Zeitung Heute : Handwerk trifft Hightech

Schweizer Produkte werden erfolgreich in alle Welt verkauft

Vera Pache
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Es ist ein Muskelshirt, das David Beckham und die Schweiz verbindet. Zumindest ließ sich der Fußballer für einen Kalender in Schweizer Unterwäsche fotografieren – und das, obwohl er eigentlich einen Werbevertrag mit Armani hat. Die Firma Zimmerli freut sich über das prominente Model. Wie Beckham schwören auch viele Schauspieler auf die Leibchen und Höschen aus der Schweiz. Besonders das Feinripp-Unterhemd ist zu einem Klassiker geworden. „Dieses Shirt taucht sehr oft in Hollywood-Produktionen auf“, sagt Zimmerli-Geschäftsführer Marcel Hossli. Sylvester Stallone trug es in den „Rocky“-Filmen, und Joaquin Phoenix trat als Jonny Cash in „Walk the Line“ damit auf.

Seit 1871 stellt Zimmerli of Switzerland feinste Unterwäsche her. Gegründet wurde das Unternehmen von Pauline Zimmerli. „Die fing damals an, in der guten Stube Strümpfe und Socken zu produzieren“, erzählt Hossli. Bis heute werden alle Hemden und Unterhosen in der Schweiz gefertigt. In Handarbeit.

Zimmerli ist ein typisches Schweizer Unternehmen: mit langer Tradition, bekannt für seine Qualität und auf der ganzen Welt getragen. Mit 75 Mitarbeitern zählt es dennoch zu der Gruppe der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Mit einem Anteil von 99,7 Prozent an der Gesamtheit aller Firmen gelten sie als Rückgrat der Schweizer Wirtschaft. Banken, Geldgeschäfte und Uhren tragen ihren Teil zur Wirtschaftskraft bei, doch die Alpenrepublik hat mehr zu bieten. Neben Giganten wie Nestlé, dem größten Nahrungsmittelkonzern der Welt, oder dem Rohstoffhändler Glencore, dem größten Unternehmen der Schweiz, gibt es zahlreiche kleinere Firmen, die – oftmals in Familienbesitz – erfolgreich in die ganze Welt verkaufen.

Dass Schweizer Produkte so beliebt sind, liegt nicht zuletzt daran, dass sie häufig für solides Handwerk und ein hohes Maß an Qualität stehen. Der Historiker Christoph Dejung, der sich mit Schweizer Wirtschaftsgeschichte befasst, hat eine Erklärung: „Meiner Meinung nach hatte das viel damit zu tun, dass die Schweiz Anfang des 20. Jahrhunderts eines der ersten Länder auf dem europäischen Kontinent war, das sich industrialisierte.“ Der Schweizer Markt sei jedoch überschaubar gewesen, und die europäischen Nachbarn hätten eine protektionistische Wirtschaftspolitik verfolgt. Das habe dazu beigetragen, dass die Schweizer Fabrikanten ihre Textilien oder Maschinen früh nach Übersee verschifften. „Qualität und Marktinformationen waren dabei sehr wichtig.“

Es gibt aber auch Marken, die vor allem in der Heimat ihren Absatz finden. Ein Produkt, das nicht mehr aus Schweizer Supermärkten, Restaurants und Getränkeautomaten wegzudenken ist und gelegentlich auch in Berliner Szenebars über den Tresen geht, ist die Rivella. Jeder Schweizer trinkt im Schnitt pro Jahr elf Liter der Kräuterlimonade. 1951 hatte Robert Barth die Rechte an dem Rezept für eine Art Molkebier gekauft. Der Jurastudent experimentierte, bis er hatte, was er suchte: ein „alkoholfreies diätetisches Tafelgetränk mit wertvollem Milchserum und natürlichen Essenzen aus Früchten und Kräutern aromatisiert, wohlschmeckend und zu Trinkkuren vorzüglich geeignet.“ In Anlehnung an das italienische Wort für Offenbarung, Rivelazione, wurde die Limonade Rivella getauft. Inzwischen gibt es viele Sorten, die auch in den Niederlanden, Belgien und Frankreich getrunken werden. Doch niemand liebt das Getränk so sehr wie die Eidgenossen. „Die Schweiz ist mit Abstand der größte und wichtigste Markt“, sagt Rivella-Sprecher Axel Kuhn.

Neben Marken mit langer Tradition schreiben aber auch jüngere Unternehmen Erfolgsgeschichten. Ein Beispiel ist die 2007 gegründete Firma Optotune, die für die Entwicklung einer beweglichen Linse bereits mit fünf Preisen ausgezeichnet wurde. „Normalerweise sind Linsen aus hartem Glas oder Plastik“, erklärt Mark Blum, einer der drei Optotune-Geschäftsführer. „Unsere Linse ist aus Polymere und weich. Die Form können wir elektrisch steuern und krümmen.“ Wie das menschliche Auge kann die Linse selbstständig fokussieren.

Das ist neu, und die Nachfrage nach der Technologie ist groß. „Es gibt mehr Anfragen, als wir momentan bearbeiten können“, sagt Blum. Rund 50 Firmen aus dem In- und Ausland haben Interesse angemeldet. Die meisten kommen aus Deutschland. Angewendet werden soll die bewegliche Linse überall dort, wo Optik zum Einsatz kommt: in der Industrie, in der Medizin und vor allem bei Handykameras. „Der Handymarkt ist prädestiniert für unsere Linse“, so Blum. Bis das erste Handy mit einer beweglichen Linse auf den Markt kommt, wird es aber noch einige Jahre dauern.

Lauter kleine Erfolgsgeschichten. Doch so idyllisch es in der Schweiz sein mag: Die Wirtschaftskrise hat auch dieses Land nicht verschont. „Für 2009 rechnen wir mit einem Minuswachstum von 2,7 Prozent“, sagt Antje Baertschi vom Schweizer Staatssekretariat für Wirtschaft. „Die Schweiz ist ein exportorientiertes Land. Darum ist auch bei uns die Krise deutlich zu spüren.“ Elektrotechnik, die Uhrenindustrie und Autozulieferer seien besonders betroffen. Die Arbeitslosenquote liege derzeit bei 3,8 Prozent, das entspreche rund 150 000 Menschen ohne Job. „Das hört sich vielleicht nicht so viel an, verglichen mit Deutschland“, sagt Baertschi, „aber für uns ist die Zahl sehr hoch.“ Im Vergleich zum Vorjahr ist die Quote um 0,8 Prozentpunkte angestiegen, und für 2010 werden noch mehr Arbeitslose erwartet.

Ob Rivella, Zimmerli oder Victorinox – alle mussten Einbußen hinnehmen. Hans Schorno von Victorinox aber legt Schweizer Gelassenheit an den Tag: „Auch nach 9/11 im Jahr 2001 hatten wir große Gewinneinbrüche. Mittlerweile sind wir krisenerprobt.“ Vera Pache

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