Zeitung Heute : Härter als die RAF

Der Tagesspiegel

Von Uta Andresen

Achim ist einer von denen, die dir beim Reden die Hand auf den Unterarm legen. Lila Halstuch, lila Baumwollpulli, die Haare leicht angegraut, vorne kurz, hinten lang. 37 Jahre alt, Sozialarbeiter aus Hamburg, aufgewachsen in Nürnberg, mit 19 in der Friedensbewegung, mit 21 bei den Autonomen, dann bei den Anti-Imperialisten, später bei „Libertad“, einer Gruppe von Linken, die sich der Befreiung von politischen Gefangenen widmet, mit politisch legalen Mitteln, versteht sich. Achims Helden: die letzten RAF-Mitglieder, die im Hochsicherheitstrakt ihre Strafe absitzen.

Extra nach Berlin ist er gekommen, zur Premiere im Programmkino „Neues Off“. Ein türkischer Regisseur zeigt seinen Dokumentar-Film über die Isolationshaft. Zu sehen sind darin Stars des europäischen Terrorismus: Ex-Gefangene der baskischen Eta, der irischen IRA, der deutschen RAF. Dazu türkische Hungerstreikende. Nach der Vorführung stehen sie auf der Bühne: Irmgard Möller, einst RAF, Jim Mc Veigh, einst IRA, und Pilar, einst Eta. Rolf Heißler, im Herbst nach 18 Jahren Haft entlassen, sitzt in der ersten Reihe. Das Publikum ließe sich wohl zu standing ovations hinreißen, wenn das nicht so bürgerlich wär’.

Achim begrüßt seine Kumpels mit einem „Du, die Irmgard ist auch da.“ Die Irmgard. Achim ging noch zur Schule, als Irmgard Möller und Rolf Heißler wegen Mordes und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verhaftet wurden. „Die RAF, das war für mich der Mythos vom kämpfenden Menschen. Ich habe lange überlegt, ob ich denen schreibe. Man baut sich ja so einen Sockel auf“, sagt Achim. Er traut sich bei Eva Haule. Mit 26 schickt er der inhaftierten RAF-Terroristin seinen ersten Brief. Schließlich war sie nicht von Anfang an ein „kämpfender Mensch“, sondern gehörte auch mal zur „Soli-Szene“, wie Achim jene kleine, aber zähe Gruppe nennt, die auch heute noch, 25 Jahre nach dem Attentat auf den Generalbundesanwalt Siegfried Buback, an die Ziele der RAF glaubt und jene verehrt, die einst dazu gehörten und heute noch dafür sitzen. Der Schuss auf Buback, der sich am Sonntag jährt, war der Beginn einer blutigen Auseinandersetzung zwischen RAF und Staat. Die Bilanz am Ende des Deutschen Herbsts 1977: 16 Tote, davon zehn Opfer der RAF und sechs Terroristen. Bis zur Auflösung der RAF 1998 zählte man 26 Tote, davon sieben RAF-Angehörige.

Achim fasst sich also mit seinen 26 Jahren ein Herz, schreibt Eva Haule, wie unsicher er sei, ihr, der Kämpfenden, einfach so zu schreiben, wie sehr ihn die Hungerstreik-Erklärung der RAF-Gefangenen beeindruckt habe. „Sie schrieb zurück, ich solle mir da mal keine Gedanken machen, sie habe auch ein Jahr gebraucht, bevor sie ihren ersten Brief damals an Lutz Taufer von der RAF schickte.“

Achim beginnt seine Brieffreundschaft zu einer Zeit, als die großen Solidaritätsbekundungen für die inhaftierten RAF-Mitglieder längst vorbei waren. Ende der 80er Jahre, zur Zeit des Hungerstreiks der Inhaftierten, gingen 10 000 auf die Straße. 1992 waren es noch 2000, heute ein paar hundert. Wenn überhaupt. Warum er sich radikalisierte, während alle um ihn herum sich mäßigten, kann Achim nicht sagen. Nur so viel: Die Anti-Atom-Demos in Wackersdorf haben ihn politisiert, dann ist er weiter mäandert, von Politikfeld zu Politikfeld: Umwelt, Flüchtlinge, Gefangene. Sollen doch die anderen Karriere machen, er sitzt im Hamburger Flüchtlingsrat und hat da ein Wörtchen mitzureden. Ist ja auch eine Art von Karriere.

Warum er ausgerechnet beim Besucherdienst für die RAF hängen geblieben ist? Vielleicht weil der unsichere Typ mit dem Schlabberpulli so auf einmal zu einem ganz exklusiven Club gehörte.

