Zeitung Heute : Harnischfeger? Struve?

Der Tagesspiegel

Rot gegen Schwarz, Günter Struve gegen Manfred Harnischfeger, der ARD-Programmdirektor gegen den Kommunikationschef der Bertelsmannn AG. So lautet das Duell um die ZDF-Intendanz. Ein Duell, das heute auf dem Mainzer Lerchenberg ausgetragen wird: 77 Fernsehräte sind zur Wahl gebeten, 47 gültige Stimmen braucht der Nachfolger für Dieter Stolte. Das Rennen gilt als absolut offen. Günter Struve ist am Freitag nach Mainz gefahren. Er wollte sich am späten Abend den beiden Freundeskreisen von Sozialdemokratie und Union vorstellen. Struve ist kein neuer Name, was sich aber verändert hat, sind die Bedingungen, unter denen er sich präsentiert. Bislang wollte der 61-Jährige nur als Konsenskandidat beider Blöcke antreten. Das gilt nicht mehr, Struve sucht die Kampfkandidatur. Zu seiner Motivlage heißt es aus SPD-Reihen: Der 61-jährige Struve möchte seine öffentlich-rechtliche Karriere mit dem Spitzenamt in Europas größtem Fernsehsender krönen. Weniger egoistisch und mehr altruistisch: Da ist einer, der will mit seiner Kandidatur die öffentlich-rechtliche Ehre retten, anzeigen, dass nur aus den großen Systemen von ARD und ZDF der geeignete ZDF-Manager kommen kann – und nicht von außen, aus dem Bertelsmann-Konzern, der über die RTL-Sender die schärfste Konkurrenz von ARD und ZDF darstellt. Schließlich möchte Günter Struve Manfred Harnischfeger verhindern, dem er diese Aufgabe nicht zutraut. Struve hätte mit zehn ARD-Anstalten zu arbeiten und zu leben gelernt, Harnischfeger noch keine Abteilung mit mehr als 30 Mitarbeitern geleitet. Je näher der Wahltermin rückt, desto rauer der Ton, desto harscher die Untertöne.

Manfred Harnischfeger, Sprecher, Kommunikationsexperte, Vorstandsmitglied für strategische Aufgaben – und leichter Favorit. Der Freundeskreis der Union im Fernsehrat verfügt über eine kleine Mehrheit. Zudem ist die Personalie keine rein „schwarze“. Nach wie vor gilt die Aussage, dass sich Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff über den 57-jährigen Harnischfeger verständigt hätten. Und jetzt Struve als SPD-Kandidat? Insider wollen wissen, dass die Bundes-SPD und die rheinland-pfälzische SPD, namentlich Ministerpräsident Kurt Beck und sein Staatskanzleichef Klaus Rüter, in der Kandidatenfrage über Kreuz liegen. Beck ist Vorsitzender des ZDF-Verwaltungsrates, Rüter leitet den SPD-Freundeskreis.

Ein Kandidat hat offiziell zurückgezogen: ZDF-Programmdirektor Markus Schächter. Nur ein taktischer Rückzug? Schon wird spekuliert, dass bei einem toten Rennen zwischen Harnischfeger und Struve der ZDF-Mann wieder eine echte Chance habe.

Wie quälend sich die Suche nach einem neuen ZDF-Chef gestaltet, mag die Liste der in den vergangenen Monaten aufgestellten Kandidaten und angesprochenen Persönlichkeiten darstellen. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit: Dagmar Reim (Chefin des NDR-Landesfunkhauses Hamburg), Helmut Reitze (stellvertretender ZDF-Chefredakteur), Hans Janke (ZDF-Fernsehspielchef), Hans Joachim Suchan (ZDF-Verwaltungsdirektor), Gottfried Langenstein (Direktor ZDF-Satellitenprogramme), Christoph Lanz (Fernsehdirektor Deutsche Welle), Wolfgang Jäger (Rektor der Uni Freiburg), Giovanni di Lorenzo (Tagesspiegel-Chefredakteur), Udo Reiter (MDR-Intendant), Bernd Schiphorst (Medienbeauftragter Berlin-Brandenburg), Knut Föckler (Ex-Sat-1-Chef), Ralf Kogeler (Ex-Springer-Vorstand), Werner Schwaderlapp (Endemol Deutschland). Joachim Huber

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