Zeitung Heute : Hafen- Barde

Junge, komm bald wieder: Freddy Quinn war der Hamburger Seemann. Doch zur See gefahren ist der Wiener nie. Seine Biografie war frei erfunden – das hatte es im Musikgeschäft noch nie gegeben. Am Mittwoch wird der Sänger 75 Jahre alt.

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Von Elmar Kraushaar Der Erfolg ist nicht geplant, ganz und gar nicht. Günter Ilgner, 1956 Vertriebsleiter bei der Plattenfirma Polydor in Hannover, muss von seinem Büro aus nur ein Stockwerk nach unten ins Lager steigen, um sich die Pleite anzuschauen. Wie eine haushohe Wand liegen da 20 000 Schellack-Platten, unverkäuflich. Das war wohl ein Schnellschuss, denkt Ilgner, nur um die Konkurrenz von Electrola zu kontern. Denn die haben die deutsche Version des US-Hits „Sixteen Tons“ bereits mit Ralf Bendix produziert, und jetzt kommt die Polydor mit einem gänzlich unbekannten Sänger daher, der einfach nur „Freddy“ heißt.

Ilgner versucht das Schlimmste zu verhindern und ruft in der Hamburger Zentrale an: „Gebt dem Jungen einen Nachnamen!“, rät er den Produzenten. „Oder macht wenigstens aus der B-Seite die A-Seite!“ Doch umsonst, es bleibt bei Freddy und bei der Rückseite „Heimweh“, auch dies eine Cover-Version, im Original „Memories are made of this“ von Dean Martin.

Ein letzter Versuch, Ilgner lässt seine Beziehungen spielen und telefoniert mit allen Radio-Programmmachern im Lande: „Wir haben uns verkalkuliert, die Platte liegt wie Blei, könnt ihr sie nicht mal spielen?“ – „Zu spät“, antwortet ihm der Mann vom Bayerischen Rundfunk, „unser Moderator Werner Götze hat die Platte bereits als Schnulze des Jahres vor offenem Mikro zerbrochen.“ Ilgner gibt auf – und traut seinen Augen kaum, als er ein paar Wochen später wieder ins Lager gerufen wird. Nicht eine einzige Platte ist mehr da, im Gegenteil, aus ganz Deutschland liegen unzählige Nachbestellungen vor.

Was ist geschehen? Gar nichts, außer dass das Publikum nach dieser einen Platte, und zwar nach der B-Seite verlangt. „Heimweh“ läuft im Radio rauf und runter, die Plattenläden müssen ständig nachbestellen und im Presswerk in Hannover werden Sonderschichten gefahren. Eine Million verkaufte Platten bis Jahresende 1956, so etwas hat es noch nie gegeben, und der Spitzenplatz in der Hitparade von Ende Mai bis Oktober 1956. Als die Plattenfirma dann umstellt auf Vinyl kommen bis 1958 noch einmal zwei Millionen verkaufte Exemplare in neuem Material und neuem Format dazu „Heimweh“ wird der mit Abstand meistverkaufte Titel der 1950er Jahre.

Mega-Seller, würde man heute sagen, 1956 sind die Polydor-Produzenten nur baff. Wie lässt sich ein Erfolg erklären, für den sie doch nichts getan haben? Die Platte ist schnell und billig produziert worden, mit ganz kleiner Besetzung und ohne großes Orchester, wie sonst üblich, und des Sängers Stimme, na ja, da haben sie eigentlich bessere Interpreten unter Vertrag. Freddy Quinn ist einer aus ihrem Nachwuchsstall, zwei Jahre zuvor entdeckt wie so viele andere junge Talente, die man für wenig Geld einkauft und zunächst zum Gesangs- und Schauspielunterricht schickt. „Ich kam mir vor wie Hänsel im Grimm’schen Märchen, der immer den Finger aus dem Käfig stecken musste, um dann von der ,bösen Hexe’, einer lieben Polydor-Produzentin, zu hören, dass es noch nicht so weit sei“, erinnert sich Freddy Quinn Jahre später.

