Hamburg-Wahl : Die Landungskrücken

Es ist noch nicht lange her, da koalierte Ole von Beusts CDU mit Rechtspopulisten. Nun, eine Woche vor der Wahl, ist in Hamburg auch Schwarz-Grün denkbar. Beobachtungen eines Politikers, der beliebt ist – aber auch beliebig.

Wahrscheinlich war es gar nicht Terry, der den Mann mit dem strohblonden Deckhaar als Erster erkannt hat. Wahrscheinlich war es sein Frauchen. Der Mann nimmt am Imbissstand gerade eine Currywurst mit Pommes/Majo zu sich. Auf Wadenhöhe hat sich der Borderterrier Ole von Beust genähert, nun steht er, ziemlich gelangweilt, in Riechweite. Mitten im Mittagsgewühl des Hamburger Wochenmarkts am Turmweg, wo Hunde eigentlich verboten sind, hört er, wie sein Frauchen von dem netten Foto erzählt, das da offenkundig existiert, von ihm, Terry, und Beust, dem Bürgermeister, aufgenommen im Sommer vor zwei Jahren. Beust, sagt die Dame am anderen Ende der Leine, sei darauf deutlich als Hundefreund zu erkennen, eine wichtige Botschaft, gerade jetzt im Wahlkampf…

…natürlich, sagt da Ole von Beust und nickt heftig.

Beust mag Märkte. Ganz besonders wegen solcher Gespräche. Man muss nicht mühsam auf die Leute zugehen, sie sind eh schon da. Wer will, kann sich wegducken. Dann drängt er sich nicht auf. Das muss er nicht. Wer sich ihm aber zuwendet, der bekommt für einen kurzen Moment ungekünstelte Aufmerksamkeit, vorgetragen in einer Art Hochgeschwindigkeitsplauderton, ungefähr so schnell wie beim Packungsbeilagenhinweis in der Werbung.

Ole in allen Lagen - eine Kampagne auf ihn allein abgestellt

Die Hundefreundin blickt insistierend. Der Bürgermeister hat sein Plastikgäbelchen in die Pommes gerammt und lässt sich von einem Mitarbeiter eine Visitenkarte mit Mailadresse reichen. Beust macht das immer, wenn alles gesagt ist und schon der Nächste wartet. Ob man ihm das Foto nicht mal zuschicken könne?

Ein Bild mit Beust. Noch eines! Als ob die ganze Stadt in diesen Tagen nicht schon voll davon wäre, üppig plakatiert. „Ole in allen Lagen und ganz bewusst schwarz-weiß“, sagt Ronald Pofalla, der CDU-Generalsekretär, das sei der Leitgedanke, eine Wahlkampagne, komplett auf die Person des Bürgermeisters abgestellt. Werbetechnisch sei das alles schon „sehr mutig“, sagt Pofalla. Sein Lieblingsbild ist werbetechnisch gesehen wahrscheinlich das Mutigste. Es zeigt Beust, wie immer wie aus dem Ei gepellt, vor der „Ahnengalerie“ des Bundesrats. Hamburgs Bürgermeister steht exaktement mitten zwischen den Konterfeis von Oskar Lafontaine (links) und Gerhard Schröder (rechts), ein schönes Foto, für das sich die Agentur „shipyard“ die Unterzeile „Hamburg fällt aus dem Rahmen“ hat einfallen lassen. Ach, doch?

Man muss beim Fahnden nach der politischen Botschaft des Plakats ein paar Mal um die Ecke denken, und auch dann ist Erfolg nicht garantiert. Wahrscheinlich ist gemeint: Ole macht was her, egal vor welcher Kulisse. Dass Hamburg aber nach dem 24. Februar aus dem Rahmen des Üblichen fallen kann – das ist drin. An der Elbe ist eine interessante Gemengelage entstanden. Sie hat nicht nur damit zu tun, dass der Bürgermeister trotz hoher persönlicher Beliebtheitswerte seine absolute Mehrheit wohl nicht wird verteidigen können, sondern auch damit, dass Beusts Abschneiden der CDU im Bund als Blaupause dafür gelten kann, wie Wahlkämpfe künftig zu führen sind. In der Union ist man da seit den Wahlgängen von Hessen und Niedersachsen so sicher nicht mehr.

