Zeitung Heute : Härter und älter werden

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Für seine spröde Haut verlangte S. nach einer Handcreme. Hier sei es ja eisig, klagte er. Viel kälter als zu Hause in Köln. „Ist doch wie im Sommer, Alter!“, erwiderte ich: „Du hättest mal letzten Winter hier sein sollen!“

R. aus Wien ist sowieso ein Warmduscher. Ich überließ ihm meinen Futon, als er neulich auf Berlinbesuch war. Am nächsten Morgen konnte er sich kaum mehr bewegen. Für die Matratze brauche man einen Waffenschein, meinte er.

Am Samstag waren wir in der Volksbühne, auf einem Empfang. Wir sahen uns den Film „Panzerkreuzer Potemkin“ an und stürmten anschließend das Büfett: gebratene Maultaschen, Sekt und Rotwein. R. fühlte sich danach, als habe er den Panzerkreuzer verschluckt und literweise Salzsäure hinterher gekippt. „Sodbrennen“, hauchte er. Tja. In meiner Stammkneipe „Dietrich Herz“ hatten sie auch nichts dagegen. Berliner kennen solche Wehwehchen nicht!

S. ist Nachwuchslehrer und steht kurz vor der Verbeamtung. Erfreulich, in heutiger Zeit. Aber in der U-Bahn mischten sich sofort Einheimische in unser Gespräch, und begannen ihn als Biedermann zu verhöhnen. „Nicht ärgern!“, sagte ich: „Ich wundere mich immer, wenn sich in Berlin gerade mal niemand über mich lustig macht.“ S. war trotzdem total sauer.

Später standen wir auf dem Dach eines Kaufhauses am Kurt-Schumacher-Platz und starrten in den grauen Himmel. S. liebt Technik und wollte Flugzeuge gucken. Da erschien ein grünes Licht am Himmel. Es wurde immer heller, und entpuppte sich als Flugzeug, das direkt auf uns zuflitzte. S. geriet in Panik, ich blieb völlig ruhig, als die Maschine haarscharf über unsere Köpfe hinwegdonnerte.

Bei den Pfadfindern in Basel haben wir manchmal das Lied vom grausamen Bolle-Amüsemang gesungen. Damals wusste ich nicht, dass es aus Berlin stammt. Woher aber auch sonst? Ich bin jedenfalls viel härter geworden hier. Nicht einmal vor Flugzeugen fürchte ich mich mehr. – Neulich bin ich aber doch erschrocken. Beim Blick in den Spiegel. Berlinjahre müssen so was wie Hundejahre sein: Sie zählen siebenfach.

Ideal zum Flugzeuge gucken: die Dachterrasse des Kaufhauses „Der Clou“ am Kurt-Schumacher-Platz (Reinickendorf).

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