame. Ihr Hauptanliegen sei, dass niemand außer ihr die Pumucklfigur künstlerisch weiterentwickeln darf, deshalb soll der laufende Wettbewerb abgebrochen werden. Der Pumuckl sei ein Geist. Geister heiraten nicht, sind sexuell indifferent und reifen auch nicht von der Seele her, Punkt.

Der Vorsitzende Richter Konrad Retzer hält den Fall für sehr kompliziert. Einerseits das Urheberrecht, andererseits die Meinungsfreiheit. Es darf ja jeder zur sexuellen Orientierung des Pumuckl eine eigene Meinung haben. Es gibt, sagt Retzer, auch schon ein BGH-Urteil zur Sexualität von Obelix. Ein Zeichner hat Obelix nackt dargestellt, dies war nach Ansicht der Bundesrichter vom Grundrecht der Meinungsfreiheit gedeckt, weil der Zeichner kein geistiges Eigentum verfälschen, sondern die Sexfeindlichkeit der Asterix- Comics kritisieren wollte. Barbara von Johnsons Anwalt bringt Belege dafür, dass Pumuckl schon mal verliebt war. Haben nicht auch Donald Duck und Micky Maus Freundinnen? Nun, Enten und Mäuse sind in dieser Hinsicht vielleicht anders zu bewerten als Klabauter.

Im Kampf der Pumucklmütter könnte man, wenn man an das Gute im Menschen nur eingeschränkt glaubt, die Erschaffung einer Pumucklgefährtin als einen besonders raffinierten Schachzug interpretieren. Denn die Pumucklfrau würde, wenn sie sich als Charakter durchsetzt, ja der Barbara von Johnson ganz allein gehören. Das Urteil wird am 24. Mai verkündet.

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