Zeitung Heute : Hand aufs Herz

Zweieinhalb Jahre nach den verheerenden Terroranschlägen auf die USA holen die Geschehnisse George W. Bush wieder ein. Ausgerechnet mitten im Wahlkampf. Sein ehemaliger Berater Richard Clarke macht dem Präsidenten und seiner Regierung schwere Vorwürfe. Und die Liste der Fehler – und vielleicht auch Lügen – wird immer länger.

Malte Lehming[Washington]

WÄRE DER 11. SEPTEMBER ZU VERHINDERN GEWESEN?

Sie giften und zetern, poltern und intrigieren. Denn dieser Mann kann ihnen gefährlicher werden als die gesamte Opposition. Kein Zweifel: Die Getreuen von Präsident George W. Bush sind in die Defensive gedrängt worden. Das wissen auch Amerikas Medien. Mehr als zwei Dutzend Kameras sind an diesem Nachmittag auf Richard Clarke gerichtet, den ehemaligen Terror-Abwehr-Berater von Präsident George W. Bush. Der sagt vor der unabhängigen Kongresskommission zur Untersuchung der Anschläge vom 11. September 2001 aus. Mehrere TV-Sender übertragen live. Ein Hauch von Dramatik liegt in der Luft.

Was macht die Äußerungen dieses bulligen, weißhaarigen, konzentrierten Mannes derart explosiv? Erstens packt hier zum ersten Mal ein wirklicher Insider aus. Clarke ist Experte und verfügt über alle Informationen. „Er war bei jedem Treffen, das zum Terrorismus stattfand, dabei“, muss zähneknirschend sogar Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice einräumen. Er kennt die CIA- und FBI-Apparate, die Programme, die politischen Kanäle. Als Clarke am Wochenende anfing, die Versäumnisse und Verfehlungen der Bush-Regierung öffentlich zu machen, hatte Vizepräsident Dick Cheney noch versucht, den Störenfried als notorischen Querulanten zu diskreditieren. Doch das funktioniert schlicht nicht. In diesem Punkt wird Cheney selbst von Rice widersprochen.

Zweitens ist Clarke über jeden Verdacht erhaben, parteipolitisch motiviert zu sein. Er hat vier US-Präsidenten gedient, Ronald Reagan, George H. W. Bush senior, Bill Clinton, George W. Bush junior. Bei der letzten Präsidentschaftswahl war er registrierter Republikaner. Vom Weißen Haus wird trotzdem das Gerücht gestreut, der Abtrünnige sei scharf auf eine Karriere unter dem Demokraten John Kerry. Belegen lässt sich das nicht. Unter Eid weist Clarke am Mittwoch solche Spekulationen zurück. „Ich werde keine einzige Position in einer Kerry-Administration akzeptieren.“ Auch dieser Schuss der Bush-Getreuen geht nach hinten los.

Drittens versteht Clarke es meisterhaft, um sich herum den Nimbus des aufrechten, standhaften Mahners aufzubauen, der nur seinem Gewissen gefolgt ist, aus Achtung für die Wahrheit. Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Mag sein, dass das sogar stimmt. Die Rolle jedenfalls spielt er perfekt. Gleich der Beginn seines Auftritts vor der Untersuchungskommission, hinter ihm sitzen Hinterbliebene der Opfer, gerät zu einem dramatischen, tränenreichen Moment. Clarke verzichtet auf ein Eingangsstatement. Stattdessen entschuldigt er sich. „Ihre Regierung hat sie im Stich gelassen. Und ich habe Sie im Stich gelassen. Und für dieses Versagen bitte ich Sie, sobald alle Fakten bekannt sind, für Ihr Verständnis und Ihre Vergebung.“

Solche Worte haben die Angehörigen noch nie gehört, weder von der Bush- noch von der Clinton-Regierung. Sie sind dankbar für diese Sätze, fühlen sich fast ein wenig erlöst. Ab diesem Moment sind sie auf Clarkes Seite, ihr Groll auf die Verantwortlichen wächst. Das wird noch verstärkt durch die Weigerung von Sicherheitsberaterin Rice, vor der Kommission öffentlich auszusagen. Aus Protest dagegen verlassen einige Angehörige den Sitzungssaal. Die Peinlichkeiten fürs Weiße Haus scheinen kein Ende zu nehmen.