Auch in Hamburg aber ist die Lage so klar längst nicht. Eine Umfrage von Infratest Dimap sah die CDU am vergangenen Wochenende nur noch bei 39 Prozent. Trotz boomender Wirtschaft trauen viele der Union nicht zu, den Wohlstand in der Hansestadt halbwegs gerecht zu verteilen. Selbst ein Bündnis mit der FDP reicht womöglich nicht zum Weiterregieren, und dass Beust so richtig Lust auf eine große Koalition hätte, ist auch nicht erkennbar. Bleibt Schwarz-Grün. Im Adenauer-Haus in Berlin jedenfalls hat man für Hamburg vorsorglich eine „Sonderbiotopstimmung“ ausgemacht, was ein schöner Begriff ist für die hinter vorgehaltener Hand getroffene Aussage: Ja, ist in Hamburg denkbar – aber nein, für die Bundesebene hat das keine Bedeutung!

Koalition mit Hamburgs Bevölkerung

Oder doch? Noch werden derartige Überlegungen hauptsächlich vom politischen Feuilleton angestellt. Der Druck in den Parteizentralen aber wächst. Ole von Beust jedenfalls stünde einem schwarz-grünen Bündnis nicht eben obstinat gegenüber. Als er vor einigen Wochen mit derlei Gedanken erstmals halblaut an die Öffentlichkeit ging, gab es allerdings ziemliche Erregungswellen. Mittlerweile wird beredt geschwiegen, auch damit es die Grünen darüber nicht unnötig zerbröselt. In diesen letzten Tagen vor der Wahl sagt Beust nur noch: „Die einzige Koalition, die ich anstrebe, ist die Koalition mit den Menschen dieser Stadt.“ Da klatschen dann die Parteigänger und wissen: Jetzt spricht wieder der Bürgerpräsident.

So wirkt er. So will er wirken. Er ist ja gut damit gefahren in den letzten vier Jahren. Einen ganz erstaunlichen Weg hat er bis dahin schon zurückgelegt. Beust, 52, einst als CDU-Frontmann eher hanseatische Randfigur im Machtgefüge der Union, ist mittlerweile längst zum Duzfreund der Kanzlerin aufgerückt. Geschadet hat dabei sicher nicht, dass er von allen potenziellen CDU-Kandidaten am glaubhaftesten sein Desinteresse an einem Wechsel ins Kanzleramt protokolliert hat. Als Beust aber vor vier Jahren das Rathaus der eigentlich tief sozialdemokratisch geprägten Hansestadt mit 47,2 Prozent genommen hat, nachdem er zuvor die Koalition mit der schwachbrüstigen FDP und dem unappetitlich gewordenen Rechtspopulisten Ronald Schill hatte platzen lassen, da hörte man sogar Angela Merkel spürbar aufatmen. In der Union, hatte Merkel damals gesagt, seien nun „Nord und Süd wieder in einer Balance“. Mit Beust hatte die CDU ihr Spektrum an Siegertypen um den Metrokonservativen erweitert. Plötzlich war da einer für die Union erfolgreich, der mit dem Lebensgefühl eines Großstädters durch das politische Leben ziehen konnte, hanseatisch zurückhaltend einerseits, aber auch mit jener Lebemannkomponente ausgestattet, die ihn das mondäne Sylt ganz selbstverständlich zum Lieblingsort erklären ließ. Ein Single. Und, ja, ein Schwuler.

Dramatische Tage waren das damals, mit Szenen, die einem heute vorkommen wie aus einer anderen Welt. „Wie eine Befreiung“ sei das gewesen, hatte Beust damals den Rausschmiss von Schill bezeichnet, der geglaubt hatte, der Erste Bürgermeister sei wegen seiner Homosexualität erpressbar. In jenen Wochen war ein neues Bild entstanden: netter Ole. Starker Mann. Eine ganze Stadt war bereit, sich ihre vormalige Drift in den Populismus zu verzeihen – und ihrem ersten Mann gleich mit. Hamburg, ehedem Arbeiterstadt, Hafenstadt, Weltstadt, Rot regiert für mehr als vier Jahrzehnte, nun Hafenstadt, Weltstadt, Dienstleistungsstadt, Stadt der Singles, fühlte sich plötzlich zeitgerecht repräsentiert.

