Zeitung Heute : "Habibi": Lass deine Kindheit in St. Louis

Rolf Brockschmidt

"Liyana Abboud hatte gerade ihren ersten Kuss geschmeckt, als die Eltern verkündeten, die Familie würde in ein anderes Land ziehen." So beginnt Naomi Shibab-Nye ihren Roman "Habibi" und gibt damit zugleich die doppelte Problematik an: Trennung von der jungen aufkeimenden Liebe im amerikanischen St. Louis und Aufbruch in das ungewisse Palästina Ende der 90er Jahre. Der Vater, Kamal Abboud, der einst Palästina verlassen hatte, um in den USA Medizin zu studieren und es dort bis zum angesehenen Arzt gebracht hat, möchte, dass seine Familie seine Verwandschaft kennen lernt, vor allem Großmutter Sitti. Liyanas Bruder Rafik und ihre Mutter Susan verstehen das Anliegen, wobei es Liyana nur eben besonders schwer fällt, das Land zu verlassen. Aber Vater Kamal ist von seinem eigenen Plan begeistert, zumal die politischen Umstände, der sich abzeichnende Friedensprozess, die Rückkehr als relativ unproblematisch erscheinen lassen.

Naomi Shibab-Nye schildert im ersten Teil ihres Romans sehr sensibel den Abschied von ihrer lieb gewordenen Heimat, in der sie 14 Jahre lang gelebt hat, das Haus und überflüssige Möbel werden verkauft, ein Stück Kindheit bleibt zurück. Shibab-Nye hat diese Erfahrung 1966 mit 14 Jahren ebenfalls gemacht, als ihre Familie wieder in die Westbank zog. Aber nun sind die Verhältnisse anders, so scheint es.

Ideal und Wirklichkeit klaffen immer auseinander. Die israelischen Soldaten haben noch immer ihren ruppigen Ton am Leibe und die lieben Verwandten sprechen natürlich kaum englisch und stammen vom Land. Vater Kamal hat alle Mühe, die kulturellen Unterschiede zu moderieren. Die Familie bekommt natürlich in Jerusalem keine Wohnung, sondern muss nach Ramallah ziehen, ein Flüchtlingslager befindet sich ganz in der Nähe. So werden Rafik und Liyana ziemlich schnell mit der harten Wirklichkeit des Nahen Ostens konfrontiert.

Naomi Shibab-Nye beschreibt diesen schwierigen Prozess der Annäherung und Integration mit viel Sympathie, die Amerikaner erscheinen plötzlich als die Ausländer, die sich in einer ihnen fremden Kultur zurecht finden müssen. Liyana geht auf eine armenische Schule, schließt Freundschaft mit zwei Flüchtlingskindern und verliebt sich, wie könnte es anders sein, in einen Israeli, Omer, dessen wahre Identität für sie zunächst unerheblich war.

Geschickt verknüpft die Autorin diese Geschichte einer Annäherung mit den dramatischen Ereignissen im Nahen Osten, wie sie leider an der Tagesordnung sind. Ein Bombenanschlag der Palästinenser löst Aktionen der Israelis aus, die auch unmittelbar die Familie Abboud betreffen. Shibab-Nye versucht in ihrem Roman, trotz aller schrecklichen Vorkommnisse einen Ausweg aus der verfahrenen Situation zu finden. Integrationsfigur ist dabei die Großmutter Sitti, die einfach schon zu viel erlebt hat, um nicht zu begreifen, dass die wachsende Liebe zwischen Liyana und Omer der richtige Weg ist, zu einer Aussöhnung zu kommen. "Habibi" - das arabische Wort für "Liebling" - ist ein bewegender Roman, der durch die Ereignisse in den Palästinensergebieten an trauriger Aktualität gewonnen hat, gleichzeitig aber auch um Verständnis für unterschiedliche Positionen und Versöhnung wirbt, ohne ins platte Gut-Menschen-Klischee zu verfallen. Wenn Omer mit der Familie Abboud erstmals einen Ausflug in die Westbank unternimmt, ist das für ihn ein Aha-Erlebnis, das im starken Kontrast zu den Erzählungen seiner Landsleute steht. Die Begegnung mit den anderen öffnet die Augen - und kann vielleicht etwas bewirken.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!