Dann geht es Schlag auf Schlag. Für die Bush-Regierung sei die Terrorbekämpfung vor „Nine-Eleven“ zwar ein „wichtiges, aber kein dringliches“ Thema gewesen, sagt Clarke. Dabei hätten sich die Informationen zum Sommer 2001 hin alarmierend verdichtet, er selbst habe immer wieder händeringend gewarnt. Am 4. September, also eine Woche vor dem Anschlag, schrieb er Rice eine entsprechende E-Mail. Man möge sich einmal „den Tag nach einem Terroranschlag vorstellen, mit Hunderten von amerikanischen Toten, und sich dann selbst fragen, was vorher hätte anders gemacht werden müssen“. Ebenfalls hartnäckig, aber vergeblich, habe er außerdem versucht, eine Dringlichkeitssitzung auf höchster Ebene zu erreichen.

Clarkes Auftritt am Mittwoch war der Höhepunkt der Anhörungen zum 11. September. Doch die Liste der Pleiten, Pannen und Verfehlungen im Vorfeld der Anschläge wird täglich länger. Der Vorsitzende des Ausschusses, Thomas Kean, spricht von einem „systematischen Versagen“ der Behörden. So tauschten etwa CIA und FBI aus wechselseitiger Eifersüchtelei wichtige Informationen nicht aus. Clarke erinnert sich, wie er nach den Anschlägen einen Anruf vom FBI erhielt. Ganz stolz habe ihm dessen Terrorabwehrchef erzählt, man habe die Passagierliste von den Flugzeugen, einige Namen seien identifiziert worden, alles deute auf das Werk von Al Qaida hin. „Ich war entsetzt“, sagt Clarke, „aber nicht, weil die Anschläge von Al Qaida ausgeführt worden waren, sondern weil die Attentäter offenbar unbehelligt unter Namen durch die USA gereist sind, die beim FBI als Al-Qaida-Namen bekannt waren.“

Wie Clarke ging es seit Amtsantritt der Bush-Regierung offenbar mehreren Terrorbekämpfern, auch bei der CIA. Mit ihren Mahnungen liefen sie ins Leere. Im Sommer 2001 sollen einige Veteranen derart frustriert darüber und gleichzeitig besorgt über die drohende Gefahr gewesen sein, dass sie ihren Rücktritt erwogen. Der Skandal müsse öffentlich gemacht werden, befanden sie, taten dies – Stichwort Agentenehre – aber dann doch nicht.

Die Untersuchungskommission soll klären, ob die Anschläge vom 11. September hätten verhindert werden können. Die Frage, ob die Regierung aus der Katastrophe die richtigen Lehren gezogen hat, ist für sie eher zweitrangig. Clarke ist darüber enttäuscht. Kaum jemand fragte ihn am Mittwoch, was er vom Irakkrieg halte. Dazu jedoch ist seine Meinung nicht minder dezidiert. „Mit der Invasion im Irak“, sagt Clarke, „hat der amerikanische Präsident den Anti-Terror-Krieg erheblich geschwächt.“ Militärische und finanzielle Ressourcen seien am falschen Objekt verschwendet, der Hass auf Amerika in der arabischen Welt neu geschürt worden.

Im Wahljahr wollte Bush sich als einzig wahrer Terror-Bekämpfer präsentieren. Diese Strategie hat Clarke durchkreuzt. Mit dessen Äußerungen wird Bush noch lange konfrontiert werden. Fürs Weiße Haus war dies keine gute Woche.

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