Harald Martenstein : Rührend deutsch

Harald Martenstein

Wäre es nicht schön, wenn man auf dem früheren Tempelhofer Flughafengelände die größte Skihalle der Welt errichten würde? Meinetwegen mit eingebauter Solarenergie. Ich habe die Skihalle in Dubai gesehen, sie ist ein Touristenmagnet für den gesamten Orient, diese Halle macht Gewinn ohne Ende. Man muss dann zum Skilaufen nicht mehr in die Alpen, das ist doch umweltfreundlich.

Dreizehn bekannte Filmregisseure haben jetzt auch Kurzfilme zur Lage der deutschen Nation gedreht, das Ganze heißt „Deutschland 09“ und lief bei der Berlinale. Die Filme sind natürlich unterschiedlich, insgesamt ist der Blick eher düster. Ich habe den Verdacht, dass die meisten Regisseure über ihr Verhältnis zu Deutschland nicht die Wahrheit gesagt haben. Die meisten Leute leben ganz gern hier. Es ist kein übles Land, relativ frei, sehr skrupulös, ein bisschen entscheidungsschwach, man diskutiert gerne, man genießt das Leben, macht dumme Witze und spricht mehrere Fremdsprachen. Die Deutschen 2009 sind nicht besonders diszipliniert und nicht besonders arbeitsam, aber auch nicht faul, sie haben in der Schule und im Fernsehen viel über die Schattenseiten der Geschichte erfahren, deshalb ist ihr Verhältnis zu Deutschland distanziert, aber sie hassen Deutschland auch nicht, denn dazu müssten sie ja sich selber hassen. Das Land ist weder auffällig aufregend noch auffällig langweilig, weder billig noch teuer, weder extrem sauber noch extrem schmutzig, es will, nach Jahrzehnten des Umsichschlagens, nichts Besonderes mehr sein, es ist auch nichts Besonderes. Außer, dass es immer wieder Filme und Bücher gibt, in denen Deutsche über Deutschland nachdenken, das macht man in den USA oder in Frankreich eher nicht.

Kaum ein Land ist für die Errichtung einer Diktatur weniger geeignet als Deutschland 2009. Autoritäres Verhalten gilt bei uns als extrem unsympathisch. Konflikte werden in Deutschland gerne moderiert und in einem Kompromiss aufgelöst, nach Möglichkeit soll es weder Sieger noch Besiegte geben. In dem Film ist die treffendste Episode deswegen die, in der eine Lehrerin mit Grundschulkindern Demokratie einübt. Ein Junge will beim Völkerball nicht mitspielen, weil der Verlierer von den anderen immer – natürlich auf Englisch! – „loser“ genannt wird. Die Kinder diskutieren, stimmen ab und beschließen: Wer noch einmal einen Verlierer „loser“ nennt, kriegt einen Tadel. Dieses Land rührt mich zutiefst, ich mag es, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es zu meinen Lebzeiten noch einen Beschluss über die neue Nutzung des Tempelhofer Flughafengeländes geben wird, diese Sache lassen sie schmoren, bis eine Lösung des Problems sich irgendwie von selber ergibt.

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