Zeitung Heute : Handwerk mit goldenen Boten

Anja Isensee verleiht Bilderrahmen, Möbeln und Skulpturen in ihrer Werkstatt in Dahlem weihnachtlichen Glanz.

Anna Wöltjen

Golden blinkt und funkelt es überall so kurz vor Weihnachten. Doch meist ist es kein echtes Edelmetall, sondern nur Sprühlack, der da glänzt. Althergebrachten vergoldeten Baumschmuck gibt es in der Vergolderwerkstatt von Anja Isensee auf dem Gelände der Domäne Dahlem. Wer seine Weihnachtstanne oder wintergrüne Zweige wirklich glamourös herausputzen möchte, erwirbt bei ihr auf den samstäglichen Adventsmärkten mit Blattgold überzogene Walnüsse oder anderen Zierrat. Außerdem kann der Besucher der Vergoldermeisterin bei ihrem kreativen Schaffen über die Schulter schauen.

Ein Besuch an ihrer Arbeitsstätte fühlt sich an wie eine Zeitreise, denn vor der Tür kräht ein Hahn, im Haus rechts daneben schlägt der Schmied Eisen und links der Eingangstür wird getöpfert. „Mein Handwerksberuf nutzt heute noch die traditionellen Techniken, die auch bereits vor 400 Jahren angewendet wurden“, sagt Isensee. „Eine Blütezeit der Vergoldung war die Epoche des Barock und Rokoko, aber bereits bei den Ägyptern und in der Antike wurde Gold aufgezogen, um einfachen Materialien durch Imitation ein hochwertiges massives Aussehen zu verleihen“, erzählt sie weiter. Seit eineinhalb Jahren hat sie ihre kleine Werkstatt in den ursprünglichen Räumen einer Tischlerei, in der früher hölzerne Wagenräder hergestellt wurden. „Die Hälfte meiner Kunden besuchen Berlin als Touristen und viele kommen zu den jährlichen Veranstaltungen in der Weihnachts- oder Osterzeit vorbei.“ Zusätzlich lebt sie von privaten Aufträgen. Mit der benachbarten Schmiede arbeitet sie zusammen, wenn es um die Restaurierung historischer Zäune geht, die vielfach Vergoldungen besitzen.

„Vergolder ist ein Ausbildungsberuf und den gibt’s noch immer? Solche erstaunten Reaktionen erlebe ich oft“, berichtet Anja Isensee. „Seit 10 Jahren arbeite ich selbstständig nachdem ich Kirchenmalerei, Fassmalerei und Vergoldung gelernt habe.“ Ihren Meisterabschluss hat sie in München an Deutschlands einziger staatlicher Vergolderschule erlangt. Vergolder besitzen eine eigene Innung und sie arbeiten oft denkmalpflegerisch an historischen Objekten. In Berlin bieten zehn Vergoldermeister ihre Handwerkskunst an. Wenn sie vergolden, tun sie dies durch das Aufbringen von Goldblättchen, die meist als acht Zentimeter große quadratische Folienstücke zwischen Seidenpapier verpackt in Heftform vorliegen. Solch ein Blatt Gold wiegt ungefähr 0,06 Gramm und hat eine hauchdünne Stärke von ca. 1/8000 Millimetern. Es ist so zart, dass es gegen das Licht durchsichtig erscheint und fasst man es mit bloßen Fingern an, zerfällt es sekundenschnell zu feinem Staub. Beim derzeitigen Preis liegt der Wert eines Blattes bei ca.1,80 Euro. Die Reinheit des Blattgoldes wird in Karat angegeben und reicht von 6 bis 24 bei Feingold. Verschiedene Blattgoldfarbtöne entstehen durch Zusätze von Kupfer, Silber und Platin. Isensee selbst findet Weißgold besonders schön. Die mögliche Farbpalette reicht von Grün- und Rotnuancen bis hin zu Versaille-Gold und Dukatengold. „Ich beziehe mein Blattgold von einer fränkischen Firma in Schwabach, dem geschichtlichen Zentrum der deutschen Blattgoldschlägerei, aber wenn ich über die Gewinnung des Rohgolds beispielsweise in afrikanischen Minen nachdenke, bekomme ich manchmal ein mulmiges Gefühl“, gesteht sie.

Vergolder arbeiten auch mit Silber oder unedlen Metallen wie Messing, Aluminium, Kupfer oder Oxidmetallen, um Oberflächen zu verschönern. Heutzutage können Metalle durch galvanische Verfahren oder Feuervergoldung chemisch vergoldet werden. Soll ein hölzerner Bilderrahmen, ein verschnörkelter Spiegel, ein Buchrücken, Deckenstuck oder die Inschrift eines Grabsteins vergoldet werden, funktioniert dies nur über die traditionelle mechanische Vergoldungstechnik.

Wie haftet das Gold am Objekt? „Wir unterscheiden das Aufbringen mit Klebemittel und die aufwendige Polimentglanzvergoldung, bei der zahlreiche Schichten aus Leimtränke, Kreidegrund und rötlichen Tonschichten den saugfähigen Untergrund bilden, auf dem das Blattgold aufgelegt und poliert werden kann.“ Dieses Verfahren wird nur bei Werken in Innenräumen angewandt. In Anja Isensees Räumen steht zur Zeit ein über 150 Jahre alter Tisch, den sie zunächst gereinigt hat, um anschließend ein ebenmäßiges Polster aus Weißgrund zu erstellen, auf dem dann das Blattgold aufgetragen wird. „Die sorgfältige Vorarbeit vor dem eigentlichen Vergolden ist extrem wichtig, denn es soll ja weder Harz noch Kratzer oder eine Maserung durchkommen“, betont die Kunsthandwerkerin. Am Ende wird sie mehr als 300 Blatt Gold auf dem Möbel aufgesetzt haben. Mit einem Halbedelstein Achat auf einem Holzstiel wird das Blattgold in einem letzten Schritt poliert. Durch die verschieden geformten matt angerauten Steinspitzen kann jede Vertiefung und Verzierung auf Hochglanz gebracht werden. Die empfindlichen Achate lagern gut geschützt einzeln in den Fächern einer Stofftasche.

Für das Handwerk des Vergolders liegen viele weitere Utensilien griffbereit. Beim Auftragen von Klebemittel, Leim oder auch beim Aufbringen von Lacken, um Silber, Messing oder Kupfer vor Oxidation zu schützen, kommen verschiedenartige runde oder flache Pinsel zum Einsatz. Außerdem werden unterschiedliche Spachtel, Haken und Schleifpapier verwendet, um den Untergrund vorzubereiten. Auf einem gepolsterten Lederkissen wird das Blattgold abgelegt und mit einem speziellen doppelschneidigen Messer zugeschnitten. Das feine Edelmetall darf nach dem Zuschnitt nicht daran haften bleiben und so muss darauf geachtet werden, dass dieses Kissen immer eine leicht angeraute, saubere Oberfläche bietet. Mit schwitzigen Fingern sollte es nicht berührt werden, um Fettverschmutzung zu vermeiden. Mit einem flachen Pinsel aus den weichen Schweifhaaren eines Eichhörnchens, der an der Wange elektrostatisch aufgeladen und dabei auch mit einem Hauch von Hautfett überzogen wird, hebt man das dünne Blattgold vom Seidenpapier auf und drückt es auf dem Gegenstand an. „Am liebsten arbeite ich an Bilderrahmen und so war mein Meisterstück ein vergoldeter Rahmen im Jugendstil“, erinnert sie sich. „Ich habe einige Semester Kunstgeschichte studiert und mag besonders Klimts Gemälde mit Flächen aus Blattgold und seine selbstgefertigten Rahmen." Diese können ein Bild jeder Stilrichtung perfektionieren und ihre Herstellung und Gestaltung gehört mit zum Beruf eines Vergolders.

Manchmal wollen Kunden ihr Handy, Skateboard oder ihre Autofelgen vergolden lassen. Schwierig ist bei diesen Alltagsgegenständen, dass sich die dünne Schicht im täglichen Gebrauch schnell abnutzt. Das kleinste Objekt, was sie je vergoldet hat, war eine Erbse, die eine Mutter ihrer Tochter schenken wollte und ein einzigartiger Auftrag bestand aus der Vergoldung eines Geiers für das skandinavische Künstlerduo Elmgreen und Dragset.

Will ein Hobbykoch für die Feiertage etwas Besonderes kredenzen, kann er in der Werkstatt essbares Feingold in Lebensmittelqualität kaufen. Hinter der amtlichen Bezeichnung E 175 verbirgt sich Blattgold mit 23 Karat. „Im Prinzip ist alles Gold bekömmlich, da es vom Körper nicht aufgenommen wird, aber es sollte unter Einhaltung der vorgeschriebenen Richtlinien gepresst worden sein, um genießbar zu sein.“ Dann lassen sich damit Schokopralinen verzieren, Sektgetränke garnieren und selbst Currywürste sollen so schon veredelt worden sein.

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