Zeitung Heute : Halle an der Saale: Die Luft ist sauber

Dorothea Hilgenberg

Salz und die Segnungen eines Kirchenfürsten ließen die Stadt am Ufer der Saale weit über ihre Grenzen hinaus erstrahlen. Hochprozentige Sole sorgte für den materiellen Wohlstand. Doch erst die außergewöhnlich große Baulust eines allen weltlichen Lebensgenüssen zugewandten Kardinals gab Halle das städtebauliche Gepräge, das die Höhen und Tiefen von fünf ereignisreichen Jahrhunderten überdauern sollte.

Nachdem Albrecht von Brandenburg, Erzbischof von Mainz und Magdeburg und somit der mächtigste Fürst nach dem deutschen Kaiser, den Ort am Fuße der Burg Giebichenstein 1514 zur Lieblingsresidenz erkoren hatte, widmete er sich dem Umbau der Stadt. Entschieden wie schonungslos gegenüber der alten Bausubstanz. Aus einer frühgotischen Klosterkirche unweit der Moritzburg wurde eine erhabene erzbischöfliche Residenz und später der Dom. Wo heute die viertürmige Marktkirche in den Himmel ragt, standen vormals zwei Kirchen. Albrecht ließ ihre Schiffe abreißen und die verbliebenen Türme durch ein spätgotisches Hallenlanghaus verbinden. Den Innenraum schmückte Nickel Hoffmann, der geniale Baumeister seiner Zeit, mit Bögen und reichen Ornamenten aus. Was als konfessionelle Machtdemonstration gegenüber den aufstrebenden Protestanten gemeint war, wurde fortan zum weithin sichtbaren Symbol der Stadt.

Die spitzen Westtürme des großen Gotteshauses erheben sich immer noch gebieterisch über dem Hallmarkt und verweisen auf die städtische Urzelle entlang den einstigen Salzsiedeanlagen. Im Osten, am zentralen Marktplatz, bieten die von Nickel Hoffman bekrönten "Hausmannstürme" einen anmutigen Orientierungspunkt und der Neuen Sachlichkeit des gegenüberstehenden Magistratsgebäudes entschlossen Paroli. Den "Roten Turm", ein in Deutschland einzigartiger Belfried, hatten die Bürger der einstigen Hansestadt bereits so hoch gebaut, dass er im späteren Ensemble sakraler Spitzen und Hauben ein selbstbewusstes Kraftfeld bilden konnte. In den 70er Jahren dieses Jahrhunderts schenkten die Kommunalpolitiker dem Roten Turm noch ein Glockenspiel, das flanierende Marktbesucher zu bestimmten Zeiten mit den Klängen des Big Ben beglückt. Eine Reverenz an London, wo Händel, Halles großer Sohn, Jahrzehnte seines späteren Lebens verbrachte.

Ihm wird nicht nur mit einem überlebensgroßen Denkmal auf dem Marktplatz gehuldigt, sondern auch mit einer sehenswerten Dauerausstellung in seinem Geburtshaus und den alljährlich stattfindenden Händel-Festspielen.

Schräg gegenüber dem weit in die weite Ferne blickenden Komponisten kann sich ein zivil gekleideter Roland als mittelalterliches Symbol städtischer Gerichtsbarkeit nur mühsam gegen einen Zweckbau der Neuzeit behaupten. Im tristen Gebäude am Fuße des Roten Turms hat man das Verkehrsamt einquartiert, kein Zeichen touristischer Aufbruchstimmung. Während nahe Orte wie Wittenberg, Dessau und Leipzig schnell gelernt haben, ihre städtebaulichen und kulturellen Stärken in touristische Münzen umzusetzen, scheint sich das als RenaissanceDorado wundersam erhaltene Halle immer noch hinter den längst entschwundenen Giftschwaden einer einst alles benebelnden Chemie zu ducken.

Bitterfeld und Wolfen im Nordosten, Schkopau, Buna, Merseburg und Leuna im Süden. "Da konnte man die schlechte Luft schmecken", weiß die seit 28 Jahren in Halle lebende Agraringenieurin Karola Kuhn noch ganz genau. "An besonders schwarzen Tagen lag der Dreck wie Blumenerde auf den Haaren, die Nasenlöcher waren schwarz, alles roch nach Braunkohle." Wenn dicke Luft allzu sehr die Sicht im Straßenverkehr behinderte, wurden Fackeln an den Ausfallstraßen aufgestellt. Einem dramatischen ökonomischen Zusammenbruch folgte die ökologische Luft-Bereinigung. "Auf einmal konntest Du wieder frei atmen, spazierengehen und Rad fahren", erinnert sich Karola Kuhn. Wie viele andere begann auch sie, die Stadt und die schöne Umgebung mit all ihren romanischen Schätzen zu entdecken.

Beatles-Museum

Selbst die Beatles feiern in einem der schönsten barocken Patrizierhäuser späte Triumphe. Im "einzigen Beatles-Museum des Kontinents", Am alten Markt 12, zeigt der Kölner Fan Rainer Moers seine über Jahrzehnte zusammengetragene Sammlung aus Platten, Postern und Zeitungsausschnitten. Eine Dokumentation über Anfänge, Höhepunkte und das Auseinanderdriften der englischen Musikgruppe. Bereits in den ersten drei Monaten nach der 3,5 Millionen Mark teuren Sanierung des maroden Hauses sind 10 000 Besucher über die Dielen des dreigeschossigen Museums geklappert und haben den Betreibern aufmunternde Sätze ins Gästebuch geschrieben wie "tolle Jugenderinnerungen wurden wach", "mit elf Jahren bin ich schon ein riesiger Beatles-Fan" oder "wir kommen wieder".

Überall, nicht nur in ihrem prunkvollklassizistischem Hauptgebäude am Universitätsring, ist die Martin-Luther-Universität präsent. Da viele der restaurierten Hochschulgebäude über ganz Halle verteilt sind, schwirren die Studenten der 1694 von Brandenburgs Friedrich III. gegründeten Almer mater zu ihren Vorlesungen in alle Richtungen der Altstadt aus. Das belebt und hat Tradition. Schon in der akademischen Gründerzeit haben die Professoren in ihren jeweiligen Privathäusern unterrichtet. Wenn auch nicht alle in so prächtigen Renaissancegebäuden gelebt und gelehrt haben dürften wie der Theologe Schleiermacher in der Großen Märkerstraße Nummer 21 und der Philosoph Christian Wolff in der Nummer 10. Dessen liebevoll restauriertes Haus gehört heute zum Stadtmuseum und führt in Bildern, Texten und mit Schaustücken das Leben der "Hallenser, Studenten und Soldaten im 18. Jahrhundert" vor. Eine ganze Etage ist Christian Wolff und der deutschen Aufklärung gewidmet, die von Halle aus mit Wolf und Thomasius Triumphe feiern konnte.

In ihren ersten Jahrzehnten stand die Universität für zwei Bewegungen, die beide gegen die kirchliche Orthodoxie kämpften: Während die Pietisten um August Hermann Francke dem verkrusteten Protestantismus religiös motivierte Tatkraft entgegen setzten, bauten die Aufklärer um Wolff auf die Vernunft als entscheidende Quelle der Erkenntnis und des menschlichen Handelns. Dass die Vertreter beider Strömungen sich später bekämpften, minderte nicht den großen Einfluss, den die Gelehrten auf das gesamte Geistesleben in Deutschland hatten.

Die Schulstadt

Keine der Geistesgrößen hat aber im Stadtbild solche Spuren hinterlassen wie August Hermann Francke mit seiner Schulstadt: Frankesche Stiftungen. Ein imposantes Ensemble aus Fachwerk- und Barockbauten entlang einem 250 Meter langen Lindenhof. Trotz der Hochstraße aus der DDR-Zeit, die eine Schneise durch das nördliche Gelände schlug und den barocken Kopfbau optisch bedrängt, begeistert die Besucher der harmonisch gegliederte Campus und das Organisationstalent seines Initiators. Der Theologe Francke war als Pädagoge genauso erfolgreich wie als Unternehmer. Zu beidem zwangen ihn die sozialen Missstände. Das Elend der Kinder in seiner Armengemeinde Glauchau, heute ein Stadtteil, hatte den jungen Pfarrer so erschüttert, dass er sich zum Aufbau eines Waisenhauses und einer Schule entschloss. Mit den ersten Spenden aus der Sammelbüchse begann er seine Stiftung zu finanzieren, die die Kinder vor allem auf das praktische Leben vorbereiten sollte. In dem Maße wie er das Ausbildungskonzept und den Kreis der Schülerinnen und Schüler erweiterte, wuchs auch die Zahl der Betriebe, die die wirtschaftliche Unabhängigkeit seiner Lehranstalt samt der Bibliothek, dem botanischen Garten und dem Krankenhaus garantierten. Eine Verlagsbuchhandlung mit angeschlossener Druckerei, ein Brau- und ein Backhaus sowie eine Apotheke mit einem äußerst lukrativen Versandhandel kamen hinzu.

Selbst können sich die Franckeschen Stiftungen schon lange nicht mehr tragen. Doch sorgt ein breiter Kreis öffentlicher und privater Geldgeber für den schrittweisen Wiederaufbau und den Erhalt der einmaligen Anlage. In die restaurierten Gebäude sind inzwischen wieder pädagogische Einrichtungen - vom Kindergarten zur Schule und Hochschule - gezogen. Auch eine Buchdruckerei und eine Waisenhaus-Apotheke haben hier ihre Adresse. Wissenschaftler aus aller Welt nutzen das Archiv und die wertvolle Bibliothek.

Wie der Aufklärer Thomasius und andere Honoratioren wurde August Hermann Francke auf dem Stadtgottesacker bestattet: Ein hierzulande einzigartiger Campo santo im italienischen Stil, den Albrechts Baumeister Nickel Hoffmann 1597 anstelle eines ehemaligen Pestfriedhofs angelegt hatte. SEDBorniertheit, die in der verschmutzten Luft enthaltene chemische Gifte und Vandalismus hatten dem Kleinod in der jüngsten Geschichte so zugesetzt, dass es 1989/90 einem Feld der Verwüstung glich. Die 94 Grüfte im Mauergeviert und die Grabfelder waren zerstört und vielfach geplündert, Steine umgekippt oder geborsten, Wege und Flächen überwuchert. Seit der Stadtrat den Gottesacker in das "Fördergebiet Altstadtkern" einbezogen hat, kann der fortschreitende Heilungsprozess täglich besichtigt werden. Fachleute fertigen schmiedeeiserne Verzierungen und formen Blumen-, Vögel- und Wappenornamente aus Sandstein nach.

Zu den Spezialisten, die den alten Entwürfen Hoffmanns nachspüren, um sie dann detailgetreu zu rekonstruieren, gehören die Studenten der Hochschule für Kunst und Design, die auf der Burg Giebichenstein ihren Sitz hat. Sie ist ein Zeugnis früher Romanik und die älteste aller Saaleburgen. Von der Ruine der Oberburg aus kann man den Blick weit über Stadt und Saaleaue schweifen lassen.

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