Zeitung Heute : Halali

Schweinebraten und „Mohr im Hemd“

Bernd Matthies

Halali, Königstr. 24, Wannsee, Tel. 805 31 25, tägl. ab 12 Uhr, Montag und Dienstag geschlossen, www.halali.de Foto: K. Kleist-Heinrich

Das Grunddilemma der Restaurantkritik besteht darin, dass sie sich gern ihre eigenen Grundlagen wegdefiniert. Wir treiben die Küchenchefs zur Kreativität, zu Experimenten ohne Ende – und klagen dann, wenn alles molekularisiert und aufgeschäumt und geliert ist, dass es nichts Anständiges mehr zu essen gebe. Keinen dampfenden Braten, keinen duftenden Eintopf. Selbst die guten Köche geben ja unentwegt zu Protokoll, dass sie am liebsten die Königsberger Klopse oder die Rindsroulade ihrer Großmutter essen.

Nur: Setzen sie die auf ihre Karte, bestellt sie niemand. Bürgerliche Küche, gut gemacht, wäre im Restaurant ziemlich teuer, also wird sie überwiegend schlecht gemacht, mit Fertigprodukten, Tütenwürze, dicken Saucen. Und so bleibt das bürgerliche Essen, wenn es überhaupt noch stattfindet, in den Händen der drittklassigen Köche, von denen man nichts anderes erwartet.

Die österreichische Küche hat dieses seltsame Legitimationsproblem nicht. Ihre größten Hits werden auch von fanatischen Gourmets geliebt, als Erholung vom Luxusgehummer oder einfach nur so. Doch auch österreichisch muss man erst einmal kochen können, und deshalb lobe ich hier gern das bescheidene „Halali“ in Wannsee, das ich nach der ersten erfolgreichen Phase irgendwann in den 90er Jahren völlig aus den Augen verloren hatte. Die heutigen Betreiber sind seit 2001 dabei, und seitdem las sich die Speisekarte immer wenig überraschend, fast wie in Stein gehauen. Und wo sich scheinbar nichts ändert, kann man ja später immer noch mal essen gehen, nicht wahr?

Aber auch das ist eine Spezialität der Ösi-Küche: Entscheidend ist, was auf den Tisch kommt, und das ist hier durchweg von solider, wohlschmeckender Bodenständigkeit. Seltsamerweise mochte ich gleich die erste Vorspeise am wenigsten, denn eine „Senfkruste“ um ein Stück Tafelspitz auf Linsensalat ist ein krasser Fehlgriff, wenn sie tatsächlich nur eine dicke, leicht übergrillte Schicht Senf ist, die allenfalls zu einer Rostbratwurst passen würde. Seltsam.

Doch von diesem Ausrutscher abgesehen fanden wir hier die Klassiker so unverschnörkelt und unverkrampft wie kaum irgendwo sonst. Wiener Schnitzel mit wunderbarem Kartoffel-Gurken-Salat, sanft-würzige Kürbiscreme mit Kernöl, Tafelspitz mit Sahnemeerrettich und einem fluffigen Kürbiskernauflauf, das sind Gerichte, die den Ruf nach mehr Experimenten wohl nur bei verbohrten Avantgarde-Anhängern aufkommen lassen.

Nur sonntagmittags gibt es hier ein weiteres rares Schmankerl, einen ofenfrischen (ja, tatsächlich) Schweinebraten. Hübsch knusperkrustig, mit Semmelknödeln, Krautsalat und einer leicht mit Kümmel gewürzten Sauce ist das eine himmlische Delikatesse, die überdies zu einem höchst irdischen Preis abgegeben wird: Die kleine, im Rahmen eines Menüs völlig ausreichende Portion kostet 10,80 Euro. Wenn der Ausflug ins Berlinerische erlaubt ist – da kann man wirklich nicht meckern.

Zum Schluss kann ohnehin nix mehr schief gehen: Der „Mohr im Hemd“, der klassische Schoko-Nuss-Auflauf mit Schokoladensauce, schmeckt ebenso erfreulich wie der Kaiserschmarrn mit dem unumgänglichen Zwetschkenröster, der sogar in kleiner, also mehr als ausreichender Portion zum reduzierten Preis von 5,90 Euro offeriert wird. Der Kaffee ist prima, und auch die ordentliche Auswahl menschenfreundlich kalkulierter österreichischer Weine tut ihre Wirkung. Am Ende wird man vor einer Rechnung stehen, die so überschaubar bleibt wie das Repertoire der Küche, was für ein erstaunlich gutes Preis-Qualitäts-Verhältnis spricht.

Alles also ganz prima. Wenn ich dennoch ein wenig mäkeln dürfte: Die Einrichtung, ein sanft angestaubtes Sammelsurium ohne rechte Idee, gemütlich, aber doch ziemlich spießig, hat weder die Patina eines Wiener Beisls noch den Charme einer echten Almhütte. Sie dürfte also gern ein wenig modernisiert werden. Möglicherweise würden sich dann auch mehr jüngere Gäste auf den Weg nach Wannsee machen, als das im Moment der Fall ist.

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