Zeitung Heute : Hamburg: Wagner an der Waterkant

Christine Lemke-Matwey

Auf den ersten Blick passt hier nichts zusammen, rein gar nichts. Nike Wagner, 56, die stets streitbare Urenkelin Richard Wagners, soll neue Hamburger Kultursenatorin werden. Zwar dauerte bei den Koalitionsverhandlungen von CDU, FDP und der rechtspopulistische Schill-Partei das Gezerre um die Senatorenposten am Mittwochabend noch an, aber beim Kulturressort ist nach Informationen des Tagesspiegel alles unter Dach und Fach.

Nike Wagner, so heißt es, habe ihren Amtsantritt an eine ganze Reihe "harter" Bedingungen geknüpft. Man hat sie ihr offenbar erfüllt. Das meiste soll sie sich gleich schriftlich geben haben lassen. Die promovierte Kulturwissenschaftlerin und Publizistin scheint zu wissen, auf was sie sich da einlässt - und zieht sich vorsorglich warm an. Das ist klug so.

Wer Nike Wagner kennt, der wundert sich trotzdem. Und bangt und fürchtet um ihren unbescholtenen, bislang absolut integren Ruf - auch und gerade im Blick auf die nähere oder fernere Zukunft der Bayreuther Festspiele. Kaum drei Monate nämlich ist es her, da erneuerte die beharrliche Nike ihre Kandidatur für den Chefsessel auf dem Grünen Hügel und holte sich mit dem Stuttgarter Opernintendanten Klaus Zehelein (nachdem ihre vorherigen Wunschpartner, der Komponist Peter Ruzicka und der Ex-Intendant der Berliner Philharmoniker, Elmar Weingarten, aus Zeitgründen andere Wege eingeschlugen) einen Mann und ausgefuchsten Dramaturgen mit ins Boot, der heute für wie kein anderer für ein Musiktheater aus dem Geiste der Aufklärung und der kritischen Theorie steht. Ein geläuterter Alt-68er, wenn man so will. Einer mit ganz tiefen Frankfurter Wurzeln. Zeheleins Pluspunkte: Er kommt aus der Praxis und hat, nachweislich, großen Erfolg. Sein Stuttgarter Vertrag läuft im Jahr 2006 aus, Bayreuths Schicksal steht ohnehin weiter in den Sternen. Nike Wagner hat also Zeit, viel Zeit. Und will diese offenbar nutzen, um jeden Preis und möglichst noch vor dem eigenen Rentenalter.

Und wer ahnt, was Ole von Beust, Ronald Schill & Co. in Hamburg politisch so vorhaben, der wundert sich auch. Was will, so fragt man sich, eine renommierte Intellektuelle im Dunstkreis von "Richter Gnadenlos" und seinen Gesinnungsgenossen? Was verspricht sich ein kritischer Geist und doch eher scheuer, zurückhaltender Charakter wie Nike Wagner vom gleißenden Licht der Öffentlichkeit und vom Kampf mit harten Bandagen im politischen Tagesgeschäft? Was erwartet eine überzeugte Parteilose von den Ränkespielen einer stadtstaatlichen Parteipolitik? Und was treibt eine Fränkin im Herzen zu den Pfeffersäcken an die Binnenalster? Immerhin, Nikes Vater Wieland Wagner, neben Walter Felsenstein der richtungsweisende Opernregisseur in Deutschland nach 1945, hatte früh ein schönes Haus auf Sylt - aber mehr als ein Apercu ist das gewiss nicht wert.

Alle diese Fragen übrigens kann man umdrehen: Was verspricht sich die Hamburger Politik ausgerechnet von Nike Wagner, welchen Stellenwert ist man gewillt, der Kulturpolitik einzuräumen, und wie viel Machtinstinkt, wie viel Durchsetzungsvermögen traut man einer Senatorin dieser Couleur eigentlich zu? Nike Wagner ist ganz gewiss keine Adrienne Goehler, keine, die sich mit ein paar lustigen Ohrringen und mehr oder weniger frei Schnauze das richtige Standing verschafft. Nike Wagner liebt es, inhaltlich zu denken, zu diskutieren - und sie ist, wie viele in der neuen Koalition, im Führen politischer Ämter absolut unerfahren. Eine Debütantin, die gern mit Künstlern spricht. Hat Hamburg sich am Ende bloß einen Namen eingekauft, ein schmuckes Etikett für ein Ressort, mit dem ohnehin niemand etwas anzufangen weiß?

Die erste Wahl scheint Nike Wagner nicht gewesen zu sein. Viel lieber, so wispern die Latrinen, hätten die Hamburger Christoph Stölzl (CDU) auf diesen Posten gesetzt. Denn der verfügt über die nötige Berufserfahrung, hat zudem das richtige Parteibuch in der Tasche und braucht vielleicht ab Montag einen neuen Job. Aber eben nur vielleicht: Noch steht Stölzl nämlich in Berlin zur Wahl (Bezirk Zehlendorf/Wilmersdorf), und wer weiß, was eine mögliche Große Koalition der Hauptstadt am Ende an neuen alten Bekannten so beschert. Nike Wagner aber wünschen wir in jedem Fall viel Glück. In der Wagnerschen Familiensaga heißt es, sie sei als Steißgeburt zur Welt gekommen und man habe sie in schönster Gewissheit nach der griechischen Siegesgöttin benannt.

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