Zeitung Heute : Haltet den Dieb!

Krimis und Komödien: Autorenfilmer erproben das Genrekino

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Meuterei auf dem Krabbenfischerboot. Der Japaner Sabu, Stammgast beim Forum, zeigt „Kanikosen“, die Geschichte eines...

Räuberpistolen im Forum? Der Autorenfilm entdeckt das Genrekino und eignet es sich an, auf seine Weise. Berlin wird zum Krimi-Schauplatz: In Thomas Arslans Im Schatten bereitet ein aus dem Gefängnis entlassener Räuber seinen letzten Coup vor, Dominik Graf lädt zur Weltpremiere seiner TV-Miniserie Im Angesicht des Verbrechens (u. a. mit Max Riemelt und Marie Bäumer) über die russische Unterwelt in Charlottengrad: eine Sondervorführung zum Ende des Festivals. In beiden Filmen spielt Mišel Maticevic eine Hauptrolle. Andere Gangsterfilme sind in den Vorstädten von Istanbul angesiedelt (Pus von Tayfun Pirselimoglu), in Frankreich (Indigène d’Eurasie von Sharunas Bartas) oder im Rumänien der Vor-Ceausescu-Zeit: Portrait of the Fighter as a Young Man ist ein Partisanen-Western mit nationalistischen Helden. Und der Ungar Szaboics Hajdu würzt den Genremix in Bibliothèque Pascal mit märchenhaften Elementen.

34 Filme hat das Forum-Team aus über 2000 Anwärtern ausgewählt; dazu gibt es eine kleine Retro über 40 Jahre Forum, und das Ehepaar Gregor erhält eine Berlinale-Kamera. Deutschland ist diesmal besonders stark vertreten. Neben Arslan und Graf ist Angela Schanelec mit Orly dabei, ein in der Abflughalle des Pariser Flughafens inszeniertes Figurenmosaik, ein Kammerspiel vor hektischer Kulisse. In Eine flexible Frau driftet eine Architektin in die Arbeitslosigkeit, ein ebenso harter wie auch komischer Lowbudget-Erstling von Tatjana Turanskyj. Die Dokumentaristin Gamma Bak thematisiert in Schnupfen im Kopf ihre eigene psychotische Erkrankung, Philip Scheffner nennt seinen Kriegsessay Der Tag des Spatzen einen „politischen Naturfilm“, Marietta Kesting und Aljoscha Weskott reisen in Sunny Land in ein Entertainment-Paradies im Südafrika der Apartheid.

Aus Amerika steuert Laura Poitras mit The Oath das Porträt eines Al-Qaida-Aussteigers bei. Im halbdokumentarischen Putty Hill interviewt Matthew Porterfield die Gäste einer Beerdigung, und im Spielfilm Winter’s Bone lernt der Zuschauer den White Trash in Missouri kennen. Eine 17-Jährige versucht ihre Familie zu versorgen und stößt auf eine Mauer des Schweigens, als sie nach ihrem drogendealenden Vater zu fahnden beginnt. Coming-of-Age der harten, eindrücklichen Art.

Alles so düster? Die wie immer stark vertretenen Asiaten bieten eine Alternative. Gleich vier Debütfilme aus Korea und Taiwan erzählen auf heitere oder träumerische Weise von einer Jugend, der die Zukunft verstellt ist. Der Held von I’m in Trouble ist ein arbeitsloser Dichter, ein sympathischer Taugenichts, Our Fantastic 21st Century bestaunt die skurril-verzweifelten Geldbeschafftungsmethoden einer Modedesignerin, Au revoir, Taipei mixt eine charmante Lovestory mit einer schrägen Gangsterklamotte und One Day entführt in eine Traumwelt zwischen Gestern und Morgen: ein subtiler Kommentar auch auf den zwischen Festland-China und Inselstaat ungeklärten politischen Status Taiwans.

Last but not least: In seinem fünften Jahr expandiert die Reihe Forum expanded, mit Installationen, Film- und Videovorführungen – und neun Performances. Veranstaltungsorte sind unter anderem das Foyer des Filmhauses, die Akademie der Künste, die Temporäre Kunsthalle und drei Galerien. Und Schlingensief performt im Hebbel am Ufer!

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