Harald Martenstein : Warum Umverteilen so beliebt ist

Ich möchte endlich mal über ein Thema schreiben, das nicht kontrovers ist. Chancengleichheit! Alle Kinder sollten die gleiche Möglichkeit haben, ihre Talente zu entfalten. Dagegen hat nun wirklich keiner was. Am besten scheint dies in Finnland gewährleistet zu sein. Auf der Suche nach Informationen über Finnland stieß ich auf eine Bundestagsrede von Petra Sitte, Linkspartei. Sie sagt: „Das Bildungssystem der DDR war Vorbild für die finnische Reform.“ In der Folge las ich eine Flut von Äußerungen linker Politiker, alle lobten das DDR-Bildungssystem. Vieles an der DDR sei schlecht gewesen, aber vom Bildungssystem der DDR könne man eine Menge lernen. Die Linkspartei vertritt zur Bildungspolitik der DDR eine ähnliche Position wie Eva Herrman zum Autobahnbau in der NaziZeit. Da habe ich mir das mal angeschaut.

In der DDR durfte nur studieren, wer eine positive Einstellung zum Staat erkennen ließ, durch die Mitgliedschaft in einer Massenorganisation, besser noch in der SED. Wer politisch renitent war, konnte sich die Oberschule abschminken. Studienplätze wurden auch nach der Herkunft der Eltern vergeben. Kinder bürgerlicher Eltern durften, vor allem in den ersten Jahrzehnten, nur bestimmte Fächer oder überhaupt nicht studieren. Wenn man zur Nationalen Volksarmee ging, konnte man der hinterletzte Dödel mit einem Intelligenzquotienten sein, der unter dem von Erich Honecker lag, und man durfte trotzdem Theaterregisseur studieren.

Man muss sich das einmal in der heutigen Bundesrepublik vorstellen. Die Regierung erklärt: „Ab sofort dürfen Arbeiterkinder nicht mehr Medizin studieren. Wer Angela Merkel nicht gut findet, darf zur Strafe nicht das Abitur machen.“ Studienplätze für Angepasste und für diejenigen, die aus den richtigen Familien kommen – wenn Chancengleichheit so aussieht, dann bin ich gegen Chancengleichheit.

Offenbar wollte die DDR die Bildungschancen der Arbeiterkinder verbessern, indem sie die Bildungschancen der Bürgerkinder radikal verschlechterte. Man ersetzte die eine Ungerechtigkeit ganz einfach durch eine andere Ungerechtigkeit, man gab den einen Chancen, indem man sie den anderen nahm. In Wirklichkeit war das nicht „Chancengleichheit“, sondern „Umverteilung“. Umverteilung ist bei Politikern, vor allem linken, sehr beliebt. Es ist schwierig, etwas aufzubauen, ein Haus, ein Vermögen, ein funktionierendes Bildungssystem. Aber es ist verhältnismäßig einfach, anderen etwas wegzunehmen, vor allem dann, wenn man am Drücker ist und Gesetze beschließen kann. Weil alle Menschen, auch Politiker, es sich lieber leicht machen als schwer, wird eben nicht etwas Neues aufgebaut, sondern das Vorhandene umverteilt, natürlich nur, so lange noch etwas da ist.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar