Harald Martenstein : Steuern steuern

Harald Martenstein

Auch ich ärgere mich, wie die meisten, über die verdammten Steuern. Die verdammten Steuern sollen sinken.

Wenn ich im Ausland bin, mag ich es allerdings nicht, dass man in den Städten abends Angst haben muss. In Berlin kann man fast überall ziemlich sorglos herumlaufen – ja, ich weiß, die Nazis, die Jugendbanden, Kottbusser Tor, das gibt es alles, aber man kann unsere Probleme nicht ernsthaft vergleichen mit Rio, mit Kapstadt, mit den harten Vierteln in Moskau oder London. In vielen Städten ziehen die Wohlhabenden sich in bewachte, festungsähnliche Stadtviertel zurück, sogenannte „gated communities“. Sie zahlen relativ geringe Steuern, der Preis dafür ist ein Leben im Ghetto. Keine entspannten Spaziergänge nach dem Restaurantbesuch, immer auf der Hut sein, Autotüren von innen verschlossen, wie ein Besatzer im Feindesland.

Unser oft kritisiertes, aufgeblähtes, uneffektives, leistungsfeindliches, egalitäres, von Neidgefühlen diktiertes, zum Schmarotzertum einladendes Sozial- und Steuersystem bringt auch den Wohlhabenden einiges an Lebensqualität. Das vergessen sie oft. Sie können gelassen sein, sie sind freier. Zurzeit bekommt Berlin viele Komplimente von Hollywoodstars, zuletzt von Jodie Foster, die begeistert davon ist, dass sie in Berlin einfach so herumlaufen und sich in eine Kneipe setzen kann wie ein normaler Mensch. Diese Tatsache hängt auch mit dem deutschen Sozialsystem und den deutschen Steuern zusammen.

Jede Maßnahme hat Nebenwirkungen, auch die Steuersenkung. Man kann sich natürlich daran stoßen, dass diese Argumentation moralfrei, pragmatisch und unchristlich ist, ich rede ja nicht von sozialer Verantwortung oder von Solidarität, sondern von Lebensqualität. Außerdem fließt unser schönes Steuergeld in alle möglichen Kanäle, nicht nur in den Sozialstaat. Und trotzdem.

In Ländern mit niedrigen staatlichen Ausgaben, zum Beispiel den USA, wenn man den Militärhaushalt der USA einmal beiseitelässt, fällt der Kontrast auf zwischen den Zonen privaten Reichtums, den Villenvierteln, und dem verlotterten Teil der Stadt, den der Staat allen zur Verfügung stellt. In einer Stadt wie Paris scheint jedes fünfte Gebäude einen öffentlichen Zweck zu erfüllen, Bibliotheken, Kulturzentren, Museen, die Pracht und Schönheit von Paris ist zu großen Teilen ein Ergebnis öffentlichen Reichtums. Alle Amerikaner lieben Paris, es ist ihr Utopia. Auch sie spüren diese Schönheit. Sie ist nicht nur äußerlich. Es ist das Gefühl, Teil eines Ganzen zu sein. So eine traditionelle Stadt bedeutet eben etwas ganz anderes als ein Einkaufszentrum, wo jeder Quadratmeter Gewinn bringen muss. Dann, zu Hause, schimpfen sie über den Staat und die Steuern.

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