Zeitung Heute : Hannover

Die letzten Tage vor der Wahl:

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auf Deutschlandtour Heute:

In Hannover gehe ich erst mal in die Plathnerstraße und schaue mir das Haus der Schröders an. Als sie es gekauft haben, verdiente Gerhard Schröder als Kanzler 603256 Mark brutto im Jahr. Es ist folglich keine Prachtvilla, nur ein mittelprächtiges Eckhaus. Wenn die Jalousien nicht runtergezogen wären, könnte man den Schröders glatt auf ihren Frühstückstisch gucken. Durch die Jalousien hindurch erkennt man zahlreiche Topfpflanzen, und im Erker… verdammt will ich sein, aber das Gewächs im Erkerzimmer sieht schwer nach Gummibaum aus.

In Hannover verteidigt Edelgard Bulmahn für Schröder die Stellung, die Bildungsministerin. Ihr Gegenkandidat ist Friedbert Pflüger, der gefühlte Außenminister der CDU. Er selber fühlt das. Bulmahn hält den Wahlkreis seit 1987. Sie kommt mit dem Zug aus Berlin, der Fahrer wartet am Bahnhof. Edelgard Bulmahn, ehemalige Studienrätin, erinnert ein bisschen an die Schauspielerin Diane Keaton, finde ich. Diane Keaton spielt immer gestresste Intellektuelle. Während wir im Auto sitzen, schaut sie auf den Schreibblock und registriert Wort für Wort, was ich mitschreibe. Das kann einen ganz wuschig machen. Ihr großes Thema ist die Einführung der Ganztagsschule, und egal, was ich sie frage, sie kommt immer wieder irgendwie auf die Ganztagsschule zurück und wie toll die doch ist.

„Die SPD hat nur noch dann eine Chance, wenn sie extrem polarisiert. Das sagt Ute Voigt von der SPD. Aber gegen die Ganztagsschule ist doch eigentlich fast niemand.“ „Heute. Im Jahre 2001 hieß es aus der CDU, die Ganztagsschule gefährde die Familie.“ „Na ja, aber heute redet die CDU anders, müssten Sie nicht, in dieser Lage der SPD, viel härter…“ „Ich bin immer hart.“ Sie kann witzig sein, aber ist vor allem vorsichtig. „Wenn Sie eines Tages nicht mehr Ministerin sind…“ „Dann bin ich immer noch Politikerin.“

Sie tritt bei einer Podiumsdiskussion der SPD-Ratsfraktion von Hannover auf, im Landesmuseum, und hält dort die Eröffnungsrede. Es geht natürlich um die Ganztagsschule. Etwa 50 Leute sind da. Edelgard Bulmahn spricht ein bisschen monoton. Sie hat nur vier Stunden geschlafen und vor der Veranstaltung verzweifelt versucht, einen Kaffee zu kriegen. Der Automat war aber kaputt. Bei strittigen Themen, etwa Gesamtschule, bleibt sie in sicherer Deckung. Sie ist zum Beispiel weder gegen Gesamtschulen noch dafür, sondern sagt: „Eine Festlegung der Kinder auf eine bestimmte Schulform mit zehn Jahren ist zu früh.“ Okay, aber was folgt daraus? Die Leute fragen nach, ohne viel Erfolg. Ich denke: „Das ist nicht bloß Müdigkeit. Warum kämpft sie nicht? Powerplay! Die SPD hat doch nichts zu verlieren.“ Aber dann denke ich an ihren Satz, dass sie nach der Wahl immer noch Politikerin sein wird. Natürlich, das ist es! Die SPD befindet sich in einer Titanic-Situation. Man weiß schon, das Schiff sinkt. Aber man weiß noch nicht, wer einen Platz im Rettungsboot kriegt. Wer jetzt zu viel riskiert, in der Illusion, das Ding sei noch zu wuppen, steht nach der Wahl womöglich auf der Liste der Sündenböcke. Denn nach der Wahl gibt es bei der SPD wahrscheinlich die Nacht der langen Messer, Generationswechsel nennt man das auch. Edelgard Bulmahn, Jahrgang 51, gehört weder zu den Alten wie Clement noch zu den Jungen wie Ute Voigt.

Draußen hängen Plakate, auf denen der Sänger Konstantin Wecker für die Linkspartei wirbt. Der berühmteste Wecker-Song heißt „Willy“, der Refrain geht so: „Gestern habns an Willy daschlogn“. Das Lied ist eine, je nach Geschmack, kitschige oder rührende Antirassismus-Hymne. Demnächst also tritt Konstantin Wecker in Hannover mit Oskar Lafontaine auf, singt vermutlich den „Willy“, danach warnt Oskar vor Fremdarbeitern. Wahnsinn. Ich glaube, ich fahre nach Hoyerswerda.

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