Übrig geblieben von den zahlreichen Gruppen, die einst „Zusammenlegung aller revolutionären Gefangenen jetzt!“ forderten, ist außer „Libertad“ noch die „Rote Hilfe“. Der Verfassungsschutz glaubt, die Rote Hilfe unterstütze „gezielt Anhänger vor allem der linksextremistischen Szene, die im Zusammenhang mit politischen Aktivitäten straffällig geworden sind“. Doch die Organisation schafft es heute nicht einmal mehr, ihre bundesweit noch 4000 Mitglieder für Solidaritätskundgebungen in Sachen RAF auf die Straße zu holen. Wie viele Mitglieder Libertad hat, will Achim erst gar nicht sagen. Wozu den Niedergang dokumentieren? Vierzig sind es, bundesweit, schätzen manche. Dennoch hat der Verfassungsschutz Libertad ein eigenes Kapitel gewidmet, Titel: „Sonstige militante Linksextremisten“. Achim und seine Freunde, ist dort zu lesen, rekrutieren sich aus ehemals der RAF nahe stehenden Strukturen. Die Soli-Szene lebt weiter in ihrer alten Welt; der Verfassungsschutz auch.

Im Kino bleibt Achims Blick an einem von diesen Jungen hängen, Military-Hose, Raver-Frisur, enges T-Shirt. Er setzt einen mitleidigen Blick auf: „Ich habe mir oft überlegt, dass ich eigentlich noch Glück hatte – ich habe von den Kämpfen wenigstens noch etwas mitbekommen.“ Fehlt noch, dass Achim bedauert, nicht 20 Jahre früher geboren worden zu sein, oder wenigstens sieben, so wie Roger, der 43 ist und auch Sozialarbeiter. Mit dem er darüber sprechen kann, dass „die Massen latent reaktionär, wenn nicht rassistisch sind“. Roger, der mit Karl-Friedrich Grosser, einem ehemaligen RAFler, den er nur Carlos nennt, eng befreundet ist. Ein Name in der Szene; er stand mal auf der Top Ten der Fahndungsliste, saß siebeneinhalb Jahre wegen Unterstützung der RAF.

Mitte der 80er ist Roger das erste Mal in Stammheim, den inhaftierten Freund Carlos besuchen. „Plötzlich bist du in der Schleuse, musst alles abgeben, Ringe, Ohrringe, Tabak. Die Hose aufmachen. Wirst abgetastet, durchleuchtet. Dann hoch mit dem Fahrstuhl. Und dann stehst du da, Stammheim, siebter Stock, und du musst an 1977, an Andreas, Gudrun und Jan denken“, erzählt Roger und scheint immer noch schockiert. Der Ort, an dem seine ersten Helden ihr Leben ließen, für die Sache.

Roger war 19, als im siebten Stock der Justizvollzugsanstalt Stammheim die Leichen von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe gefunden wurden. Heute sitzt er im „Fritz Bauch“, einer Kneipe mit multikultureller Bedienung, dunklem Mobiliar und billigem Bier im Hamburger Schanzenviertel, in dem die 80er Jahre nie out gewesen zu sein scheinen, hier trägt jeder Zweite Jacken mit Lederfransen und lange Haare; die Rote Flora, das Zentrum der Linken, ist nicht weit. Da sitzt Roger und sagt es: „Die Mordnacht von Stammheim“.

Mordnacht. Es scheint, als habe er noch immer jene Glaubenssätze aus dem deutschen Herbst verinnerlicht, die Leute aus der Szene sich damals an die WG-Tür schrieben, als habe er sie jedesmal akribisch nachgezogen, wenn sie politische Patina anzusetzen drohten. Die Gründung der Grünen? „Ein reformistisches Projekt zur Schwächung der Linken und heute Teil des Repressionsapparates“, sagt Roger. Die Drucklegung der taz? „Ein Counter-Projekt.“ Die Globalisierungskritiker von Attac? „Unsolidarisch gegenüber den Gefangenen von Genua und Göteborg.“ Wisch, weg mit dem jüngsten Hauch außerparlamentarischer Politik.

Und das „System“ tat ein Übriges dafür, dass er seinen Glaubenssätzen treu blieb. Es präsentierte Roger die Rechnung, wenn er die Stammheimer Vorfälle in Flugblättern als „Morde“ bezeichnete, die Isolationshaft als „Folter“ oder die GSG9 als „Killertruppe“. Selbst ein Plakat, auf dem Bundes- und Reichsadler zärtlich miteinander schnäbeln, wurde geahndet. „Verunglimpfung eines Staatsorgans“, hieß es. Macht insgesamt zwölf Gerichtsverfahren – drei Verurteilungen wegen Verunglimpfung des Staates, einen Freispruch, acht eingestellte Verfahren – diverse Hausdurchsuchungen und Festnahmen. „Der Verfassungsschutz Baden-Württemberg hat jahrelang einen Kleinkrieg gegen mich geführt. Wenn ich einen neuen Job hatte, hab’ ich nach ein paar Wochen Besuch vom LKA bekommen – und zwar so, dass der Arbeitgeber das auch gesehen hat.“

Auch während seiner Besuche bei Rolf Heißler und Carlos war das LKA stets dabei. „Du durftest bestimmte Worte nicht benutzen wie RAF, Widerstand, Hungerstreik, Guerilla. Wenn du es doch getan hast, wurde der Besuch vom LKA abgebrochen. Also hast du versucht, drum herum zu reden“, sagt Roger. Eines Tages, als das LKA schon etwas gelassener war, durfte Roger Carlos in einem Raum ohne Trennscheibe besuchen. „Wir haben uns erst einmal förmlich die Hand gegeben, so verdattert waren wir. Dann lachten wir und umarmten uns.“

Wie bei allen Veteranen hat sich die Vergangenheit bei Roger in die Gegenwart geschlichen: „Der Kampf um die Freiheit der Gefangenen geht weiter“, sagt er. Die Front? Überall, wo „das System“ seine Fratze zeigt. Die Uniform? Lederhose und Palästinensertuch. Die Waffen? Flugblätter, Demos, Podiumsdiskussionen.

Mit 13, 14 Jahren ist Roger ins Ferienlager der Falken gefahren. Hat Plaketten getragen mit der Aufschrift „Willy wählen“. Ist mit dem Vater plakatieren gegangen. Mit 14, 15 wurden die Sozialdemokraten ersetzt durch den Kommunistischen Bund Westdeutschland. Und das Plakatieren für Willy durch Demonstrationen gegen Berufsverbote für linke Lehrer. Wegen eines Schulstreiks für einen geschassten Lehrer flog Roger mit 17 vom Gymnasium. Später, wenn sie in der Anti-Imperialistischen Zelle Heidelberg Briefe aus dem Knast bekamen, wurden die sofort vervielfältigt, Anwälte informiert, Wohnungen für Entlassene organisiert.

Die Soli-Szene wurde für manche zum Sprungbrett in den Untergrund. Birgit Hogefeld und Eva Haule betreuten Mitglieder der RAF, bis sie selbst welche wurden. „Die Überlegung, geh’ ich in den Untergrund, war da, auch bei mir“, sagt Roger.

Im Frühjahr 2000 hat Roger es noch mal versucht, hat eine Broschüre gedruckt, Titel: „Freilassung für die politischen Gefangenen aus der RAF“. Vorn sind die Fotos derer gedruckt, die Rogers Solidarität und Treue sicher sein können: Rolf-Clemens Wagner, seit 1979 in Schwalmstadt. Christian Klar, seit 1982 in Bruchsal. Brigitte Mohnhaupt, seit 1982 in Aichach. Eva Haule, seit 1986 in Frankfurt am Main. Birgit Hogefeld, seit 1993 in Frankfurt am Main.

„Schwarze Ritter“ nennt die Grünen-Politikerin Antje Vollmer die RAF-Gefangenen. Sie bemühte sich um Begnadigung von RAF-Häftlingen, wurde dafür „von der so genannten Unterstützerszene mit schwersten Kalibern beschossen“. Roger würde sagen: Noch eine Verräterin, die mit dem „System“ gemeinsame Sache machte, um RAFler raus zu holen.

Dabei war es gerade das, was ihre schwarzen Ritter nicht durften: sich dem System beugen, dem Kampf abschwören, nur für ihre Freiheit. Begnadigung durch den Staat, wie jetzt bei Adelheid Schulz? Nicht mit Roger und Achim. „Wir wollen, dass die Gefangenen rauskommen – aber nicht um jeden Preis“, sagt Achim.

Wenn es nach den beiden gegangen wäre, hätte sich die RAF schon viel früher auflösen müssen. Lieber keine RAF, als eine, die auf Gnade vor Recht setzt. Was für eine Enttäuschung, die Speerspitzen des Kampfes waren stumpf geworden. Dabei hatten Roger und Achim, die Kämpfer in der zweiten Reihe, noch so viel Elan! Die Initiative der Häftlinge in Celle, Lutz Taufer, Karl-Heinz Dellwo und Knut Folkerts, die hatten sondieren lassen, ob es mit der Regierung Kohl eine Lösung für die RAF geben könne, da konnte das nur eines sein: Verrat. „Die Geheimdiplomatie der Celler war spalterisch“, sagt Roger.

Am Ende, als die RAF nicht mehr härter als ihre Unterstützter sein wollte, fiel ein schwarzer Ritter nach dem anderen. Für die Knappen gibt es immer weniger zu tun.

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