Am 22. Februar 1956 um 10 Uhr morgens ist es dann doch so weit, „Heimweh“ wird im Großen Saal der Hamburger Musikhalle aufgenommen. Und Freddy Quinn darf vors Mikro, weil René Carol, einer der Stars im Hause Polydor und eigentlich für das Lied vorgesehen, gerade nicht abkömmlich ist, er sitze im Knast, munkelt man, wegen Trunkenheit am Steuer. Quinn erhält laut Ausbildungsvertrag 240 Mark pro Plattenseite, egal wie viele davon verkauft werden. Aber er gibt alles, sein ganzes Gefühl, schließlich geht es in dem Lied um nichts weniger als den Verlust der Heimat, und fast ist es so als ob er weinte dabei.

Das ist es, was den Menschen gefällt, und nur das. Eine Stimme, die ehrlich klingt und verletzlich, voll Sehnsucht und ganz ohne Schnörkel. „Er singt männlich, und doch spürt man das Herz durch“, schwärmt ein weiblicher Fan im Teenager-Magazin „Bravo“. Der Musiksoziologe Wilfried Berghahn holt seinerzeit noch ein bisschen weiter aus, um Quinns „Heimweh“-Erfolg zu erklären: „Das ist die Klage über mangelnde menschliche Wärme, über fehlende Vertrautheit; ein Katalog von Frustrationen, die einem Einsamen in einer zumindest gleichgültigen, wenn nicht feindseligen Welt widerfahren.“

So wenig die Produzenten den ungeplanten Erfolg erklären können, so viel verstehen sie doch vom Geschäft und wissen genau, was jetzt zu tun ist. Das was heutzutage üblich ist im Showgeschäft, es passiert hier zum ersten Mal in Deutschland: Dem Sänger wird ein Image auf den Leib geschneidert, einzig mit dem Ziel, ihn besser vermarkten zu können. Man verpasst Quinn eine Biografie, die sich sehen lassen kann. „Ich habe einen Monat gebraucht, um Freddys Geschichte in eine für die Presse greifbare Form zu bringen“, erinnert sich Jahre später Lotar Olias, der als Komponist und Produzent fortan den Newcomer unter seine Fittiche nimmt. Die abenteuerliche Vita des neu erschaffenen Idols ist deutlich inspiriert von dem Musical „Heimweh nach St. Pauli“, das Olias geschrieben hatte lange bevor er Freddy Quinn kennenlernte.

Dazu guckt er sich ein paar Eckdaten ab aus dem wirklichen Leben des 1931 in Österreich geborenen Manfred Franz Eugen Helmuth Nidl. Das ist die Aufgabe: Des Sängers „Heimweh“ muss sich aus seiner Biografie erklären, Text und Interpretation müssen eins werden mit Freddy Quinn. Schließlich will man mehr, noch mehr Erfolg. Denn ist man nicht mit dem verschütteten „Heimweh“-Gefühl der Massen mitten im nachkriegsdeutschen Wirtschaftswunder auf eine Goldader gestoßen?

Einmal Heimweh, immer Heimweh: „Heimatlos“ und „Der Legionär“ heißen Quinns Folgetitel, „Unter fremden Sternen“, „Weit ist der Weg“ und „Junge, komm bald wieder“. Ein Nummer-Eins-Titel reiht sich an den nächsten, allein neun Goldene Schallplatten gibt es dafür. Zehn Kinofilme mit Freddy Quinn in der Hauptrolle unterstützen die Plattenverkäufe und komplettieren das Image. Die Legende vom einsamen Weltenbummler auch hier: In die Rocky Mountains verschlägt es ihn in den Filmen ebenso wie nach Brasilien, nach Irland und Tahiti, nach Italien und New York, und immer wieder zurück nach Hamburg.

