Zeitung Heute : Halb voll und halb leer

Die gute Nachricht: Der Aralsee läuft wieder voll. Die schlechte: nur eine Hälfte – auf Kosten der anderen

Elke Windisch[Aralsk]

Die Hände umklammern das Lenkrad, die Augen kneift er zusammen. Er sagt: „Verdammt, wo ist sie bloß?“ Temirbulat Mussajew sucht die unendliche graue Sandfläche vor ihm ab. Doch alles, was die Wüste unterbricht, sind die breiten Bänder weiß glitzernder Salzkristalle, alte Flussbetten. Temirbulat Mussajew stammt aus einer Fischerfamilie, auch er hätte Fischer werden sollen, doch als er 1964 zur Welt kam, war der Aralsee schon so geschrumpft, dass das keine Perspektive mehr war. Mussajew ist also Fahrer beim Landratsamt geworden. „Wenn jemand sie weggeschleppt hat“, flucht er, „der lernt mich kennen“. Aber hinter einem rotblühenden Dornenstrauch liegt dann doch, was er sucht: eine rostige Boje. Sie schwamm im Aralsee, vor langer Zeit.

Vor 40 Jahren war der Aralsee noch das viertgrößte Binnengewässer der Erde – neun Mal so groß wie der Bodensee. Heute ist nur noch ein Viertel davon übrig, der Rest ist ausgetrocknet – die Folge der wahnwitzigen Bewässerungspläne der Sowjets, die die Zuflüsse des Sees anzapften. Das Verschwinden des Sees ist eine der größten Umweltkatastrophen der Neuzeit, mit Folgen für ganz Zentralasien, einem Gebiet größer als Europa. Sogar das Wetter hat sich verändert. Wolken können sich über der Restpfütze von knapp 12 000 Quadratkilometern kaum noch bilden, die Sommer werden noch trockener und heißer. Stürme wirbeln tonnenweise Salzstaub vom einstigen Seeboden auf. Der vergiftet das Trinkwasser, macht Felder und Weiden unfruchtbar.

Es war einer dieser Sandstürme, sagt Temirbulat Mussajew, der die Boje ein paar hundert Meter durch die Luft gewirbelt hatte. Er richtet die Boje wieder auf, jedes Mal, wenn er an ihr vorbeikommt. Sein kleiner Aberglaube. Nur dann, glaubt er, wird das Wasser zurückkommen. Aber vielleicht braucht es dafür gar keinen Zauber. Es steigt seit Anfang November.

Pläne, den Aral wieder zu fluten, gab es schon früher. Weil er schon 2015 ganz von der Landkarte verschwinden könnte, hatten die Menschen am kasachischen Nordufer schon Mitte der 90er Jahre begonnen, einen Damm zu bauen – aus Schlamm. Er sollte das kleine, tiefere Becken im Norden von dem großen, flachen Aral im Süden abriegeln. Fast fertig, brach der Damm im März 1999. Im Herbst 2003 begann man, einen neuen aus Stahlbeton zu bauen.

Er steht da, wo der alte brach: zwischen zwei Inseln, die seit ein paar Jahren Halbinseln und 480 Meter voneinander entfernt sind. Die letzte Lücke wurde im August geschlossen. Gleichzeitig wurde der Syr-Darja, der einzige Zufluss des Kleinen Arals, am versandeten Unterlauf ausgebaggert, damit er dem See wieder die einstige Wassermenge zuführen kann: 800 Millionen Kubikmeter jährlich. Bisher kam im Delta nur ein Zehntel davon an. Allein die erste Baustufe, finanziert mit Krediten der Weltbank, schlägt mit 85 Millionen US-Dollar zu Buche, die zweite, für die die kasachische Regierung dank boomender Erlöse aus dem Ölgeschäft Mittel aus dem eigenen Haushalt bereitstellen will, kostet 120 Millionen. Im Jahr 2007 könnte der Kleine Aral fast vier Fünftel seiner einstigen Größe erreichen: 3500 Quadratkilometer.

Mussajew hält an einem Ort am ehemaligen Steilufer. Sechs Kilometer sind es jetzt bis zum Wasser. Noch 500 Menschen wohnen in den windschiefen Hütten, die sich unter der weißen Sonne ducken. Kein Laut, kein Baum, kein Strauch. Weit und breit nur Kameldorn, braunes, von der Hitze versengtes Gras und am Horizont ein blassblauer Streifen, der mit dem gleichfarbigen Himmel verschwimmt: der See, den die Menschen hier „das Meer“ nennen.   „Hier am Steilufer war das Meer in meiner Kindheit über 40 Meter tief“, sagt Otuzbay Sikminbetow, der Onkel von Mussajew. Einst war er Fischer, aber schon lange hat er sich auf die Kamelzucht verlegt. Selbst wenn Sikminbetow gut 500 Meter vom Ufer entfernt die Reusen kontrolliert, geht ihm das Wasser nicht einmal bis zu den Hüften.

Er fischt jetzt nur noch für den Eigenbedarf, denn der Fang ist klein: Weil der abflusslose Aralsee kaum noch Frischwasser bekommt, ist sein Salzgehalt drei Mal höher als in den Weltmeeren. Nur Flundern, sagt Sikminbetow, hätten auf längere Zeit Überlebenschancen. Eine dänische Hilfsorganisation hat die Plattfische hier angesiedelt. Doch dieses Mal hat Sikminbetow noch etwas anderes in seinen Reusen: einen zappelnden Fisch mit goldfarbenen Schuppen. „Ein Sazan“, sagt Sikminbetow andächtig – eine Goldbrassenart, die im Aralsee als ausgestorben gilt. Vorsichtig lässt er den Fisch zurück ins Wasser gleiten. Er starrt der Schwanzflosse hinterher, die in der Sonne blinkt.

Dass das Wasser steigt, merkt Sikminbetow an der Latte, die er in den Seeboden gerammt hat: Auch wenn das Meer spiegelglatt ist, liegt die Kerbe, die den alten Pegelstand markiert, inzwischen eine Handbreit unter der Wasseroberfläche.

Trotz Rheuma und seiner 64 Jahre steht Sikminbetow täglich am Strand, schaut auf die dunklen Wogen mit den weißen Kämmen, auf denen erste Schneegraupel tanzen. Nur manchmal ist ihm unbehaglich zumute. Dann nämlich, wenn er an Usbekistan, an das Südufer denkt. Der Große Aral, die große Südhälfte des Sees, bekommt durch den Damm jetzt noch weniger Wasser. Er ist wohl unrettbar verloren.

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