Zeitung Heute : Halbe Stelle, voller Einsatz

Teilen sich zwei Arbeitnehmer einen Job, sind sie produktiver. Davon profitiert das Unternehmen

Philipp Eins

Von einem Tag zum anderen den Beruf aufgeben – für den Hausarzt Hans-Peter Hoffert aus Berlin-Lankwitz ist das undenkbar. „Ich betreue vor allem ältere, chronisch kranke Patienten“, sagt der 63-Jährige. „Die kann ich nicht einfach im Stich lassen.“ Da seine Pensionierung näher rückt, holte er vor vier Jahren einen Junior-Partner ins Team. „Wir teilen uns Praxis und Zulassung – so kann mein Partner die Patienten am besten kennen lernen.“ Zuerst arbeiteten sie beide 50 Prozent, inzwischen zieht sich Hoffert immer mehr aus dem Berufsleben zurück – bis sein Partner in einigen Jahren die Praxis übernehmen kann.

Das „Job-Sharing“, also die Aufteilung einer Vollzeit-Arbeitsstelle auf mindestens zwei Mitarbeiter, ist in Berliner Arztpraxen nicht ungewöhnlich. „Auch junge Medizinerinnen mit Kindern, die auf ihren Beruf nicht verzichten wollen, nutzen die Möglichkeiten des Job-Sharings“, sagt Annette Kurth von der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin. „Sie erhalten eine beschränkte Zulassung, die an die Gemeinschaftsarbeit mit dem Senior-Partner gebunden ist.“

Doch nicht nur im Gesundheitswesen, auch in anderen Branchen setzt sich Teilzeitarbeit allmählich durch: Insgesamt jeder fünfte Beschäftigte in der Bundesrepublik arbeitet nicht mehr auf einer vollen Stelle, Tendenz steigend. „Es gibt verschiedene Formen von Teilzeitarbeit“, erklärt Anja Mengel, Fachanwältin für Arbeitsrecht in der Kanzlei WilmerHale Berlin. „Beim klassischen Job-Sharing teilen sich zwei oder drei Arbeitnehmer ein und denselben Arbeitsplatz – und übernehmen in der Regel die Verantwortung darüber, wie sie ihre Arbeitszeit gestalten.“ Je nach Vertragsvereinbarung hat der Arbeitgeber wenig Einfluss darauf, wie sich die Job-Sharing-Partner ihre Arbeit aufteilen.

Auch Elisabeth Hann von Weyhern und ihr Ehemann Stefan Ark Nitsche teilen sich eine Vollzeitstelle – und das schon seit acht Jahren. Nach der Geburt ihres Sohnes arbeiteten die beiden Theologen jeweils 20 Stunden im Planungsstab der Evangelisch-Lutherischen Kirche Bayern. Für ihre Kollegen war das nichts Neues: Von 290 bayrischen Pfarrer-Ehepaaren besetzen 125 gemeinsam einen Arbeitsplatz. Dabei kann ihnen niemand vorschreiben, wer die Sonntagspredigt schreibt: Die beiden Job-Sharing-Partner treffen die Entscheidung für ihre Zuständigkeiten selbst. Dass sie sich nicht nur die Arbeitszeit, sondern auch das Gehalt teilen müssen, stört die beiden nicht. „Mein Mann kann sich dafür besser am Familienleben beteiligen und ich habe nicht das Gefühl, dass ich beruflich abgeschnitten bin“, sagt Elisabeth Hann von Weyhern.

„Sehr häufig sind Teilzeit-Mitarbeiter bis zu 20 Prozent produktiver“, sagt Oliver Haag, Direktor des Instituts für Unternehmensrecht an der Hochschule Heilbronn. „Sie haben die Möglichkeit, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen, sind deshalb zufriedener und darum motivierter.“ Ältere Arbeitnehmer können auch gesundheitliche Vorteile aus dem Job-Sharing ziehen.

Verbreitet ist Teilzeitarbeit vor allem im öffentlichen Dienst und im Sekretariatswesen, aber auch im produzierenden Gewerbe, dem Handwerk und der Metallindustrie. Während vor einigen Jahren Halbtagsbeschäftigung noch als Domäne der niedrig qualifizierten Arbeitnehmer galt, nutzen inzwischen auch Akademiker immer öfter die Vorteile der reduzierten Arbeitszeit.

Nachteile gibt es allerdings auch. Neben den offensichtlichen Einbußen bei der Vergütung, könnte die Teilzeitarbeit auch zur Karriere-Bremse werden. „Der berufliche Aufstieg wird auch heute noch sehr häufig dadurch gefördert, dass man im Unternehmen präsent ist“, sagt Haag. „Aber auch in der Leitungsebene bewegt sich einiges“, meint der Fachmann. „Inzwischen nutzen drei Prozent aller Führungskräfte das Job-Sharing – vor zehn Jahren waren es nur Ausnahmen.“

Seit Januar 2001 hat jeder Arbeitnehmer nach dem Teilzeit- und Befristungsgesetz Anspruch auf Reduzierung der Wochenarbeitszeit. Doch: „Einen Anspruch auf das Job-Sharing hat der Arbeitnehmer nicht“, so Haag. „Welche Teilzeitregelung Anwendung findet, entscheidet der Chef.“ Sollte eine Arbeitsplatzteilung zustande kommen, kann der Mitarbeiter einen Partner vorschlagen – ob der Arbeitgeber darauf eingeht, bleibt seine Entscheidung. „Mit ihm wird schließlich auch der Arbeitsvertrag ausgehandelt“, sagt Haag. „Das hat auch für den Arbeitnehmer Vorteile: Wenn einer der Job-Sharing Partner kündigt, muss der Chef einen Ersatz suchen – für den anderen gilt schließlich das übliche Arbeitsrecht und der Kündigungsschutz.“

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