1960 erscheint „Lieder, die das Leben schrieb“, die „Autobiografie“ des neuen Stars, geschrieben von Lotar Olias und mit all den Bausteinen für eine brauchbare Mediengeschichte: Der Jugendliche, der von zu Hause ausreißt wegen des bösen Stiefvaters, erst zum Zirkus geht und dann auf Tramptour durch Europa, bis in die Fremdenlegion nach Algerien, schließlich als Seemann anheuert, mit Stationen in Mexiko, New York und Irland, bis er endlich in Hamburg an Land geht, wo er mit seinen wehmütigen Liedern zur Gitarre in einer Hafenbar auf St. Pauli entdeckt wird – dabei immer einsam und allein. „Ich habe im Leben wirklich Heimweh gehabt. Es war mir auf meinen Fahrten durch die Welt zum ständigen Begleiter geworden. Ich habe es in meinem Lied so echt wiederempfunden, wie ich es bitter erlebt habe.“

Das ist die Biografen-Prosa, die das Publikum lesen will, der Ton ist so falsch wie so viele Tatsachen in dem Buch. Da ist von einem Vater die Rede, ein Kaufmann namens Quinn, irischer Abstammung und ausgewandert in die USA. „Der Ire ist von mir erfunden“, gesteht Ghostwriter Olias später. Und Quinn? Den Künstlernamen hat er sich gegeben nach seinem Leinwandidol Anthony Quinn, erzählen die alten Freunde aus der Wiener Jugendzeit. Auch Freddy Quinns Ankunft in Hamburg ist weitaus profaner als es die Matrosen-Saga erzählt.

Zusammen mit seinem besten Freund Erhard Hassek, kurz Hardy, reist Quinn Ende 1951 von Wien in die Hansestadt. Die beiden musizieren zusammen seit ihrer Zeit in der Katholischen Jugend und haben bereits ein erstes, kurzes Engagement hinter sich, bei einem kleinen Zirkus in der österreichischen Provinz. Jetzt wollen sie die Welt erobern, treten als „Freddie und Hardy“ in der Washington-Bar auf St. Pauli auf, und Jürgen Roland, Fernsehmacher der ersten Stunde beim NWDR, lädt das Duo am 11. Januar 1952 ein für sein Versuchsprogramm „Was ist los in Hamburg?“. Das ist belegt in Bild und Ton, und doch ist Duettpartner Hardy bis heute getilgt aus jeder Quinn-Biografie.

Auch später ist Freddy nicht wirklich einsam und allein. 1956 heiratet er Lilly Blessmann, erfolgreiche Hockeyspielerin und Tochter aus reichem Hamburger Kaufmannshaus, sein bestgehütetes Geheimnis, bis er 2002 via „Bild“-Zeitung die Fangemeinde über die Ehe informiert. Und zur See? „Bin ich nie gefahren!“, sagt Quinn heute und keiner darf ihn mehr an das alte Image erinnern.

Der Name des Sängers ist zur Marke geworden, eine feste Größe im deutschen Showgeschäft, bis heute. Auch das Image hat überlebt, trotz aller Widersprüche, trotz aller Dementis. Um seiner eigenen Legende zu entkommen schlüpft Freddy Quinn von einer Rolle in die nächste: Er singt Lieder gegen den Krieg und gegen die aufkommende Hippie-Bewegung, er müht sich rechtschaffen auf der Musical- und der Theaterbühne, wendet sich der Countrymusik zu und dem Zirkus, moderiert TV-Shows und träumt davon, einmal ein Star zu sein in einer Fernsehserie.

Doch es ist alles vergebens. Wenn er auf der Bühne steht, wollen sie sein „Heimweh“ hören und „Junge, komm bald wieder“, und sonst gar nichts. Will man mit ihm darüber reden, über all die kleinen und großen Fluchten, dann kann er ungemütlich werden, poltert los und setzt einen vor die Tür. Und holt einen dann gleich wieder zurück und knallt einen Aktenkoffer auf den Tisch. Ein Dokument nach dem anderen fördert er daraus zutage: „Das ist mein Pass! Und das mein Führerschein! Und das mein Waffenschein! Und das! Und das!“ Weil es da doch steht, schwarz auf weiß, wer er ist und wie er heißt.

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