• Hätten die Ereignisse vor zehn Jahren auch ohne Zeitungen und Fernsehen aus dem Westen so stattgefunden? Eine internationale Tagung in Berlin

Zeitung Heute : Hätten die Ereignisse vor zehn Jahren auch ohne Zeitungen und Fernsehen aus dem Westen so stattgefunden? Eine internationale Tagung in Berlin

Mechthild Zschau

Hätte es den Umsturz im Osten Europas gegeben ohne den Einfluss der West-Medien? Ja, sagt der erfahrene Reuters-Journalist Michael Nelson, er wäre gekommen, später zwar und sicher blutig. Sie haben eine mächtige, wenn auch nicht allmächtige Rolle gespielt, diese so scharfen wie gewaltlosen Waffen des Kalten Krieges. Darüber ist sich die große Schar der Wissenschaftler und Journalisten einig, die auf Einladung des Historischen Museums in den Gropius-Bau kamen, um ihr Wissen über eben diese Rolle auszutauschen. Von allen Seiten sendeten sie durch den Eisernen Vorhang, erst nur die Radioprogramme wie Radio Free Europe und Radio Liberty, beides Gründungen des amerikanischen CIA, dazu Voice of America, die Deutsche Welle und auch die BBC, die beste Kontakte zum Intelligence Service pflegte. Mit klarem propagandistischem Auftrag informierten sie über das Leben in ihren Ländern, über die eigene Kultur, übten Kritik am Sozialismus und setzten ihre Werte dagegen: Individualität, Bedürfnisbefriedigung, Meinungsfreiheit, Vielfalt der Perspektiven. Und sie lieferten jene Nachrichten, die die einheimischen Medien verschwiegen oder schönten. Mit derlei Sirenengesängen der Freiheit, mit seriöser Information und Aufklärung unterminierten sie langsam und wirksam die feindliche Ideologie. Wer die West-Medien trotz hoher Strafandrohungen hörte - und das Publikum wuchs rasant - begann skeptisch zu werden, Fragen zu stellen, den eigenen Medien, den eigenen Mächtigen zu misstrauen. Ein "stilles Zersetzen der ideologischen Werte" zugunsten derer der "leistungsorientierten Warengesellschaft", nennt der Medienwissenschaftler Knut Hickethier diesen schleichenden Vorgang, der vor allem im West-Fernsehen, das zumindest die DDR nahezu flächendeckend überstrahlte, einen welt-anschaulichen Ausdruck fand. Hie glitzernde Unterhaltungs-Shows und "Tagesschau", da "Aktuelle Kamera" und die Ödnis der Didaktik. Wobei bis heute niemand genau weiß, wie die Bürger der DDR das Flimmerbild des Westens rezipierten - wahrscheinlich höchst selektiv als idealisiertes Paradies.

Wenn der ehemalige RIAS-Journalist Manfred Rexin von den wüsten Tagen um den 17. Juni 1953 berichtet, ersteht ein heikles Stück deutscher Geschichte in authentischen Tönen wieder auf. Es war eine "schwierige Gratwanderung", die der von den Amerikanern eingerichtete Berliner Sender dabei unternehmen musste. Er wollte den Aufständischen helfen, durfte es aber nicht. Er versagte sich flammende Aufrufe und hielt sich strikt ans journalistische Berichten. Die Gefahr der blutigen Niederschlagung war zu groß, das zarte Pflänzlein Demokratie-Sehnsucht sollte nicht zertrampelt werden. Und zur gleichen Zeit verhörten Vertreter des McCarthy-Ausschusses die RIAS-Betriebsspitze peinlich. Der Kalte Krieg tobt, die Propaganda tut, was sie kann, und doch ist so etwas wie Verantwortungsbewusstsein am Werk: damals war Deutschland noch nicht so gründlich geteilt wie später, als die Westler begannen, ihre "Brüdern und Schwestern" langsam zu vergessen. Wenn dann Christoph Singelnstein, nach der Wende für kurze Zeit Intendant des Rundfunks der DDR, von den vehementen Rückzugskämpfen der SED aus den Medienbastionen erzählt - es war der Kampf, sagt er, zwischen denen, die die Macht halten wollten und denen, die sie haben wollten, "aber eben nicht so richtig" - ist der Kalte Krieg endgültig vorbei, der Gegner gründlich zerschlagen, der manchmal immer noch aufblitzende Stolz der Medienmacher-Sieger beschämt.

Und was wird nun aus der funkelnden Waffe der westlichen Medien? In Ost-Europa haben sie noch eine Menge zu tun, überall dort, wo totalitäre Herrschaft sich hält. Bei Milosevic zum Beispiel, der den Kosovokrieg schlau dazu nutzte, unabhängige Medien zu zerschlagen oder einfach mit seinen Kadern zu besetzen. Wenn beides nicht funktioniert, macht er ihnen unauffällig das Leben unmöglich: die Druckereien gehören dem Staat ebenso wie das Kiosk-System. Die wenigen überlebenden staatsfreien Medien in ganz Ex-Jugoslawien hängen am Finanztropf der Internationalen Gemeinschaft oder privater Mäzene wie der Soros-Stiftung. Nur das Internet, berichtet der kenntnisreiche "taz"-Journalist Rüdiger Rossig, gehört zu jenem unkontrollierbaren Raum, in dem sich Pression und Zensur nicht breitmachen können. Und in der Luft: Satellitenschüsseln und Antennen machen es unmöglich, dass Fenster, die einmal offenstanden, wieder wirklich zugehen. Auch nicht in den Köpfen der Menschen.

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