Zeitung Heute : Harmonie von Körper und Geist: Bad Wörishofen und Kneipp

Siegfried Krause

Kneippen schreibt man in Bad Wörishofen fast immer mit zwei p. Denn der Name Sebastian Kneipp schwebt wie ein guter Geist über der kleinen schwäbischen Stadt, die für viele Zeitgenossen geradezu ein Synonym ist für das heilsame Wirken der Kräfte der Natur. Damit liegt der Kurort exakt im Trend des Zeitgeistes - nur, dass heute nicht mehr allein kalte Güsse, barfüßiges "Tautreten" und gesunde Tees die Indikation beherrschen, sondern Wellness, Fitness und Beauty angeboten werden.

So ändern sich die Zeiten, und Pfarrer Kneipp, der schon mehr als 100 Jahre tot ist, wäre vermutlich clever genug, den neuen Trend mitzumachen. Hauptsache: Das Ganze dient dem Wohlbefinden! Kurdirektor Alexander von Hohenegg hat nun einen Katalog vorgelegt, der das Senioren-Image so gut wie möglich vermeidet. Die guten alten Stammgäste sollen nicht vergrault werden, aber die Vorzeige-Touristen von heute sehen nicht mehr krank und leidend aus, sondern demonstrieren, dass man auch kerngesund "ins Bad" fahren kann und dann vielleicht gar nicht erst krank wird.

Die Behandlungsmethoden des heilkundigen Geistlichen, der nach einem bewegten und entbehrungsreichen Leben den Triumph seiner vom Wasser getriebenen Therapie noch miterlebte, haben sich geändert, aber das Prinzip ist geblieben. Es ruht wie eh und je auf fünf Säulen: Neben der Heilkraft des Wassers gehören therapeutisch eingesetzte Kräuter, ausgewogene Ernährung und ein individuelles Bewegungsprogramm dazu. Nicht zu vergessen: die Harmonie von Körper und Geist mit Hilfe von Entspannungstechniken, die der fromme Kneipp als "Ordnungstherapie" unter die Kraft des Gebetes stellte.

Unterwegs zum weitläufigen Kurpark öffnet Stadtführerin Katharina Küster ihr Schatzkästlein und plaudert über den alten Kneipp, dessen Leben in einem eigenen Museum dargestellt wird. Man erfährt von der harten Kindheit des 1821 geborenen Webersohns: "Mit zwölf Jahren musste ich täglich fünf Ellen Leinwand weben, wozu ich von morgens früh bis abends brauchte", so schreibt er. Von einem Theologie-Studium, wie es dem "Baschtl" vorschwebt, kann keine Rede sein - bis er endlich einen Gönner findet, der ihm Latein-Unterricht gibt und aufs Gymnasium vorbereitet. Mit 23 Jahren endlich kann er die Schule besuchen. Dass der junge Mann bald darauf an Tuberkulose erkrankt, bringt die entscheidende Begegnung mit der "wunderbaren Heilkraft des frischen Wassers". Nach den Anweisungen eines Büchleins, das er in der Münchner Hofbibliothek entdeckt, kuriert sich der Student selbst. Dazu gehören auch im Winter sekundenkurze Bäder in der eiskalten Donau. Die Rosskur gelingt, Kneipp wird gesund. Zwei Mitschüler und später mehrere Cholerakranke soll er ebenfalls geheilt haben. 1855 kommt der 34-jährige Kaplan als Beichtvater und Klosterverwalter zu den Dominikanerinnen nach Wörishofen. 26 Jahre später wird er zum Ortspfarrer ernannt. Im Badehäuschen des Klosters und dann in der Waschküche des Pfarrhofs verabreicht er die ersten "Anwendungen" mit dem Wasserschlauch. Dass der Herr Pfarrer auch Damen, die deswegen ihre langen Röcke schürzen müssen, zum Wassertreten an den Bach schickt, bringt den Ort in den Geruch eines "sündigen Dorfes".

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