Zeitung Heute : Hans Magnus Enzensberger gibt "Die andere Bibliothek" heraus

Michael Burucker

Die Aufmerksamkeit der konzentriert lauschenden Zuhörer im Sendesaal des Hessischen Rundfunks fesselt kein buntes Showprogramm, sie verfolgen keine zappelnden Leinwandbilder. Nur die Stimme eines unsichtbaren Sprechers, der Gedichte vorträgt, füllt den Raum. Die gebannte Reaktion kündet von der alten Magie des Radios und vielleicht von dem "neuen Interesse am Hören", das Hörfunk-Redakteur Heiner Boehncke an der positiven Resonanz auf Kultursendungen abzulesen glaubt. Die günstige Stimmung für den im Schatten des Dudelfunks verkümmernden Wortanteil nutzte er, um ein ebenso ehrgeiziges wie reizvolles Projekt zu initiieren.

In Zusammenarbeit mit dem Eichborn-Verlag und dem Herausgeber der "Anderen Bibliothek", Hans Magnus Enzensberger, entstehen aus ausgewählten Titeln der anpruchsvollen Buchreihe Fassungen für den Hörfunk und gleichzeitig als CD vertriebene "Hörbücher", ein Medium, das immer mehr Anhänger findet. Die Hörbücher, die Boehncke am Donnerstagabend bei einer Lesung im Foyer des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main vorstellte, sind für Enzensberger schlicht mündliche Literatur. "Eine Tankstelle für das Ohr, ein joint venture im besten Sinne" nannte Boehncke, der Vertreter des Verlages, die Kooperation und tatsächlich scheint es, als gewinne hier jeder: Ein zum Sparzwang verurteilter öffentlich-rechtlicher Sender, ein kleiner Verlag, die Literatur und nicht zuletzt die literarisch interessierte Öffentlichkeit. Der produzierende HR erhält von Eichborn alle anfallenden Lizenzen umsonst und entlastet damit die Produktionskosten für die radiofonen Lesungen der Reihe "Die andere Bibliothek im Ohr". Dem Verlag, der den Vertrieb übernimmt, kommt das überlegene Know-how und die technische Ausrüstung eines großen Senders zugute, der mit seiner Ausstrahlung zusätzlich einen Werbeeffekt für die CD erzielt. Weitere Einnahmen sowohl für den HR als auch für den Verlag fallen bei Ankauf der Hör-Reihe durch andere Funkhäuser an, die dann die üblichen Lizenzgebühren zu zahlen hätten. Berührungsängste mit dem Medium Radio hat Herausgeber Enzensberger, der mit den luxuriösen Buchausgaben seiner vor 15 Jahren begonnenen Reihe vor allem bibliophile Leser anspricht, nicht. Schließlich haben Schriftsteller und Rundfunk mit der Sprache das gleiche Metier. Das ist dem "alten Radiomenschen", wie sich Enzensberger bei der Vorstellung des Projekts nannte, schon früh aufgefallen.

Das Werk des einstigen Assistenten bei Nachtfunk-Redakteur Alfred Andersch enthält zu großen Teilen Hörspiele und Rundfunkessays. Auch auf den Hörbüchern ist der umtriebige Literat, der in wenigen Tagen seinen 70. Geburtstag begeht, zu vernehmen. Etwa als Pfadfinder durch die perfiden Lyrik-Persiflagen des Andreas Thalmayr unter dem Titel "Das Wasserzeichen der Poesie". Es ist die Hörfassung eines der erfolgreichsten Bücher der "Anderen Bibliothek", die die Kulturwelle des Hessischen Rundfunks (HR) im August ausstrahlte. Mit diebischer Freude präsentierte Enzensberger, der wie ein dynamischer Mittfünfziger wirkt, im HR noch einmal die Parodien, die Biedermeier-Reime in Ausländer-Deutsch übertragen oder Rilke-Verse durch einen kleinen Trick ins Gegenteil verkehren - zu seiner vergnüglichen Bestürzung ohne, dass es auffiele.

Wie Gedichte, deren Rhythmus geradezu eines versierten Vorlesers wie Gert Heidenreich bedürfen, eignen sich zum Vorlesen auch Reisegeschichten, besonders auf langen Autofahrten zu empfehlen. Lautet der Titel allerdings so wie der des zweiten Hörbuchs "Nie wieder! Die schlimmsten Reisen der Welt" ist Vorsicht geboten: Man könnte wieder umkehren.

In Planung sind weitere vielversprechende Titel: Grausame, verschollene und "Hunger"-Märchen werden erzählt von professionellen Märchenonkeln und Robert Gernhardt will Wilhelm Busch vom Biedersinn befreien. Sein Werk "Da grunzt das Schwein, die Englein singen" liest er selbst.

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