Zeitung Heute : Handys anschauen

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Seit Mittwoch haben sie die Ecke Unter den Linden/Friedrichstraße pinkrosarot eingefärbt: Ein T-Punkt lockt jetzt die Handyaner ins Haus der Schweiz. Herr Rentner widersteht der Versuchung, sich mit der Metamorphose dieses Ladens zu beschäftigen: Erst gab’s hier in einer Bankfiliale Moneten, dann kam der Berlin-Fan Walter Türler aus Zürich und bat freundlichst darum, seine Schweizer Uhren und Juwelen zu kaufen. Leider standen an dieser windigen Ecke nicht genug Leute auf teure Klunker, von brutalen Einbrechern mal abgesehen. Türler gab schweren Herzens auf und T-Mobile die Klinke in die Hand. Nun können sich die Leute nach Herzenslust mit diesen kleinen silbern blitzenden Dingern das Geld aus der Tasche ziehen lassen, im Minutentakt.

Herr Rentner fühlt sich in so einem Laden deplatziert wie im Freudenhaus, er versteht nur noch Bahnhof, wenn ihm Relax Holiday, Headset, integrierte Real-One-Player und superschnelle Downloads um die Ohren fliegen, er kommt sich so rückständig wie bescheuert vor, wenn er diese Sprache, die nicht die Sprache Goethes und Heines ist, sondern die seiner Enkel, nicht kapiert. Was antwortet man dem Menschen, der einem treuherzig in die Pupille sagt: „Und dann hätte ich auch noch ein Basis-W-Lan-Paket T-DSL plus W-Lan Router plus ein PC für komplett 229,99 im Angebot“? Man guckt wie ein Kaninchen, das reißt den Herrn T-Punkt zu weiteren Grundeinweisungen hin: „Gerade Ihnen wäre doch dieses schnurlose Surfvergnügen zu gönnen.“ „Aber – ich will doch eigentlich gar nicht.“ „Ach, Sie kleiner Schäker, tun Sie doch nicht so blöd, und wenn gar nichts mehr geht, erhalten Sie kompetente Antworten unter freecall 0800 3301000. Nur zu, Mann!“

Hat er natürlich nur so gedacht. Am liebsten hätte ich ihn fotografiert. Mit einem Siemens CT 65. Dieses Fotohandy (Bilder aufnehmen, empfangen und versenden plus 32-stimmige Klingeltöne und 65536 Farben im Display) kostet sage und schreibe 1,00 Euro. Unfassbar. Aber wozu 65000 Farben? Dennoch: Dem Erfinder der Nobelpreis! Das Surf & Fun erklären uns unsere Kindeskinder.

Handy-Läden gibt es überall – wie Menschen, die die Multimedia-Sprache beherrschen.

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