Zeitung Heute : Handwerk in der Markthalle

Der Tagesspiegel

Obwohl sie unmittelbar am S-Bahnhof Storkower Straße liegt, ist sie so gut wie unbekannt: die ehemalige Rinderauktionshalle auf dem Gelände des Alten Schlachthofs. Vor hundert Jahren wechselten hier unzählige Rinder den Besitzer, bevor sie den Weg zur Schlachtbank antreten mussten. Die Halle, erbaut zwischen 1877 und 1881 von Hermann Blankenstein, ist noch heute die größte überdachte Eisenkonstruktion in Berlin. 320 gußeiserne Säulen tragen ein bis zu zwölfeinhalb Meter hohes Dach; die Grundfläche beträgt 15 000 Quadratmeter. Zurzeit schlummert das prachtvolle Gebäude noch vernagelt und ungenutzt vor sich hin, wie so viele alte Bauten im postindustriellen Berlin. Doch es tut sich endlich was auf dem riesigen Schlachthof-Areal.

Im vergangenen Herbst bekam die Stuttgarter Zunft AG von der Städtischen Entwicklungsgesellschaft, die das Grundstück vermarktet, den Zuschlag zur Entwicklung der Halle. Das Konzept hat die Zunft AG jetzt vorgestellt: Eine „Zunfthalle“ soll es werden, wobei sich der Begriff „Zunft“ auf den direkten Kontakt zwischen Hersteller und Endverbraucher bezieht. Handwerker-Manufakturen werden dort - zu einem Gewerbemietpreis von rund 16 Euro pro Quadratmeter - ihre Produkte herstellen und verkaufen. Am anderen Ende der Halle soll man Wein, Backwaren, Blumen und andere Produkte des täglichen Bedarfs nach dem Markthallenprinzip kaufen können. Zwischen den beiden Bereichen wird es eine Bar und weitere Gastronomie geben.

Ob die hohe Miete die Ansiedlung möglicher Handwerksbetriebe nicht verhindern werde? „Nein“, sagt Bettina Brötel, die zusammen mit Christoph Hinderfeld die Zunft AG vor drei Jahren gegründet hat. „Denn in der Halle wird es ausreichend Kundenfrequenz geben.“ Allerdings setzt die Stuttgarterin dabei weniger auf Laufkundschaft, denn im unmittelbaren Umfeld wohnen nicht die wohlhabendsten Schichten. „Aber die Kunden werden extra anreisen, weil sie wissen, daß sie hier etwas finden, was es sonst nicht gibt in der Stadt, nämlich hochwertige Produkte direkt vom Hersteller". Seit einiger Zeit ist sie auf der Suche nach interessierten Manufakturbetrieben, die dem Konzept entsprechen. Zusagen - aber noch keine Mietverträge - gibt es unter anderem von einem Aufpolsterer, einem Geschirr- und mehreren Leinenherstellern. Das Projekt hat ein Investitionsvolumen von 26 Millionen Euro. Die Halle wird in den kommenden Monaten saniert. Mit dem Innenausbau soll im Oktober nächsten Jahres begonnen werden, so dass die Eröffnung rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft 2003 stattfinden kann. udo

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben