Zeitung Heute : Häuptling Kinderglück

Der Tagesspiegel

Von Kerstin Kohlenberg,

London

Ohne Gott wäre Mohammed aufgeschmissen. Er wäre wahrscheinlich Polizist geworden wie sein Vater. Er würde im warmen Ägypten nach Verbrechern suchen, und seine vier Kinder würden ihm dabei zwischen den Beinen herumspringen. Aber Gott mag Mohammed. Hätte er ihm sonst gleich Tausende von Kindern geschenkt und ihn damit zum Besten unter seinesgleichen gemacht? Hätte er ihm sonst den richtigen Riecher und das viele Geld gegeben? Wäre er doch bloß Polizist geworden, seufzen die, die ihn für einen Verbrecher halten.

Zehn vor sieben, wie jeden Tag, tritt Mohammed Taranissi aus dem goldenen Fahrstuhl in die Halle. Große Hornbrille, Schnurrbart, brauner Mantel. Der Rest ist Marmor, Kronleuchter und Stuck. Taranissi nickt dem Doorman zu, öffnet die schwere Tür und betritt London. Für zwei Minuten. Dann hat er sein Auto gefunden, fährt zwei Blocks weiter, parkt und verlässt die Welt wieder. Für die nächsten zwölf bis 14 Stunden verschwindet er hinter der glänzend blauen Tür seiner Privatklinik in der Wimpole Street und taucht ein in seine zweistöckige Welt der künstliche Befruchtung. So wie jeden Tag, Montag bis Sonntag.

Taranissi ist 47, seit 22 Jahren lebt er in England und ist dort ziemlich bekannt geworden. Denn er kämpft mit viel Aufwand gegen die „Human Fertility and Embryology Authority“ (HFEA), eine Behörde, die in England die künstliche Befruchtung und den Umgang mit Embryonen überwacht. Er hat sie zu seinem ganz persönlichen Feind gemacht, denn sie kontrolliert den Doktor. „Wer weiß denn besser als ich, was gut für die Patienten ist?“, sagt Taranissi und hängt seinen Mantel zwischen eine gold-gerahmte Pyramide und einen Pharao. Um ihn herum Akten, Kinderbilder, Medikamente, auf dem Kamin stehen zwei Pokale arabischer Patienten. Auf einem steht „Thank you for your life“.

Dann steigt er in den Keller hinunter, wechselt Hemd und Hose gegen einen blauen Klinikkittel und bindet eine Haube um, die er den ganzen Tag nicht mehr abnehmen wird. In fünf Minuten ist die erste Operation.

Seinen letzten Sieg über die HFEA hat Taranissi vor wenigen Wochen errungen, hinter ihrem Rücken. Er hat es geschafft, dass das erste englische „Designerbaby“ geboren wurde. Es ist das zweite Kind weltweit, das nach einem einzigen Kriterium im Reagenzglas ausgesucht wurde: Ob es den gleichen Gewebetyp hat wie der an Leukämie erkrankte Bruder. Denn mit dem gleichen Gewebetyp kann das stammzellenreiche Nabelschnurblut des neuen Kindes den kranken Bruder retten. Ein Gentest am Embryo im Reagenzglas (PID) ist in England zwar erlaubt, allerdings nur, um schwere Erbkrankheiten zu vermeiden. Die Auswahl eines genetisch passenden Embryos, das war neu – und sehr umstritten.

Taranissi legt seine Instrumente zurecht. Operiert wird im Keller, ihm assistieren eine Schwester, eine Biologin und ein Anästhesist.

Er sei sie so leid, diese ewige Moral-Diskussion, sagt Taranissi. Stundenlang habe er darüber schon im Fernsehen debattiert. Er würde alles machen, um eine Krankheit zu vermeiden oder sie zu heilen. Denn das sei seine Aufgabe als Arzt. Und seine Patientin sei so verzweifelt gewesen. Also schickte er das Paar, das bis heute unbekannt bleiben will, unbemerkt in die USA. Und während eine weitere britische Familie, die Hashmis, die von einem anderen Arzt behandelt wird, geduldig und mit viel Medienrummel darauf wartete, wie die Behörde über ihren Antrag für ein „Designerbaby“ entschied, wurde Taranissis Patientin in Chicago behandelt. Am Valentinstag ist das Kind dann in England geboren worden. „Die haben geheult vor Glück. Wenn man das gesehen hat, dann weiß man, wie absurd die ganze Debatte um ,Designerbabys’ und Ersatzteillager ist“, sagt Taranissi und lässt die erste Patientin in den Operationsraum bitten.

Vielleicht hat Taranissi ja Recht. Vielleicht fehlen seinen Gegnern einfach die Erfahrung und das Vertrauen in die Eltern. Aber was ist mit den Folgen? Werden die Kinder darunter leiden, dass sie nicht nur Geschwister sind, sondern auch Retter?Werden sie irgendwann danach fragen, ob man sie auch als Nur-Geschwister gewollt hätte? Oder werden sich diese Befürchtungen genauso auflösen wie die bei den Retortenbabys?

Begegnung vor Gericht

Die HFEA jedenfalls erlaubte kurz nach der Geburt auch den Hashmis die Behandlung. Sechs Monate hat sie insgesamt dafür gebraucht, und man werde das auch in Zukunft mit jedem neuen Fall so machen, sagt Maureen Dalziel, die Geschäftsführerin der HFEA. Jeden Fall einzeln bewerten, anders seien diese komplizierten Fragen nicht mehr zu regeln. Und wenn die Zahl überhand nimmt? Maureen Dalziel zuckt mit den Schultern. „Wir werden sehen.“ Sie sitzt in einem kleinen Büro in der Nähe von Liverpool Station und muss bald schon über einen Antrag von Taranissi entscheiden. Er will seinen Gewebetest nämlich so schnell wie möglich auch in London anbieten. Dazu braucht er ein PID-Labor. Das kommt die Patienten viel billiger, schreibt er, denn bislang gibt es in England keine Klinik, die diesen Test beherrscht.

Dalziel und Taranissi kennen sich schon von einem früheren Fall. Damals hatte Taranissi vor Gericht gegen die Richtlinie der Behörde geklagt, nur drei Embryonen nach der künstlichen Befruchtung in die Gebärmutter der Frau einpflanzen zu dürfen. Mehrlingsschwangerschaften seien zwar gefährlich, trotzdem hält er es für einen Fehler, dass man die Zahl für alle Frauen gleich reguliert. Die Frau, um die es damals ging, war Ende 40 und hatte schon acht erfolglose Versuche für über 24000 Pfund hinter sich. Taranissi wollte ihr fünf Embryonen einpflanzen, um die Chancen auf eine Geburt zu erhöhen. Er verlor den Prozess. Mittlerweile hat die Behörde die Zahl auf zwei heruntergesetzt.

Eleonore ist Taranissis erste Patientin an diesem Morgen. Es ist kurz nach sieben, als sie sich auf den Tisch im warmen Keller-OP legt. Der Anästhesist betäubt sie, Taranissi spreizt ihre Beine und legt sie auf zwei Stützen neben dem OP-Tisch. Er wird ihr die Eizellen entnehmen, die er über Tage mit Hormonen hat heranwachsen lassen. Seine Patienten kommen aus der ganzen Welt, denn aus irgendeinem Grund, den niemand so richtig versteht, gelingt es Taranissi, doppelt so vielen unfruchtbaren Paaren zu einem Kind zu verhelfen als anderen Ärzten in England. Er ist Spitzenreiter der Branche. „Ich glaube, das bin gar nicht so sehr ich“, sagt Taranissi. „Künstliche Befruchtung ist eigentlich ziemlich einfach. Ich glaube, das ist Gott.“ Warum Gott gerade ihm hilft? „Weil ich ein guter Mensch bin“, sagt Taranissi todernst. Er versuche immer, das Optimale für jede Patientin rauszuholen.

Und dafür braucht er sein neues PID-Labor. Ein Haus dafür hat Taranissi schon gekauft, ein Riesending, direkt um die Ecke seiner Praxis. Alles läuft wie am Schnürchen, auf irgendwelche blöden Geschwindigkeitsbegrenzungen von der Behörde kann er gut verzichten. „Aber zur Not“, sagt er, „mach’ ich das auch ohne die.“ Er glaubt nämlich, ein Loch im englischen Embryonenschutzgesetz gefunden zu haben. Das Gesetz, so sieht er es jedenfalls, schütze nur die Embryonen, nicht aber die einzelne Zelle, die man für die Genuntersuchung im Reagenzglas aus dem Embryoklümpchen zupfe.

Das sieht Maureen Dalziel völlig anders und droht Taranissi, ihm die Approbation als Arzt zu entziehen, wenn er nicht die Entscheidung ihrer Behörde abwartet. Er wird sie wahrscheinlich bekommen, aber hier geht es auch darum, wer wem gehorcht. Denn in einem solchen Labor könnte man in Zukunft möglicherweise noch ganz andere, verbotene Gentests am Embryo machen.

Haarfarbe, Geschlecht, Intelligenz. Davon will Taranissi nichts hören. Ihm gehe es nicht darum, Barbie-Puppen zu züchten, sondern darum, Menschen zu helfen. „Und wenn die mir das verbieten, dann gehe ich vor Gericht. Wissen Sie, wer über meinen Antrag bei der Behörde entscheidet?“, fragt er. „Ein Psychologe, eine pensionierte Forscherin, die mal an Mäusen experimentiert hat, und zwei Verwaltungsleute. Alles Leute, die keine Ahnung haben.“

Zehn Minuten dauert der Eingriff bei Eleonore, Taranissi hat neun Eizellen gefunden und abgesaugt. Eleonore wird auf ein anderes Bett gerollt, rausgeschoben, und dann ist Julie dran, danach Emma, Patricia I und Patricia II. Um neun ist Taranissi fertig. Ob es ihnen etwas ausmacht, dass eine fremde Reporterin zuschaut, hat er keine der Frauen gefragt. In seinem Sieben-mal-zwölf-Stunden-Alltag hat Taranissi das Gespür für das Schamgefühl der anderen verloren.

