Zeitung Heute : Halleluja Vier Beine für ein

Österliches Motiv. Das Abendmahl von Leonardo da Vinci zeigt Jesus mit seinen Jüngern an einem langen Tisch. Sie tafeln gemeinsam einen Tag vor seinem Tod. Foto: akg-images
Österliches Motiv. Das Abendmahl von Leonardo da Vinci zeigt Jesus mit seinen Jüngern an einem langen Tisch. Sie tafeln gemeinsam...Foto: akg-images

Am Anfang war der Tisch: Um den herum hat Alois Peitz ein ganzes Haus gebaut. Das heißt, bevor der Architekt mit dem Bauen überhaupt anfing, hat er erst mal ein Jahr lang den Sonnenstand und die Ausblicke auf dem Grundstück am steilen Hang über der Mosel beobachtet. Und dann hat er seine Entwürfe gemacht: So, dass die Sonne pünktlich um eins aufs Mittagessen schien. Und die Familie ihr abends beim Untergehen zugucken konnte. Der runde, ausziehbare Tisch aus fein gemasertem Ulmenholz, der schon in der vorherigen Wohnung stand, bildete nun, offen zu allen Seiten, das räumliche Zentrum des Hauses – den Mittelpunkt der Familie, die Wert darauf legte, sich zu jeder Mahlzeit zu versammeln.

Jetzt, 30 Jahre danach, entwirft der einstige Trierer Diözesenarchitekt wieder einen Speisesaal und dazu eine lange schmale Tafel: für ein Benediktinerkloster am See Genezareth, wo Jesus das Brot vermehrte. „Nach der Regel des Benedikts ist der Speisesaal der zweitwichtigste Raum, der kommt gleich nach der Kirche.“ Auch Jesus hat sich mit seinen Jüngern an der Tafel versammelt, am Abend vor seinem Tod. Der Gründonnerstag und das Abendmahl, ja: Jedes Essen am Tisch erinnert daran. Und nicht nur, wenn vorher gebetet, die Speisen gesegnet werden. Das lateinische mensa bedeutet Tafel oder Tisch, aber ebenso Altar. Auch die Kerze, die der Architekt zum Essen anzündet, selbst wenn er allein isst, erinnert ihn daran.

Dabei ist der Tisch, vor allem der familiäre, ein ziemlich irdischer und vielseitiger Ort. Ein Stuhl ist ein Stuhl, auf dem kann man nicht viel mehr als sitzen. An, auf, sogar unter einem Tisch ist alles möglich. Man kann lesen, schreiben, basteln, spielen, Schularbeiten machen, Zwiebeln schneiden, Teig ausrollen, sich verstecken, reden, zanken, lieben, armdrücken, Bücher drauf stapeln und: essen und trinken. Der Tisch ist wie eine Spielwiese.

Wem die Phantasie fehlt oder möglicherweise der Platz, der lässt sich die Multifunktionalität gleich mit einbauen. Neuerdings gibt es eine elegante Tafel, deren Platte man nur zur Seite schieben muss, schon hat man einen Billardtisch: „Fusion table“ nennt sich das belgische Designerstück. Und der britische Stardesigner Tom Dixon hat im neuen, surrealistisch anmutenden Londoner Restaurant Circus eine gigantische weiße Tafel in den Mittelpunkt gerückt, zu der eine Treppe hochführt. Wenn die Gäste pikanten Schweinebauch vertilgt haben, werden die Teller abgeräumt, und der Tisch verwandelt sich in einen Laufsteg, eine Bühne, auf der jeden Abend eine andere Überraschung dargeboten wird, Tanz, Musik, Varieté.

Der „Fusion table“ wurde Anfang des Jahres auf der Möbelmesse in Köln präsentiert. Und er war nicht allein. Je größer und kostbarer, desto besser, hieß die Devise. Dafür sind Leute offenbar bereit, ein paar Tausend Euro auszugeben. Denn die Wohnküche ist das neue Wohnzimmer, der Ort, an dem man auch Gäste empfängt.

Dabei ist es noch nicht so lange her, dass für den Tisch nahe am Herd gar kein Platz war. In der Nachkriegszeit waren kleine Einbauküchen der letzte Schrei. Nicht zuletzt den geschmähten 68ern haben wir es zu verdanken, dass die lange Tafel wieder zum Mittelpunkt der Wohnungen wurde. In der Kommune 1 stand die berühmteste; später als Konferenztisch der „taz“ benutzt. Kommune, Kommunion, „communal table“, wie die in Cafés und Restaurants immer populärer werdenden Gemeinschaftstische im Englischen heißen – das liegt alles ziemlich nah beieinander. Tafeln heißt Teilen: Brot und Wein, Gespräche und Genuss.

Als „Get2Gether dining table“ beschreiben die belgischen Designer ihren eingangs erwähnten Billard-Esstisch. Genauso gut könnte man einen Schimmel als weiß beschreiben: Wo ein Tisch steht, kommen immer Leute zusammen, bilden sich Gemeinschaften. (Fällt diese auseinander, ist das Tischtuch zerschnitten.) In einer sich so rasant verändernden Welt ist er, oft massiv und aus Holz, ein Ort der Stabilität. Funktioniert wie ein Magnet, wird zum Zentrum des Raumes, der Familie. Kein anderes Möbelstück, so die kanadische Autorin Margaret Visser in ihrem Klassiker „The Rituals of Dinner“, repräsentiert die Familie so sehr wie der Tisch.

Die Familie in all ihrer Komplexität. Denn trotz seines friedensstiftenden Charakters kann der Tisch zum Machtinstrument werden, zum autoritären Symbol: Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst... Auch wenn das Exemplar, um das herum Alois Peitz das Haus für seine Familie baute, rund war, sind ihm rechteckige Tische „wegen ihrer klaren Verhältnisse“ eigentlich lieber. So wie die Tafel seiner Kindheit, an der die Mutter, die wichtigste Bezugsperson, immer am Kopfende saß.

Gerade gegen solche hierarchischen Tischordnungen, die das Oberhaupt der Familie, des Staates, der Kirche, vorrangig platzierten, haben die 68er allerdings protestiert. Bei runden Tischen geht es demokratischer zu – der Runde Tisch ist ein runder Tisch. An dem sitzt jeder gleich gut, alle können sich beim Reden in die Augen sehen, ein gemeinschaftliches Gespräch ist auch in größeren Gruppen leicht möglich. Paradoxerweise ist aber gerade der runde Tisch auch bei förmlichen Diners und in vielen Sternerestaurants beliebt. Jeannot Simmen ist er denn auch zu höfisch, zu zeremoniell. Für seinen monatlichen Lunchclub im Berliner Kaisersaal hat der Schweizer sich schmale, lange Tafeln erbeten. „Da kommt man mit mehr Leuten ins Gespräch.“

Eckig oder rund, kurz oder lang, schmal oder breit, das sind noch längst nicht alle Fragen, die es zu entscheiden gilt. Anziehen oder nackt lassen, lautet eine andere: Tischdecke, Sets oder gar nichts? So wie die große gemeinsame Tafel in den letzten Jahren auch in edlere Lokale Einzug gehalten hat (nicht zu jedermanns Freude: Für Rendezvous und Geschäftsessen sind sie ziemlich ungeeignet), ist auch das nackte Dasein schick geworden. Der italienische Sternekoch Massimiliano Alajmo verzichtet in seinem Restaurant auf die übliche weiße Decke, „um die Distanz zum Tisch aufzuheben“, wie er sagt. „Durch den direkten Kontakt mit 180 Jahre altem Eichenholz wird der Gast sinnlich berührt.“ Der nackte Tisch passt seiner Meinung nach besser zu den Maximen seiner Küche: „purity, lightness und tacility.“

Allerdings scheint die Frage des richtigen Tisches, ebenso wie die des Essens – gut, gesund und selbst gekocht oder Fertigkost und Junkfood – immer mehr eine Klassenfrage zu sein. In Großbritannien sollen schon jetzt ein großer Teil der Haushalte überhaupt keinen Tisch mehr haben, an den alle Familienmitglieder passen. Man isst im Stehen und Gehen oder vor dem Fernseher. Dass in Berlin inzwischen jedes vierte Kind vor der Einschulung eine logopädische oder ergotherapeutische Behandlung verordnet bekommt, hängt vielleicht auch damit zusammen. Am Tisch, beim Essen und Spielen, lernt sich das Reden quasi von selbst.

„Rettet die Tafelrunde!“: So hat Véronique Witzigmann, Tochter des legendären Kochs, ihr kürzlich erschienenes Buch genannt. Darin erklärt sie, wie es auch schon im Untertitel heißt: „Warum es so wichtig ist, dass Eltern und Kinder an einem Tisch sitzen.“

„Rettet die Tafelrunde!“, Ludwig Verlag, 16,95 Euro. Um dieses Thema geht es auch in der neuen Ausstellung „Kochen, essen, reden – satt?“ im Berliner Museum für Kommunikation, Leipziger Str. 16, bis 29.8.

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