Zeitung Heute : Handel treiben

Wie eine Berlinerin, Ost, die Stadt erleben kann

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Vor ein paar Tagen besuchte ich eine Bekannte zum ersten Mal in ihrer Wohnung. Ich war erstaunt. Es war wie Griechenland auf Postkarten: weiße Wände, blaue Vorhänge, hellblau gestrichene Stühle und eine mittelblaue Bank. Das tollste aber waren die Bilder an den Wänden. Längliche Ölgemälde mit Segelschiffen in Fahrt. Sie waren in einer Reihe aufgehängt, ein Querformat neben dem anderen. Modern gemalt mit schwungvollen Pinselstrichen, weder abstrakt noch zu exakt. Jedes Bild hatte einen anderen Farbstich, mal Blau, wie das bei Meeresbildern nicht unüblich ist; mal Rot, wie bei einem Sonnenuntergang und auch mal eines in Weiß und Gelb.

Das eigentlich Erstaunliche aber ist dies: Die Bilder sind allesamt vom Flohmarkt, jedes stammt von einem anderen Künstler, war nicht teurer als 50 Mark, und alle haben fast das gleiche Format. Zwei, drei Zentimeter Unterschied, mehr nicht. Da kommt man ins Grübeln. Erzwingen Segelschiffe das Querformat? Gab es irgendwann mal ausschließlich lange, schmale Leinwände zu kaufen? Hatte jemand ein bundesweites Aktionsprogramm an Volkshochschulen ausgerufen: „Segelschiffe in Cinemascope“?

Festhalten kann man jedenfalls, dass die Künstler oder Workshop-Teilnehmer ihre Werke in Umlauf gebracht haben, die sich nun in ihrer Gesamtheit sehr gut machen. Zumindest an den Wänden dieser Bekannten. Und das kann einen ja auf weitere Gedanken bringen kann: Erstens, dass man selber wieder Kunst kaufen könnte. Wie früher, Mitte der neunziger Jahre, als es plötzlich diese kleinen „Art Stores“ gab, zuerst in Hamburg, dann auch in Berlin. Dort konnte man Kunst für unter hundert Mark erstehen. Das waren kleine Comicbilder in Öl von miteinander befreundeten Künstlern mit n wie 4000, SAM., Karlo und ein paar anderen, die heute berühmter sind. Vielleicht gibt es deren Werke inzwischen ja auch auf Flohmärkten, und man könnte sie thematisch zu einem eindrucksvollen Patchwork-Gemälde vereinigen.

Und schließlich zweitens: Man könnte ja selbst ein bißchen was los werden. Zum Beispiel die eigenen Tonfiguren, die einst in Projektwochen der Schule entstanden sind. Das wäre die zeitgemäße Alternative. In Zeiten der Wirtschaftskrise geht es ja weniger um die Frage, wie man sein Geld am sinnvollsten anlegen kann. Man muss erstmal welches einnehmen. So gewinnt der Gedanke, alles Überflüssige auf einem Flohmarkt zu verkaufen, an Reiz. Wegwerfen wäre zwar einfacher, aber die Müllabfuhr kostet auch Geld. Recycling ist angesagt.

Ein paar Bekannte haben das schon gemacht. Sie sind ihren Trödel auf dem Flohmarkt losgeworden, nicht auf irgendeinem, sondern auf dem am Arkonaplatz unterhalb der Bernauer Straße. Dort sind die Leute aus dem Kiez untereinander, die Feilscherei ist unkompliziert. Nachbarn verkaufen ihren überflüssigen Hausstand, Kids ihre früheren Idole. Und wer weiß, gegen welche Kunst man seinen eigenen Kram eintauschen kann. Britta Wauer

Der Arkonaplatz liegt in Mitte, Nähe U-Bahnhof Bernauer Straße, Flohmarkt Sonntags 10 bis 16 Uhr.

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