Vier Jahre ist das jetzt her – erst. Und dass jemand, der mal mit Schill paktiert hat, nun für Teile der Grünen als bündnisfähig gilt, ist ein bemerkenswertes Phänomen. Netter Ole. Flexibler Mann.

So präsidial sanft und verständnisvoll gleitet Beust in diesen Tagen durch den Wahlkampf, dass es seine Gegner schwer haben, das nötige Reizklima zu schaffen, das für einen Wechsel erforderlich wäre. Beust selbst ist schon gar nicht auf Krawall gebürstet, scharfe Angriffe haben Seltenheitswert, selbst in Wahlkampfhochzeiten. Ein mit der „Bild“-Zeitung geführtes Interview erschien erst gar nicht – aus Mangel an pointierten Aussagen. Beust fand das nicht weiter schlimm.

Beust bezeichnet seinen Herausforderer als Wackeldackel

Als „Wackeldackel“ hat er seinen Herausforderer, den SPD-Spitzenkandidaten Michael Naumann, auf einer Veranstaltung mit Vertretern der Wirtschaft bezeichnet, weil der sich in der für den Hamburger Hafen so wichtigen Frage der Elbvertiefung nicht eindeutig positioniere. Da haben sie alle gelacht im Saal. Aber Beust legt in solchen Situationen nicht nach. Das ist nicht seine Art. Giftiger wird er nicht – auch nicht im einzigen Fernsehduell, das er sich am Sonntagabend mit Naumann im NDR liefert und das über weite Strecken dahinplätschert. Ein „paar Zettel“ hatte er sich vor der Sendung durchgelesen und von Beratern Tipps geben lassen, „wie man richtig steht und so“. Das war es dann auch. In der Sendung wird er nur ein einziges Mal etwas kälter. Ihm seien Leute suspekt, die stolz auf sich selbst sind, stichelt er in Richtung Naumann, als der sich eine Spur zu stark selbst lobt.

Michael Naumann hat in der Diskussion eine verheerende Schlussminute, einen regelrechten Blackout, der in der CDU sofort mit Häme quittiert wird. Mehrfach verhaspelt sich der SPD-Kandidat beim Thema Bildung, seufzt „Oh Gott“, und bringt dann nur noch mit abgehackter Stimme seinen Text zu Ende. Naumann ist erkennbar deprimiert. Unmittelbar nach der Sendung geht er auf Beust zu, gratuliert, dass der nach diesem Fauxpas wohl die Wahl gewonnen habe. Doch Beust tröstet: „So etwas kann passieren.“ Netter Ole. Verständnisvoller Mann.

Michael Naumann hat ihm im Wahlkampf wegen dieser fast präsidialen Nonchalance „Politikmüdigkeit“ vorgeworfen – und auch deshalb, weil Beust in einem Interview mit dem Tagesspiegel erklärt hatte, dass er keine Politik mehr machen wolle für den Fall, dass es am Wahlabend schief gehe. In der Tat gelten derartige Aussagen dem politisch-publizistischen Komplex in Berlin schnell als Ausweis mangelnder Ernsthaftigkeit. Beust aber meint das wohl wirklich so. Er hat – siehe Schill – gute Erfahrung mit seiner Form von Gradlinigkeit gemacht.

Bei der Veranstaltung mit CDU-nahen Wirtschaftsvertretern hat er jüngst seine Pläne verteidigt, ein Kohlekraftwerk auf Hamburger Gebiet zu bauen. „Ich muss vor der Wahl sagen, was ich nach der Wahl machen will.“ Von den Grünen bringt ihm das den Spott „Kohle von Beust“ ein, nach der Wahl wird dies einer der kniffligsten Punkte bei etwaigen Koalitionsverhandlungen sein. „Der Umfang der Bürgerlichkeit“, sagt von Beust, „zeigt sich nicht im Programm, sondern erst, wenn es um konkretes Handeln geht.“ Will heißen: Doch, da ist noch Hoffnung.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben