Zeitung Heute : Hallo Mutti, ich bin im Fernsehen Philipp Köster winkt entfesselt in die Kamera

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Hin und wieder passiert es bei dieser WM, dass auf dem Rasen nichts passiert außer Fehlpässen am laufenden Band. Dann wendet sich die Fernsehkamera vom Spielfeld ab und schwenkt suchend nach ulkigen Anhängern die Tribünen ab. Das bekommen natürlich auch die Zuschauer mit, und es beginnt auf allen Plätzen ein wildes Gewinke, als hätten Schiffbrüchige nach Jahren auf einer einsamen Insel plötzlich ein Flugzeug gesichtet. Gewinkt wird international, Ukrainer, Brasilianer, Franzosen, alle wollen einen Gruß an daheim loswerden. Mutti, ich bin im Fernsehen, danke für die Kreditkarte.

Nun kann man darauf hoffen, dass die Kamera zufällig in die richtige Richtung guckt. Man kann das Glück allerdings auch zwingen. Frauen müssen dazu gar nicht so viel mehr tun, als sich möglichst wenig anzuziehen. Männer hingegen müssen sich etwas einfallen lassen. So wie jener tollkühne Franzose, der zum Spiel gegen Südkorea einen lebenden Hahn mit ins Leipziger Zentralstadion schleppte und das sichtlich verstörte Federvieh wie den Weltpokal in die Höhe reckte. Der arme Gockel absolviert sicher inzwischen eine Psychotherapie, erfolgreich war es allemal: Hahn und Herrchen waren dreißig Sekunden lang im Bild.

Die schönste Publikumsszene sahen wir nach dem Viertelfinale in Berlin, die Kamera fing eine Gruppe am Boden zerstörter Argentinier ein. So tief traurig schauten die Anhänger drein, dass wir fast bedauerten, dass Deutschland das Viertelfinale gewonnen hat. Dann aber entdeckte einer aus der Gruppe die Kamera, entfesselt sprang die eben noch schwer depressive Truppe auf und winkte freudig. Hallo Mutti, wir kommen doch ein bisschen früher als gedacht nach Hause.

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