Zeitung Heute : Haifa: Eine Insel der Normalität

Igal Avidan

Wann haben Sie zum letzten Mal von Haifa gehört? Von dieser verschlafenen Stadt in Nord-Israel berichten sogar die israelischen Medien so gut wie nie, vor allem, weil sie als Musterbeispiel für das friedliche Zusammenleben von Juden und Arabern gilt. Dazu trägt seit fast 40 Jahren das arabisch-jüdische Kulturzentrum "Beit Hagefen" ("Haus des Weinstocks") bei. Die gewalttätigen Demonstrationen von Palästinensern in Haifa im vergangenen Oktober machten landesweit Schlagzeilen, obwohl sich die Gewalt in Grenzen hielt. Haifa stellt eben einen Sonderfall dar. "Das war wie eine Meldung über einen Mann, der einen Hund gebissen hat," sagt Mordechai Peri, der jüdische Direktor von "Beit Hagefen". Dennoch wurde auch in Haifa die Idylle zwischen den 240 000 Juden und 30 000 Arabern angekratzt.

Als Bürgermeister Amram Mitzna, ehemaliger Kommandant der Westbank, Peri "den Befehl gab", sofort ein Versöhnungstreffen von allen religiösen Führern in der Stadt zu veranstalten, kamen alle Geistlichen innerhalb von 24 Stunden: Juden, Christen und Moslems. In Jerusalem konnte nicht einmal der Papst eine vergleichbare Versammlung zustande bringen.

Zwei Wochen später haben sich wieder Mitzna und "Beit Hagefen" zusammengetan. Diesmal wollten sie Juden ins arabische Viertel Wadi Nisnas einladen, das sie seit den Unruhen dort nicht mehr besuchten. Viele Juden wollten mit ihrem Boykott "die Araber" für ihre volle Solidarität mit den Palästinensern in den besetzten Gebieten bestrafen. "Die Einwohner des Stadtteils haben alle Besucher empfangen, darunter jüdische und arabische Künstler, den Kulturminister und mehrere Parlamentarier", erinnert sich Muhammed Bader, arabisches Vorstandsmitglied von "Beit Hagefen".

Eintausend Personen tafelten auf der Straße wie am 14. Juli in Paris, während Musiker hebräische und arabische Lieder spielten. "Entlang der Bürgersteige hat man Tische aufgestellt, an denen Menschen saßen und sich über ihre Gefühle und Gedanken unterhielten. In dieser Atmosphäre von Verständigung war es leichter, zur Normalität zurückzukehren", sagt Bader.

Die harmonische Koexistenz in Haifa, eine Insel der Normalität in einer unruhigen Region, hat mehrere Gründe. Der Anteil der arabischen Bevölkerung ist relativ niedrig (in Jaffa im Vergleich dazu sind es 40 Prozent der Einwohner, fünf Mal so viel wie in Haifa). Die Hälfte der Araber sind Christen, die meisten von ihnen gehören zur gehobenen Mittelschicht. Haifa gilt darüber hinaus als ausgeprägt weltliche Stadt, nicht zuletzt weil weder Mohammed, noch Moses noch Christus ihre Spuren auf dem Karmelberg hinterließen. "Ein einziger Ort in Haifa gilt als heilig und zwar allen monotheistischen Religionen," erzählt Peri. "Sowohl Moslems als auch Christen und sogar Drusen und Juden pilgern zur Höhle Elias mit Bitten, die sie auf Zetteln schreiben."

Viele Juden und Araber leben und arbeiten zusammen, zum Beispiel in den drei Krankenhäusern der Stadt, was der Koexistenz sicherlich förderlich ist. Zwei der sechs Arabisch-Kurse von "Beit Hagefen" gelten ausschließlich jüdischen Ärzten und Krankenschwestern, wobei die Krankenkassen sich an den Kursgebühren beteiligen.

Das Begegnungszentrum, das vor kurzem in Berlin den ersten Friedenspreis der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft erhielt, organisiert Treffen zwischen Juden und Arabern, besonders unter Kindern und Schülern. Ausgezeichnet wurde das Zentrum für sein Young-Leadership-Projekt, in dem jüdische und arabische Gymnasiasten als "Förderer der Demokratie und des Zusammenlebens" ausgebildet werden.

Als einzige Institution in Israel veranstaltet "Beit Hagefen" zwei Festivals im Jahr, die zehntausende Menschen anziehen. Im Mai wird der "Monat der arabischen Kultur" zum 23. Mal stattfinden, und im Dezember das achte "Feiertage-Festival" in der Zeit des jüdischen Chanukka-Festes, des Weinachtsfestes und des moslemischen Ramadan.

Im Rahmen dieses Festes stellen 100 arabische und jüdische Künstler im Viertel ihre Werke auf den Flachdächern oder Terassen der Häuser aus. Einige Kunstwerke zeugen davon, wie wenig der Nationalismus in Haifa eine Rolle spielt. So malte ein jüdischer Israeli auf einer Holztafel die Nationalfahne, aber an Stelle des Davidsterns platzierte er ein Spiegelglas. Der Titel: "Die Fahne von uns allen".

Seinen Namen bezieht "Beit Hagefen" nicht nur davon, dass an diesem Ort Weinreben wuchsen, sondern vor allem vom biblischen Spruch aus dem Buch Micha: "Ein Jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen und niemand wird sie schrecken." Hier wird das kommende Friedensreich Gottes beschrieben. Davon ist Haifa noch weit entfernt. Denn wie überall im Lande werden auch in Haifa die Araber benachteiligt. "Unser Hauptproblem ist das extrem niedrige Niveau der staatlichen arabischen Schulen," klagt Vorstandsmitglied Bader. "Sowohl das Niveau der Lehrer als auch das der Schüler ist mangelhaft. Zum ersten Mal sind wir auch mit Problemen wie Drogen und Gewalt unter Jugendlichen konfrontiert." Direktor Peri resümiert nüchtern, dass "Beit Hagefen" die Krisen, die Politik und Wirtschaft verursachen oder nicht bewältigen, nicht verhindern, sondern höchstens mildern könne. Denn auch die "Oase der Normalität" Haifa liegt eben mitten in einer turbulenten Region, in der ein harmonisches Zusammenleben von Juden und Arabern eher die Ausnahme ist.

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