Zeitung Heute : Häschensex für Fortgeschrittene

Das britische Dessous-Label Agent Provocateur ist nichts für Schüchterne – aber es boomt weltweit

Grit Thönnissen

Es ist alles nicht so ernst gemeint: Die kleinen transparenten Höschen, mit einer pinkfarbenen Minischürze vorne am Bündchen, unter der das Schamhaar durchschimmert. Die Strapshalter Modell Bunny (wie das Häschen vom Playboy) in rosafarbenem Tüll mit Satinschleifen. Die kleinen Nippeldeckel in schwarzem Latex mit langen Quasten dran. All das gehört nicht zum Sortiment eines ordinären Erotikversandhauses – nein, hier geht es um britischen Humor. Mit dem kann man sogar das, was man sonst schlicht und ergreifend als Reizwäsche titulieren würde, in etwas Glamouröses, modisch so Akzeptables verwandeln, dass es sogar von der Modezeitschrift Vogue gefeiert wird.

Seit zwölf Jahren machen Joe Corré und seine Frau Serena Rees unter dem Namen Agent Provocateur in London Dessous wie oben beschrieben und erfreuten sich von Anfang der Zuneigung der Modewelt. Und zwar nicht der als etwas fragwürdige Schmuddelkinder, sondern souveräner Verkäufer von moderner Erotik. Dafür reicht es, statt billigem Polyester und Nylon Seide, Spitze und Hightechfasern zu verwenden, die Passformen zu perfektionieren und das Supermodel Kate Moss in Agent Provocateur an einer Stripteasestange tanzen zu lassen.

„Wir haben den Begriff Erotik für immer verändert“, sagt denn auch Joe Corré mit gesundem Selbstbewusstsein, das vermutlich unter anderem den richtigen Genen geschuldet ist: Seine Mutter ist Vivienne Westwood, die Designerin, die den Punk zur Mode machte, sein Vater Malcom McLaren, Ex-Manager der Sex Pistols.

1994 eröffneten Corré und Rees ihren ersten Laden in der Broadwick Street im Londoner Stadtteil Soho und dekorierten die Schaufenster gleich offensiv mit Puppen in Strapsen und so eindeutigen Posen, dass der Violinenbauer von gegenüber seine Fenster mit Folie blickdicht verklebte. Die Inszenierung geht im Ladeninneren weiter: Die Verkäuferinnen tragen von Mutter Westwood entworfene, knappe rosafarbene Kittel, die gerade so weit zugeknöpft sind, dass man die schwarzen Strumpfhalter erahnen kann. Beratung sei bei Agent Provocateur enorm wichtig, sagt Corré. „Das Anprobieren von Hüftgürteln und halterlosen Strümpfen ist ja auch keine wirklich alltägliche Sache.“

Inzwischen gibt es Agent Provocateur-Geschäfte unter anderem in den USA, Russland, Frankreich und in den Vereinigten Arabischen Emiraten – und nun auch in Deutschland. Bei Galéries Lafayette in der Friedrichstraße stehen ab morgen Verkäuferinnen in besagten Kitteln, um der geneigten Kundschaft eine reiche Auswahl von Strapsen zu zeigen. Joe Corré ist sehr zuversichtlich, dass die Berlinerinnen sich von seinen Produkten begeistern lassen. Er findet sogar, dass deutsche Frauen in der Welt ein sehr sexy Image haben: „So zwischen Cabaret der goldenen Zwanziger und Milchmädchen.“ Ob Frauen in Deutschland solcherlei verstaubte Fantasien selbst noch pflegen, sei dahingestellt – demnächst soll es jedenfalls auch Shops in Stuttgart, Hamburg und München geben. Corré hat einen guten Grund für seine Expansionslaune: Im Onlineverkauf liegt Deutschland nach Großbritannien und den USA weltweit an dritter Stelle. Mit dem Handel im Internet macht Agent Provocateur mehr als 50 Prozent seines Umsatzes.

Auf die Frage, warum eine moderne Frau überhaupt auf die Idee kommen sollte, rosafarbene Spitzen-BHs zu kaufen, weiß Joe Corré natürlich eine Antwort: „Frauen sollen unsere Dessous nicht für Männer tragen, sie sollen sie für sich selbst tragen. Genau wie sie entscheiden, wann sie den Träger über ihre Schulter rutschen lassen.“ Corré findet, dass Frauen ihre Weiblichkeit nicht verstecken sollten. Ganz nach dem Motto: „Ich bin wie ich bin und das will ich zeigen.“

Tatsächlich ist das Interesse an dem, was eigentlich unten drunter getragen wird und deshalb erst einmal nicht sichtbar ist, in den letzten Jahren stetig größer geworden. Wenn man bedenkt, dass es Schlüpfer in ihrer heutigen Form erst seit 1914 und Slips, also Unterhosen ohne Bein, erst seit den sechziger Jahren gibt, genießt Unterwäsche heute einen ungemein hohen Stellenwert in der Mode.

Nicht nur, dass sie als Adaption zum Beispiel als „Lingerielook“ seit den späten Neunzigern in den Designerkollektionen auftaucht, sondern auch, weil sie immer öfter selbst Bestandteil des sichtbaren Outfits wird. Ob sich nun die Träger eines BHs neben die eines engen Tops gesellen, unter zarten Kleidern in Nude-Tönen gleich alles komplett sichtbar ist oder der Tanga hinten aus der tief geschnittenen Jeans schaut, Dessous gehören längst ins alltägliche Straßenbild.

Agent Provocateur gehen da noch einen Schritt weiter: Sie nutzen pornographische und sexuell eindeutige Gesten und Posen, kreieren die dazu passenden Accessoires wie Peitschen mit glitzernden Griffen, Nippelbalsam und aufwändige Werbefilme mit Sängerin Kyle Minogue. Aber ob ihre Kunden all das für ein erfülltes Sexualleben nutzen, ist deren Sache. Schließlich handelt es sich bei der Ware von Agent Provocateur um sich von Saison zu Saison verändernde Mode.

Da hatte Beate Uhse, die Pionierin der Reizwäsche, noch eine sehr viel pädagogischere Herangehensweise. Ihr war es ernst mit der sexuellen Aufklärung. Nach dem Krieg verfasste sie Aufklärungsschriften zum Thema Verhütung, der erste Sexshop, den sie 1962 eröffnete, hieß „Institut für Ehehygiene“. Für die gelernte Berufspilotin war Reizwäsche ein Mittel zum Zweck, nämlich der eines erfüllten Ehelebens. Und um ihre stimulierenden Waren verkaufen zu dürfen, zog sie sogar vor Gericht. Solche moralischen Gefechte muss das Ehepaar Serena Rees und Joe Corré heute nicht mehr fürchten – für sie sind Verführung und Sex ein Spiel, das man zum eigenen Vergnügen spielt.

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