Zeitung Heute : Häßliche Wahrheiten oder Propaganda?

BURKHARD SCHRÖDER

Was ist Wahrheit? fragte schon der römische Prokurator Pontius Pilatus, als man ihm einen Angeklagten vorführte, dessen Schuld strittig war.Auch der Krieg im Kosovo kennt keine objektiven Wahrheiten mehr, sondern nur noch Propaganda.Die NATO hat das serbische Fernsehen RTS vom europäischen Satelliten-Netz abgeklemmt.Die Welt darf den Präsidenten Milosevic nicht mehr im Originalton zur Kenntnis nehmen.Wer sich trotzdem über die serbische Position aus erster Hand informieren will, dem bleibt nur das Internet.Die serbischen Medien nehmen das zum Anlaß, dem Rest Europas vorzuwerfen, man wolle Orwellsche Zustände herbeiführen.Das Pressezentrum der jugoslawischen Regierung bemüht den lateinischen Satz: Audiatur et altera pars - auch die andere Seite möge gehört werden.

Wenn die serbische Propaganda eine Gefahr für die öffentliche Meinung in Europa wäre, brauchte man sie nicht so ernst zu nehmen, wie der Schlag gegen das serbische Fernsehen suggeriert.Der amerikanische Präsident Clinton hatte am 14.Mai versprochen, den Bürgern Ex-Jugoslawiens werde der private Internet-Zugang erhalten bleiben.Regierungssprecher James P.Rubin verkündete, das Internet könne "dem serbischen Volk helfen, die häßliche Wahrheit über die Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Kosovo zu erfahren".Anfang des Monats erließ die US-Regierung eine Verfügung, die jedem Unternehmen verbietet, Software nach Jugoslawien zu verkaufen.Das Handelsembargo betrifft auch Satelliten-Technologie - die beiden größten Internet-Provider stehen per Satellit mit der Außenwelt in Verbindung.

Die proserbische Organisation Beonet protestiert im Internet gegen den Angriff der NATO auf Telefon- und Computernetze: Jugoslawien sollte gegen das Versprechen Clintons vom Internet abgeschnitten werden.Das Weiße Haus, so ist auf der Beonet-Homepage zu lesen, werde mit "dem Dilemma des Krieges im Informationszeitalter konfrontiert".Diesem Dilemma sah sich Präsident Milosevic schon seit Beginn des Krieges gegenüber.Deshalb ließ er schon am 2.April den letzten unabhängigen Sender Radio B 92 schließen, entließ den Chefredakteur und ersetzte ihn durch einen regierungstreuen Gefolgsmann.

Der Krieg im Kosovo zeigt, welche Bedeutung das Internet in der Informationspolitik bekommen hat.Alle Presseerklärungen beider Seiten sind jedem zugänglich.Die US-amerikanische Federation of American Scientists (FAS) veröffentlicht zum Beispiel detaillierte Berichte über die Truppenstärke und Ausrüstung der alliierten Truppen, das Institute for Publikc Accuracy (IPA) stellt Interviews online zur Verfügung.Wer der englischen Sprache mächtig ist, liest Kurzfassungen der jugoslawischen Zeitungsartikel, wie die der "Borba".Das Blatt rühmt sich, als einzige Zeitung auch während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg erschienen zu sein.Die virtuelle Kampf um den Radiosender B 92 tobte weltweit.Nur wenigen Stunden nach der Schließung hatten sich Unterstützergruppen per E-Mail-Kontakt gebildet, die das Internet für Solidaritätsbekundungen nutzen.

Seit dem Golfkrieg hat sich das Internet explosionsartig ausgebreitet, aber die heute verfügbaren Fakten scheinen nur der Info-Elite zu nützen.Schon kurz nach Ausbruch des Krieges wurden detaillierte Linksammlungen in verschiedenen Foren des Usenet verbreitet, die es jedem Interessierten ermöglicht haben, auch ohne Tagesschau, Magazin-Sondersendungen und NATO-Pressekonferenzen sich breit gefächert zu informieren.

Die Surfer können sich entscheiden, wo sie sich informieren wollen.Sowohl die NATO als auch Jugoslawien überschätzen offenbar die Wirkung der Propaganda: Man will die eigene Position verbreiten, fürchtet aber, die andere Seite könnte das auch tun.Aktion und Reaktion bedingen einander und werden durch das Internet sofort weltweit dokumentiert.Der Versuch, Informationen zu verhindern, kann nur gelingen, wenn man den Gegner in die Informations-Steinzeit zurückbombt, oder, wie Milosevic, jede abweichende Meinung sofort mit brutalen Mitteln unterdrückt.Beide Methoden, das lehrt der letzte Krieg in diesem Jahrtausend, sind zum Scheitern verurteilt - dank des Internet.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben