Zeitung Heute : Häutungen einer Zwiebel

Wenn die Realität die Fiktion übertrifft: Nur aus Originalszenen montiert, demaskiert ein Film Jacques Chirac

Hans-Hagen Bremer[Paris]

Eine Szene aus dem Jahr 1970: Vor einer Karte des südwestfranzösischen Departements Corrèze erklärt ein junger Mann mit glatt gestriegeltem Haar: „Die Politik ist kein Metier, sie ist eine Berufung. Ich weiß nicht, ob ich diese Berufung habe. Meine Leidenschaft ist sie nicht.“ Damals war er schon Abgeordneter und Staatssekretär und, wie man heute weiß, längst der Droge der Macht verfallen. Vier Jahrzehnte lang hat Jacques Chirac, der gestern Angela Merkel traf, die Politik als Beruf ausgeübt, als Parteichef, Minister, Premierminister, Bürgermeister von Paris und seit 1995 als Präsident.

Nun geht seine Ära zu Ende, die Zeit der Abrechnungen ist gekommen. 2007 sind Präsidentenwahlen. Chirac, mit 73 Jahren Dinosaurier unter den Staatsmännern, der schon Premierminister war, als noch Breschnew im Kreml und Nixon im Weißen Haus herrschten, wird wohl nicht wieder kandidieren. Zweimal hat er das höchste Staatsamt errungen. Zweimal hat er sich anschließend schwere Abfuhren der Wähler geholt, das erste Mal 1997 bei vorzeitigen Neuwahlen, das zweite Mal vergangenes Jahr beim EU-Referendum. Andere Politiker wären über solche Niederlagen gestürzt, doch Chirac steckte sie weg. Wie ist das möglich?

Authentische Antworten auf diese Frage finden sich in dem Film „Dans la peau de Jacques Chirac“ (In der Haut Jacques Chiracs), der gerade in Frankreichs Kinos läuft. Darin zeichnen die Journalisten Karl Zero und Michel Royer die politische Karriere des Präsidenten nach. Es ist eine Zickzack-Karriere, voller Widersprüche, Volten, Zynismen und Lügen. Der Film ist ausschließlich aus historischen Aufnahmen des französischen Fernsehens mit Originalton Chirac montiert. Einzelne Szenen wurden mit Zwischentexten verbunden, die der Imitator Didier Gustin mit täuschend echtem Chirac-Tonfall spricht. Aus Kilometern Archivmaterial ist so eine „nicht autorisierte Autobiografie“ Chiracs entstanden, in der, so das Motto des 90-Minuten-Streifens, „die Realität die Fiktion übertrifft“.

Als Bürgermeister hatte Chirac den Bewohnern von Paris versprochen, das Wasser der Seine werde bald wieder so sauber sein, dass sie darin schwimmen könnten. Er verkündete auch, wie mehrere Szenen aus den Jahren 1967 bis 1995 zeigen, dass die Arbeitslosigkeit ihren Höhepunkt überschritten habe und nun wieder sinke. Sie stieg in dieser Zeit von 40 000 auf drei Millionen. Er gibt sich als Anti-Rassist, 1990 ging er mit Worten über „den Gestank und den Lärm“ von Einwandererfamilien auf Stimmenfang. Er bekämpft den Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen, billigte aber lokale Bündnisse mit dessen Nationaler Front. In der Debatte über die EU-Verfassung setzte er sich für das erweiterte Europa ein. 1978 sah er mit der Aufnahme Spaniens und Portugals das Ende der EG voraus.

Der Vergleich mit Nanni Morettis Film „Caiman“ über Silvio Berlusconi drängt sich auf – oder mit Michael Moores „Fahrenheit 9/11“ gegen George W. Bush. Doch Karl Zero wehrt ab. Er habe weder einen Anti- noch einen Pro-Chirac-Film gemacht, sagt er. Er will ihn als Dokument verstanden wissen. In diesem wirkt sein unfreiwilliger Filmstar gerissen, brutal und demagogisch, lächerlich und dann auch wieder entwaffnend komisch. Am Ende mag sich beim Zuschauer sogar eine gewisse Sympathie einstellen.

Diese Regung kommt bei der Lektüre der Anti-Chirac-Pamphlete, die derzeit in Frankreichs Buchhandlungen Konjunktur haben, nicht auf. „Angeklagter Chirac, stehen Sie auf“, lautet der Titel eines Buches, das Denis Jeambar, der Chefredakteur des Magazins „L’Express“, vorlegte. Daneben springen „Der kleine Jacques“ des „Le-Monde“-Redakteurs Laurent Mauduit und „Der Reinfall“ von Robert Schneider vom „Nouvel Observateur“ ins Auge. Keiner aber geht mit Chirac so hart ins Gericht wie Franz-Olivier Giesbert, der Autor des mit pikanten Details und vernichtenden Zitaten gespickten Bestsellers „Die Tragödie des Präsidenten“.

Es herrscht Endzeitstimmung. Und die Antworten auf die Frage, was von Chirac bleiben wird, fallen nach dem Aufruhr der Jugend in den Vorstädten und dem Sturm gegen die Arbeitsmarktreform seines Premierministers Dominique de Villepin selbst im Regierungslager unbarmherzig aus. Nun lassen die Clearstream-Affäre und die Empörung über die Amnestie für den Spezi Guy Drut den Präsidenten spüren, in welcher Einsamkeit er seine Amtszeit zu Ende bringt. Das hätte sich Chirac ersparen können, wenn er, wie einst sein Vorbild de Gaulle, nach dem verlorenen Referendum zurückgetreten wäre. Doch: „Ein Politiker tritt nicht zurück.“ Das hatte er 1976 erklärt und noch im selben Jahr gebrochen. Heute hält er daran fest.

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