1000 Frauen etwa behandelt Taranissi im Jahr. Seit fünf Jahren hat er keinen Urlaub mehr gemacht. Hobbies hat er nicht. Kino, Museen – keine Zeit. Und die Familie? Vier Kinder hat er, „aber die sehe ich selten“. Die älteste Tochter ist schon 19 und studiert Theaterwissenschaften in den USA. Die anderen drei haben eine Nanny. Wenn Taranissi gegen neun nach Hause kommt, liegen die drei schon im Bett. Man könnte sagen, da hat jemand den Kontakt zur Außenwelt verloren. Er nimmt sich eine getrocknete Dattel aus seinem Schreibtisch und steckt sie in den Mund. Und seine Frau? Die arbeite auch in der Klinik, sie ist die Chefsekretärin. „Ally, die haben Sie schon gesehen.“ Die mit den schwarzen Haaren? Er überlegt kurz, nickt und spuckt den abgelutschten Dattelkern Richtung Mülleimer. Er landet auf dem Teppichboden, und da bleibt er auch liegen.

Die Sache mit der Haarfarbe

Eine der Schwestern kommt herein und reicht Taranissi die Akte einer neuen Patientin, die extra aus Norwegen zu ihm gekommen ist. Mohammed guckt sich die Daten durch und stöhnt: „Sie ist fast 50, ich bin doch nicht Gott!“ Aber er nimmt sie, ein Alterslimit hat Taranissi nicht. Er hatte mal eine Patientin, erzählt er, die war Mitte 40 und hatte schon 19 Versuche überall auf der Welt hinter sich, als sie zu ihm kam. „Und ich hab’s geschafft. Für die war ich danach tatsächlich Gott. Sogar eine dicke Rolex hat sie mir geschenkt“, sagt Taranissi und wirkt jetzt wie der Häuptling eines Stammes glücklicher Frauen. Die Unglücklichen verschwinden schnell aus seinem Leben. Als die Frau mit der Akte gegangen ist, sagt Taranissi: „Das war Ally.“ Die Haare: hellbraun mit blonden Strähnen. „Oh“, sagt Taranissi, „das vergesse ich immer wieder.“ Müde sei er in den letzten Monaten geworden. Der ganze Streit mit der Behörde, die ganze Politik, das neue Labor, irgendwie habe er das Gefühl, dass er im Moment nicht mehr so richtig konzentriert ist. Taranissi schiebt seine Brille hoch und knetet sein Gesicht. Außerdem werde die Klinik immer größer. Vor knapp sieben Jahren hat er sie gegründet. Da waren sie drei Leute, jetzt sind sie über neun. Erst heute hat er eine neue Krankenschwester eingestellt. Im Moment hat er ein bisschen Angst, den Überblick zu verlieren. Aber ein anderes Leben kann er sich trotzdem nicht vorstellen. „Vielleicht wäre es mal wieder schön, nach Ägypten zu fahren.“ Er wischt mit einer schlappen Handbewegung durch die Luft. „Jetzt ist erst einmal das neue Labor wichtig.“ Ein drittes ist schon in Planung. Taranissi will eigene Stammzellenlinien züchten.

Dafür braucht man Embryonen, und was liegt näher, als die überzähligen Embryonen aus der künstlichen Befruchtung für die Stammzellengewinnung zu nehmen. Die ersten beiden Lizenzen für solche Labors gibt es in England seit knapp drei Wochen. Ethische Bedenken? Dafür ist er jetzt zu müde.

Bis zum Abend rast Taranissi noch einige Male zwischen OP und Behandlungszimmer hin und her, telefoniert und organisiert die Zukunft. Die BBC will zurückgerufen werden, ein deutsches Fernsehteam und eine Klinik aus New Jersey. Um halb sieben verabschiedet sich seine Frau, der Rest der Klinik ist auch schon gegangen.

Taranissi sitzt in seinem Zimmer und knetet ein weißes Gummispermium wie einen Tennisball, ein Werbegeschenk. Gibt es für ihn noch irgendwelche Grenzen? Natürlich, sagt Taranissi, Samen oder Eizellenspenden, das lehne er aus ethischen Gründen ab. „Ich bin Moslem, und die Vorstellung, dass man nicht weiß, wer die biologischen Eltern sind, finde ich nicht richtig. Wenn ein Mann mit seiner Frau kein Kind kriegen kann, dann muss er sich entscheiden: auf das Kind verzichten oder eine andere Frau heiraten.“

Ob er sich nicht doch manchmal wünscht, Polizist in Ägypten geworden zu sein? „Um Gottes Willen“, sagt Mohammed erschrocken und guckt wie zur Beruhigung auf Hunderte von Dankeskarten in seinem Zimmer. Dann legt er das Gummispermium zurück auf den Schreibtisch und bindet sich die Haube ab. Es ist Zeit für die erste Mahlzeit nach dem Frühstück.

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