Zeitung Heute : Hamburger Rituale

Katja Kraus’ Domäne ist die Kommunikation: Sie war lange Keeperin beim FSV Frankfurt – nun wirbt sie erfolgreich für den Hamburger SV. Und morgens um sechs läuft sie sich warm.

Foto: Andreas Teichmann Text: Bernd Müllender

Katja Kraus ist ein wunderbar komplizierter Fall. Die einzige Frau im Vorstand eines deutschen Profiklubs nennt Kommunikation „eine Herzensangelegenheit“, die ihr „wie der Fußball selbst extremen Spaß“ mache. Abends, sagt die 35-Jährige, liebe sie es, „mit Freunden beim Rotwein über kommunikationstheoretische Fragen zu philosophieren“.

Beim Hamburger SV ist sie seit gut drei Jahren zuständig für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit. Kraus ist eine angenehme Gesprächspartnerin, die in druckreifen Sätzen spricht, pointiert, eloquent und klar, sich ihres Charmes bewusst. Dennoch ist Kommunikation ihr Problem.

Zunächst ist da eine innere Sperrigkeit: „Ich mag es nicht wirklich, wenn über mich geschrieben wird, schon gar nicht über private Dinge.“ Andererseits weiß sie um „diese Ambivalenz“, denn „mein Dasein hier ist ein Zeichen dafür, dass der HSV ein moderner Verein mit ebensolcher Unternehmensstruktur ist“. Auch wegen ihr. Also muss sie ins Scheinwerferlicht. Angebot: dieser Text in Ichform. Sie ist einverstanden. Das Kommunikationsexperiment aber scheitert an „erheblichem Unbehagen“: „Das bin ich nicht. So rede ich nicht.“ Also ab in den Papierkorb.

Das nächste Problem betrifft sie als Frau im Machobetrieb Profifußball. „Viele wollen über Frauen in Führungspositionen schreiben.“ Seit Angela Merkel Kanzlerin ist, habe sich das noch vervielfacht. Das stört sie. Kraus will nicht als Exotin begafft sein, sondern ihre Arbeit gewürdigt wissen, etwa wie ihr Team den Traditionsverein „neuen Zielgruppen zugeführt, Präsenz gezeigt hat“ und so in der Hafenstadt „besser verankert“ hat. Folge: Der Klub boomt auch als Marke.

Als Kraus vor acht Jahren, mit 27, als Pressesprecherin bei Eintracht Frankfurt ihre Karriere startete, „gab es zu Anfang erhebliche Widerstände gegen das Eindringen einer Frau in das Männerrefugium Fußball.“ Aber: „Seitdem hat sich viel normalisiert.“ Bedeutet, eine Arbeit herauszustellen, nur weil sie von einer Frau ist, sie ungewollt zu diskriminieren?

Katja Kraus ist vom Fach, mit 220 Bundesligaspielen als Torwartin für den FSV Frankfurt. Das Magazin „Rund“ lobt ihren Sachverstand, weil sie „die Leistungen der Profis mit diamantener Härte analysieren“ könne. Dennoch fühlt sich Kraus „selten richtig getroffen“, etwa bei Charakterisierungen in der „Welt“ wie „Stahlfeder im Samtmantel“: Das klinge so preußisch, stählern sei sie gar nicht.

Die studierte Politologin und Germanistin sagt: „Ich bin ein absoluter Ritualmensch.“ Jeden Morgen pflegt sie die Routine: Aufstehen zwischen sechs und sieben, Cappuccino, der Gang zum Kiosk. Kraus verschlingt morgens mindestens acht Zeitungen und sagt: „Ich sortiere alles auf drei Häufchen.“ Aufs erste gehören „HSV-relevante Sachen und was in der Stadt Wichtiges passiert.“ Das zweite: „Wirtschaftsthemen mit Jobimplikation und sonstiges Bundesligageschehen.“ Das dritte ist „das Muße-Häufchen: Was ich bei Gelegenheit lesen will. Wozu ich meistens doch nie komme.“ Der morgendliche Lauf an der Alster, hörbuchverstöpselt, dauert gut eine Stunde. Bestzeit Marathon: drei Stunden, 40 Minuten.

Die interne Kommunikationsroutine am Arbeitsplatz in der AOL-Arena: „Als Erstes mit meinem Pressesprecher die publizistische Lage analysieren.“ Dann: „Kundentermine, Hintergrundgespräche und Besprechungen mit den Bereichsleitern. Auch wenn es nach Plattitüde klingt: Ich fahre jeden Morgen aufs Neue gern ins Büro.“ Wochenarbeitszeit? „Keine Ahnung, ich kann schlecht zwischen Job und Privatem abgrenzen.“

Die Kommunikation mit Dritten: „Ich werde mit sehr unterschiedlichen Menschen konfrontiert, Spielern, Journalisten, Wirtschaftsvorständen. Das ist extrem spannend.“ Kraus gibt einen kurzen Blick ins Innere frei: „ Ich bin sehr emotional. Im Job finde ich das mitunter nicht ausreichend professionell.“

Und die Kommunikation mit Freunden? Die haben eigentlich „gar kein originäres Interesse an Fußball.“ Gut so, denn „ich will in meinen privaten Momenten nicht erzählen, was Sergej Barbarez für ein Typ ist oder warum wir einen Trainer entlassen mussten.“ Und angenehm auch für sie selbst: „Innerhalb des Fußballgeschäftes verliert man manchmal den Blick dafür, was wirklich wichtig ist.“ Neulich noch habe es sie „sehr befremdet“, dass Kahn für wichtiger genommen wurde als der Rücktritt von Matthias Platzeck.

Auch die WM ist ruckzuck wegkommuniziert: „Die wird einen ganz besonders verbindenden Charakter haben.“ Weltmeister? „Italien.“

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