Hallig Langeneß, Nordsee Nordseeküste, Belgien : Was tun, wenn der Orkan "Xaver" vorbei ist?

„Xaver“ fegt über Nordeuropa und Deutschland. Was kann man tun, wenn der Orkan vorbei ist?

Der Orkan „Xaver“ ist einer der schwersten Stürme seit Jahren. Auch Berlin ist betroffen, bis Freitagvormittag soll der Wind anhalten. Danach stellt sich die Frage, wer für die Schäden zahlt. Und mancher freut sich sogar über den Wind, weil „Xaver“ den Strompreis drückt.

Wie hat „Xaver“ Berlin getroffen?

Während an der deutschen Küste der Sturm den Donnerstag über schon heftig zu spüren war, wurden schwere Orkanböen in Berlin bis zum Redaktionsschluss aus. Wegen des Unwetters landeten aber Maschinen beispielsweise aus Norddeutschland später oder nicht in der Hauptstadt. Die Berliner Feuerwehr stand nach eigenen Angaben mit rund 600 Einsatzkräften bereit. Bis zum späten Abend gab es rund 60 wetterbedingte Einsätze. Wenn nötig, könne die Zahl der Einsatzkräfte verdoppelt werden, hieß es. Der Deutsche Wetterdienst hatte für die Hauptstadt zunächst orkanartige Böen mit Geschwindigkeiten von bis 120 Kilometern pro Stunde erwartet. Gegen 23 Uhr hieß es bei der Feuerwehr, das Schlimmste sei vorbei.

Ab 17.17 Uhr war die Berliner Feuerwehr im Ausnahmezustand. Weil ein Dachstuhl an der Strecke einzustürzen und aufs Gleis zu stürzen drohte, sperrte die Deutsche Bahn zwischen Moabit und Jungfernheide für anderthalb Stunden die Strecke und lenkte Fernzüge sowie Regionalbahnen um. Dann gab es einen Alarm in der Fasanenstraße in Charlottenburg-Wilmersdorf. Ein 200 Quadratmeter großes Baugerüst drohte umzustürzen. In solchen Fällen werden Luftlöcher in die Planen gerissen, damit diese nicht als Wind- oder Sturmfang dienen. 60 Freiwillige standen bereit, um mit insgesamt zehn Fahrzeugen an Einsatzorte zu fahren.

Bis Redaktionsschluss musste die Feuerwehr vor allem wegen Schäden an Bauten ausrücken. Auch mehrere Bäume stürzten um. Verletzt wurde in Berlin aber niemand. „Wir sollten glücklich sein, dass wir bislang mit einem blauen Auge davon gekommen sind“, sagte ein Feuerwehrsprecher am späten Abend. Wetter könne man eben nicht sekundengenau vorhersagen. „Wer weiß, was passiert wäre, hätte es keine Warnung gegeben.“

Ist ein Orkan dieser Stärke normal?

Stürme entstehen durch große Temperaturunterschiede. Das ist vor allem im Herbst der Fall, wenn das Mittelmeer noch etwa 20 Grad warm ist, im Norden Europas aber bereits der erste Schnee fällt. Dann ziehen polare Luftmassen in Richtung Süden, stoßen dort auf wärmere Luftmassen, und daraus können dann Stürme oder gar Orkane wie „Xaver“ entstehen.

Am Anfang steht immer ein kleines Tiefdruckgebiet über dem Meer. Die Luft an der Meeresoberfläche weht nach innen, weiter oben bewegt sich die Luft nach außen. Dadurch sinkt der Luftdruck im Tief weiter ab. In dessen Inneren steigt die Luft auf und bildet aus kleinen Wasserdampftropfen nach und nach Wolken. Deshalb sind Sturmtiefs meist mit starken Niederschlägen verbunden, im Fall von „Xaver“ sogar mit Schnee.

Die sogenannte Polarfront, also die Verschiebung der Luftmassengrenze nach Süden, hat in Deutschland in diesem Jahr bereits Ende Oktober zum ersten starken Herbststurm geführt. Das Orkantief „Christian“ brachte starke Regenfälle, Windgeschwindigkeiten von bis zu 170 Stundenkilometern und kostete sieben Menschen das Leben. Die meisten wurden von umstürzenden Bäumen getötet.

Mit dem Klimawandel haben Herbst- und Winterstürme in Europa wenig zu tun. Die Polarfront bildet sich jedes Jahr. Aber nicht immer fallen die Stürme so dramatisch aus. Der teuerste Sturm in Deutschland war „Kyrill“, der Anfang 2007 über Deutschland tobte. 13 Menschen starben, rund 4,2 Milliarden Euro Schäden entstanden damals, von denen laut Rückversicherungskonzern Munich Re etwa die Hälfte versichert war. „Lothar“, der Weihnachtssturm von 1999, richtete die höchsten Sturmschäden der jüngeren europäischen Geschichte an. In Deutschland starben damals 15 Menschen, in ganz Europa verloren sogar 110 Menschen ihr Leben. Der Gesamtschaden belief sich auf 11,5 Milliarden Euro.

Wer zahlt für Sturmschäden?

Ob die Versicherung für die Schäden von „Xaver“ aufkommt oder nicht, hängt davon ab, was der Orkan demoliert. Eine Sturmversicherung für alles und alle gibt es nicht. Für Schäden am Haus (abgedeckte Dächer, kaputte Fenster) kommt die Wohngebäudeversicherung auf. Die Hausratversicherung zahlt für die Wiederbeschaffung von kaputten Möbeln, Teppichen oder Bildern, die der Sturm oder eindringender Regen zerstört haben. Treten die Schäden nicht am eigenen Haus auf, sondern beim Nachbarn, ist das ein Fall für die Haftpflicht. Treffen die Dachziegel oder Äste das Nachbarauto, zahlt die Privathaftpflichtversicherung. Ist das Gebäude, von dem die Ziegel oder die Äste fallen, vermietet, braucht der Vermieter eine Gebäudehaftpflichtversicherung.

Wird der eigene Wagen durch Dachziegel, herabstürzende Blumenkästen oder Äste beschädigt, springt die Teilkaskoversicherung ein, fährt man gegen einen umgestürzten Baum, den „Xaver“ auf die Straße geweht hat oder drängt einen der Orkan von der Straße, braucht man eine Vollkaskoversicherung.

Damit die Versicherung zahlt, muss der Sturm mindestens Windstärke acht haben, also 62 Stundenkilometer. „Xaver“ schafft das locker. „Es wird keine Diskussionen geben“, sagt Alina Schön vom Versicherungsverband GDV. Fragen zum Versicherungsschutz beantworten GDV- Experten unter: 0800/3399399. Wer Fotos vom Schaden macht und eine Liste der zerstörten Gegenstände anlegt, beschleunigt die Schadensabwicklung.

Vom Fiskus können Privatleute keine Hilfe erwarten. Bei vermieteten Häusern kann der Vermieter die Reparaturkosten aber als Werbungskosten absetzen.

Was können Reisende verlangen?

Obwohl die Bahn keinen Einfluss auf den Orkan hat, muss sie für Verspätungen zahlen. Das entschied der Europäische Gerichtshof im September. 25 Prozent vom Reisepreis kann der Kunde verlangen, wenn der Zug eine Stunde zu spät kommt, bei zweistündigen Verspätungen sogar die Hälfte des Reisepreises.

Fluggäste können sich das Geld für ihr Ticket rückerstatten lassen, wenn der Flieger am Boden bleibt. Finanziell kommen sie aber wahrscheinlich besser davon, wenn sie das Angebot der Airlines auf eine Ersatzbeförderung annehmen und etwa auf den Zug umsteigen. Denn wer morgen oder übermorgen mit einem anderen Flieger reisen will, bekommt jetzt nur noch teure Tickets. Und den Aufpreis zahlt die Fluggesellschaft nicht. Weitergehende Ansprüche etwa auf eine Entschädigung hat man nämlich nicht. Orkane sind höhere Gewalt, anders als die Bahn sind Fluggesellschaften in solchen Fällen frei.

Und was ist mit dem gebuchten Hotel? Wer ein Zimmer auf Sylt gebucht hat und nicht anreisen kann, muss dafür nicht aufkommen. Auch eine Stornogebühr wird nicht fällig, sagt Sabine Fischer-Volk von der Verbraucherzentrale Brandenburg.

Warum sinkt jetzt der Strompreis?

An der Strombörse in Leipzig fiel der Großhandelspreis am Donnerstag auf 34,32 Euro pro Megawattstunde Strom. Am Mittwoch hatte der Tagespreis noch bei 47,88 Euro pro Megawattstunde gelegen. Der Grund: Die Windräder in Nord- und Ostdeutschland lieferten viel mehr Strom als normal.

Womöglich wird der Windstromrekord, der während des Oktober-Orkantiefs „Christian“ erzielt worden ist, am Donnerstag oder Freitag noch übertroffen. Im Oktober hatten die deutschen Windmühlen in einer Stunde von 11 bis 12 Uhr 24 700 Megawattstunden Strom produziert. Auch damals fielen die Preise an der Strombörse.

In der Vergangenheit wurde der Wind für Windräder manchmal einfach zu stark. Vor allem an der Küste knickte dann ein Windrad um oder Rotoren wurden von Böen abgerissen. Es ist aber kein Massenproblem, bisher ist es für Windmüller kein Problem, sich gegen solche Sturmschäden zu versichern.

Besonders heikel sind Orkane für Windräder auf hoher See. In den Windparks, die an der deutschen Nordseeküste derzeit errichtet werden, wurden alle Arbeiten vorläufig eingestellt. Auch für Strommasten sind Orkane keine Kleinigkeit. Vor ein paar Jahren blieb eine Region im Münsterland tagelang ohne Strom, weil Strommasten umgeknickt waren und die Leitungen nicht allzu schnell repariert werden konnten.

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