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SOPHIENSAELE Die 20. Tanztage Berlin stellen den choreografischen Nachwuchs vor – und laden zum Wiedersehen mit Tänzern aus früheren Jahrgängen

SANDRA LUZINA

Die Tanztage Berlin läuten wieder das neue Jahr ein. Am 5. Januar startet die 20. Ausgabe des Nachwuchsfestivals – das Jubiläum wird natürlich nach Kräften gefeiert. Anfangs traten die jungen Talente sogar zwei Mal jährlich im Pfefferberg auf. Seit 2001 finden die Tanztage in den Sophiensaelen statt, wo sie sich schnell etablierten. Und so macht sich die Bühne in Mitte auch wieder auf einen heftigen Ansturm gefasst. Es sind die wahren Enthusiasten, die sich hier frierend vor dem Kassenhäuschen drängen – erwärmt von der Hoffnung, dass hier die Talente von morgen zu entdecken sind. Doch mittlerweile schauen auch Produzenten und Talentscouts regelmäßig vorbei. Denn längst haben die Tanztage eine Ausstrahlung weit über Berlin hinaus entwickelt.

Mit der Uraufführung „To Allege“ wird Clément Layes das Festival eröffnen. Der französische Choreograf hat sein Solo „Allege“ zu einem Trio erweitert. Die Fragestellung von damals hat er weiterverfolgt: „Wie kann ich frei sein innerhalb der absurden Beschränkungen, denen ich ausgesetzt bin, ohne zu verstehen, weshalb?“ Bei der Probe sieht man zwei bärtige junge Männer bei der Arbeit. Layes und Vidal Bini hantieren mit verschiedenen Objekten, Sprechen und Handeln gehen Hand in Hand. Layes balanciert die ganze Zeit ein Wasserglas auf dem Hinterkopf – und so bewegt sich das Stück zwischen Ernst und Absurdität.

„Ich habe oft das Gefühl, dass Gewohnheit und Erziehung diktieren, was für Entscheidungen man trifft“, sagt Layes, der sein Stück als eine „Metapher für unser Leben“ begreift. Aus diesen Zwängen auszubrechen, sei kaum möglich. Layes hat aber eine Methodik entwickelt, um Bewegung in starre Verhaltensmuster zu bringen. „Ich reflektiere über die Namen von Dingen und wie wir sie benutzen. Und ersinne ein System, wie man die Dinge neu benennen kann.“ Nicht nur die Objekte werden immer wieder anders kombiniert, es entstehen auch neue semantische Gemeinschaften. Während Layes und Vidal Bini die Ordnung der Dinge zumindest auf der Bühne verrücken, räsonieren sie darüber, wie Leben und Energie, Ozean und Traum, Philosophie und Begehren zusammenhängen. Mit ihrem Sück wollen sie zu einem neuen Denken anregen – und dafür legen sie sich mächtig ins Zeug.

Das Ringen um Entscheidung in Zeiten der unbegrenzten Wahlmöglichkeiten beschäftigt auch Eva Burghardt. Die Tänzerin und Choreografin widmet sich in ihrem Solo „Shut up and love me!“ insbesondere den Tücken des Anfangens. Denn auch da ist Entschlossenheit gefragt. „Ich bin immer besser am Anfang“, teilt sie den Zuschauern mit – und vermasselt gleich den ersten Auftritt. „Das Solo entstand aus dem Wunsch heraus, mit den Zuschauern in Kontakt zu treten“, erklärt sie den Titel. Die charmante Tänzerin im blauen Pailettenkleid tut jedenfalls einiges auf der Bühne, um geliebt zu. Eva Burghardt spielt mit einem Paradox: „ Ich setzte mich aus, bin aber auch in einer Machtposition.“ Und ihre Parodie einer Sexnummer am Ende ist wirklich lustig.

Die 20. Ausgabe der Tanztage: Für den Kurator Peter Pleyer ist das nicht nur Anlass zum Jubeln. Denn das Nachwuchsfestival ist chronisch unterfinanziert. Bei einer Förderung von 50 000 Euro kann man keine großen Sprünge machen. „Unsere Ausgaben steigen, so dass immer weniger Geld für die Künstler übrig bleibt.“ Mit Summen zwischen 500 und 1800 Euro wurden einige ausgewählte Choreografen diesmal unterstützt – was nicht mehr ist als eine Anschubfinanzierung. Doch knapp 100 junge Choreografen haben sich wieder beworben.

„Das kleine Pflänzchen Tanztage ist extrem gewachsen“, sagt Pleyer nicht ohne Stolz. Die Liste der Choreografen, die hier angefangen haben, ist jedenfalls beachtlich. Die Ehemaligen beschenken die Tanztage mit täglich wechselnden Präsentationen. So wird jeder Tag zu einem Fest. SANDRA LUZINA

Tanztage Berlin 2011: 5.-15.1. „To Allege“ von Clément Layes: Premiere 5.1.,

20.30 Uhr. „Shut up and love me!“ von Eva Burghardt: Premiere 9.1., 20.30 Uhr

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