Zeitung Heute : Harald Schmidt: Quartettchen versenken

Helmut Böttiger

Überall, wo in den letzten Wochen und Monaten Literaten herumstanden, Lektoren, Journalisten und all die anderen Kabelträger des Literaturbetriebs, fiel irgendwann sein Name. Und meistens fiel er auch sehr schnell. Denn er ist die einzige Hoffnung. Roger Willemsen ist zu flau. Elke Heidenreich ist zu laut. Harald Schmidt aber verkörpert genau das Dazwischen. Die Art, wie dieser Nürtinger Nachwuchsschauspieler langsam in die Literaturszene eindrang und sich schließlich unersetzbar machte, zählt zu den am besten ausgetüftelten Erfolgsstrategien in der jüngeren Mediengeschichte. Und kaum ist bekannt, dass das "Literarische Quartett" aufhört, soll Harald Schmidt es wiederbeleben.

Es war schon längst die beliebteste Sternenguckerei der Literaturszene, sich vorzustellen, wer die Nachfolge von Marcel Reich-Ranicki antreten würde. Ein Ende des "Literarischen Quartetts" konnte man sich jahrelang nicht vorstellen. Es hatte ein zu großes kabarettistisches Potenzial. Unter dem Deckmantel der Literatur wurden hier derart allgemein-menschliche Dinge verhandelt, dass die gesamte Talk-Show-Konkurrenz immer nervöser wurde.

Aber die Sache ebbte langsam ab: Immer häufiger blickte Reich-Ranicki ins Leere, immer melancholischer wippte Karaseks Zeigefinger, während er ansonsten gefasst die Hände gefaltet hielt, immer stoischer harrte Löffler aus. Dann aber rafften sich die Jungs noch einmal auf und setzten Löffler so mächtig zu, dass sie sich mit Aplomb verabschiedete - den Triumph, dass damit die ganze Sendung aufhören könnte, wollte ihr anschließend keiner gönnen. Also schleppte man sich weiter fort.

Die Sehnsucht nach Sinn

An ganz anderer Stelle jedoch keimte Hoffnung. Harald Schmidt hatte seine Show auf Sat 1 so angefangen, wie die Reich-Ranicki-Show im ZDF langsam zu enden schien: als medial höchst kunstvoll inszenierte Entlarvung des Mediums selbst. Schmidt hatte virtuos den Bewusstseinszustand seiner Generation erfasst, die mit irgendwelchen bildungsbürgerlichen Partikeln großgezogen werden sollte, das aber ab einem bestimmten Punkt nicht mehr so richtig ernst nehmen konnte: Man denke nur daran, wie Marcel Reich-Ranicki den Namen "Thomas Mann" ausruft! Die Schmidt-Generation wurde sich zwangsläufig selbst zur Satire. Wenn man allzu lange in Wohngemeinschaftsküchen den Abwasch machen musste, allzu lange Beziehungsgespräche mit feministischen Freundinnen geführt und gleichzeitig für den Frieden demonstriert hat, dann hat man bald keine Werte mehr. Schmidt wurde deswegen anfangs als "zynisch" bezeichnet. Aber welches Leiden sich hinter dieser Maske verbarg, wurde dabei verkannt.

Je witziger Schmidt wurde, desto auswegloser schien seine Existenz. Immer häufiger ertappte er sich bei geradezu knabenhaften Sehnsüchten: nach Sinn, nach Verankerung im Sein. Spätestens, als er in seiner Sendung anhand einer liebevoll bis ins Detail ausziselierten Laubsägearbeit Homers "Odyssee" nachstellte, da ein Segelschiffchen versenkte und dort einen Zinnsoldaten umlegte, merkte man auf. Immer öfter zitierte Schmidt die Klassiker. Unter dem Deckmantel einer Comedy-Show wurden hier allmählich die letzten Dinge des Abendlands verhandelt. Den größten Nimbus erhielt dabei die Mutter aller Künste: die Literatur.

Schlechte Quote, gutes Image

Es muss in dieser Zeit einmal den geheimen archimedischen Punkt gegeben haben, an dem sich das "Literarische Quartett" und die "Harald-Schmidt-Show" kreuzten. An dem Reich-Ranicki endgültig zum Clown und Schmidt endgültig zum Intellektuellen wurde. Diesen Zeitpunkt genau auszumachen, müsste eigentlich die erregendste Aufgabe jener zeitgenössischen Kulturkritik sein, deren Fehlen Harald Schmidt immer offenkundiger beklagt. Dieser Punkt würde exakt die Negation der Negation markieren, ganz im Sinne Adornos.

Je deutlicher Harald Schmidts Sendung zum Bildungsfernsehen wurde, desto mehr sank seine Zuschauerquote, desto besser wurde sein Image bei den Literaten. Wenn es um die Leerstelle geht, die Reich-Ranicki heute schon darstellt, kommt keiner mehr an Schmidt vorbei: Kein anderer hat diese Leerstelle so deutlich benannt. Das I-Tüpfelchen setzte er neulich, als er in seiner Show das "Literarische Quartett" nachstellte, ohne jeden satirischen Indikator - und die Diskurshöhe des Originals mühelos übertraf. Schmidt mag scheinbar noch so laut "Nein" rufen, wie heute auf der Medienseite des Tagesspiegels - wir wissen längst, dass sich dahinter immer ein geheimes "Ja" verbirgt.

Der Gast im letzten "Literarischen Quartett" war der Leiter des hochangesehenen Hanser-Verlags, Michael Krüger. Im Lauf der Sendung fiel auf, wie Krüger, ansonsten ein wortreicher Literaturenthusiast, resignativ verstummte. Wen wohl nannte jetzt just dieser Krüger als den geeignetsten Nachfolger Reich-Ranickis? Ja. Es ist dies die milde Ironie der Weisheit. Alle, die mit Literatur zu tun haben und nachdenklich den Kopf wiegen, wenn es um die Zukunft geht, üben sie zurzeit ein.

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