Zeitung Heute : Harold Bloom: Mein Gott, Shakespeare

Gregor Dotzauer

Wer einen halbwegs belesenen Literaturwissenschaftler einmal so richtig hilflos erleben will, braucht ihn nur nach Shakespeare zu fragen. Was für eine Gestalt ist eigentlich dieser Banquo? Drucksen, Stammeln, Schweigen. Man hat Glück, wenn einer sich zu dem Stichwort "Macbeth" durchringt. Also einfacher: Was für einen Menschen soll man sich unter dem dicken Falstaff vorstellen? Völlige Fehlanzeige. Dann eine Anfängerfrage: Was ist das Rätsel im "König Lear"? Der Mann wird sich winden und schämen und Shakespeare zum Teufel wünschen. Was soll erst ein gewöhnlicher Leser sagen? Die populäre Shakespeare-Euphorie der letzten Jahre, die über Filme von Kenneth Branagh bis hin zu Baz Luhrmann auch Deutschland befallen haben soll, hat offenbar kaum Spuren hinterlassen. Sogar achtzig Prozent der Briten, beweisen Umfragen, scheren sich nicht um ihren berühmtesten Sohn.

Vielleicht, könnte man denken, ist das nicht weiter schlimm: Jede Zeit hat das Recht, ihre Traditionen neu zu bestimmen. Von wegen, meint Amerikas berühmtester Literaturprofessor Harold Bloom in "Shakespeare - Die Erfindung des Menschlichen". Shakespeares Figuren nicht zu kennen, sei eine Katastrophe - und zwar weniger, weil es eine Bildungslücke ist, sondern weil sich ein Abgrund auftut, in dem das Wissen über die Natur des Menschen zu verschwinden droht. Ohne Shakespeare, behauptet Bloom, kennen wir uns nicht. Und er warnt vor der naheliegendsten Rettung: Geht nicht zu Shakespeare ins Theater! Meidet das Kino! Schlechte Schauspieler und profilierungssüchtige Regisseure verhunzen alles. Lest Shakespeare! Er ist der wahre Schöpfer des Individuums: Ja, Shakespeare ist Gott. (Das soll, schreibt Bloom an einer Stelle, nur eine Metapher sein, aber er vergisst es auf den anderen tausend Seiten seines Buches sofort wieder.) Lest ihn, weil die Lebenszeit des Einzelnen zu kostbar ist, um sie an das, was einem zufällig ins Bewusstsein gespült wird, zu verschwenden. Wer Shakespeare kennt, kann sich den Rest der Weltlitereratur schenken. Und umgekehrt: Wer erst bei Herman Melvilles Roman "Moby Dick" anfängt, hat das Beste verpasst. Und wer gar erst bei John Ashberys Lyrik einsteigt, die das ganze Bewusstsein des Zuspätgekommenen in sich trägt, merkt vermutlich nicht einmal, dass er sich am anderen Ende der Literaturgeschichte befindet.

Wenn ein amerikanischer Kritiker den Mund so voll nehmen darf, dann Harold Bloom. Denn Bloom, Jahrgang 1930, der heute als Professor of the Humanities in Yale und als Professor of English an der New York University lehrt, erinnert trotz eines manchmal kaum noch überschaubaren Begriffsinstrumentariums daran, dass die wirkliche (und letztlich einzige) Autorität des Kritikers darin besteht, möglichst viel und möglichst viel Verschiedenes gelesen zu haben. Seine Fähigkeit, sich genauso einlässlich mit den romantischen Dichtern Wordsworth und Shelley zu beschäftigen wie mit den zeitgenössischen Romanciers Thomas Pynchon und Cormac McCarthy ist bewundernswert - um den Preis, sie manchmal stärker Traditionen zu unterwerfen, als ihnen gut tut.

An Bloom kommt kein amerikanischer Student vorbei. Selbst wenn man sich um seine beiden wichtigsten Büchern "The Anxiety of Influence" (Einflussangst) und "The Western Canon" drückt, entgeht niemand seinen zahllosen Einführungen und Herausgeberschaften. Verständlich, dass er schon allein durch seine Allgegenwart auf Widerstand trifft - und durch seine an Freud und Nietzsche geschulte Deutung von Literaturgeschichte als Geschichte von Kämpfen, in denen Texte andere Texte überwinden und Dichter aus dem Schatten anderer Dichter heraustreten. Noch verständlicher, dass er sein Plädoyer für die Imaginationskraft großer, starker Dichter verteidigt und sich den ästhetischen Eigensinn von Werken durch keine politische, historische, kurz: reduktionistische Lesart verderben lassen will. Seit Jahren führt er Krieg gegen die Dekonstruktivisten, zu denen auch Yale Critics wie Geoffrey Hartman und der verstorbene Paul de Man übergelaufen sind. Er schimpft auf Feministen, Gender- und Multikulti-Theoretiker, auf die Parteigänger von Michel Foucault und Jacques Derrida, die ganze school of resentment, die in ihrer Ressentimentgeladenheit Campus-Gestapo spielt und Stalinismus ohne Stalin.

"Wenn man der modischen Lehre glaubt, der zufolge das natürliche Ich obsolet geworden und die Vorstellung, es gebe so etwas wie individuellen Stil, überholter Unsinn ist, dann kann man an Shakespeare wie auch an Mozart oder Rembrandt eigentlich nur mehr das interessant finden, was er mit allen anderen Künstlern gleich welchen Ranges gemeinsam hat. Die Existenz des eigenen Ich zu bezweifeln, ist eine Art elitärer säkularer Häresie, vielleicht beschränkt auf die Sekte der Verfechter des kulturhistorischen Ansatzes." Es ist kein edler Zug, einen seiner Hauptgegner, den in Berkeley lehrenden Shakespeare-Spezialisten Stephen Greenblatt, den Kopf der new historicism-Bewegung, dabei nicht einmal namentlich zu erwähnen.

Es darf einen nicht wundern, wenn er auf seine alten Tage etwas verbohrt geworden ist und seine romantische Kunstreligion mit immer drastischeren Formulierungen propagiert. Das prägt auch "Shakespeare", ein Buch, dessen Provokationskraft aber erhalten bleibt, auch nachdem man Harold Bloom den Schaum vom Mund gewischt hat. Denn sein Versuch, in Shakespeare den unüberwindlichen Anfang der Literatur zu erkennen und ihren Kanon dennoch nicht als interessengelenkte, bildungsbürgerliche Veranstaltung zu definieren, sondern als Bündel eigengesetzlicher Bewegungen - dieser Versuch enthält ein Versprechen und eine Drohung.

Bloom verspricht Trost angesichts der bitteren Einsicht, dass man im Laufe eines Lebens nur eine endliche Zahl von Titeln lesen kann und so notwendig zufällige Lektüreentscheidungen treffen muss. Eine Tatsache, die Bloom zu einem Kronzeugen des amerikanischen Philosophen Richard Rorty gemacht hat. Auf diese Zufallsprägung, wissen Rorty und Bloom, kann man nur mit einer ironischen Lebenshaltung reagieren, die das Kunststück fertigbringt, die Unabgeschlossenheit jeder möglichen Leseliste anzuerkennen, ohne ihren Fragmentcharakter als wertlos zu empfinden. Das Festhalten an Shakespeare verspricht aber auch, dass es nicht plötzlich einen anthropologischen Sprung geben wird, eine Verlagerung des menschlichen Bewusstseins in eine andere Dimension. Mit anderen Worten: dass man höchstens das Gefühl hat, in einer Zukunft zu leben, die keinerlei Beziehungen zur Vergangenheit mehr unterhält.

Blooms Drohung besteht darin, dass es keinen Weg gibt, Shakespeare zu entrinnen. "Die Idee, dass die Leiden der Liebe und der Eifersucht identisch sein können", schreibt er, "ist eine Erfindung Shakespeares und wurde später von Hawthorne und Proust lediglich verfeinert." Jeder Proustleser - und Bloom ist selber einer - muss solch eine Äußerung für anmaßend halten. Denn natürlich kommt es nicht auf die Idee an, sondern auf ihre Differenzierung. Ja die Art der Genauigkeit ist oft die Sache selbst. Bloom geht noch weiter. "Wenn wir heute als Liebende mehr Mensch sind", schreibt er ein andermal, "tun wir es lediglich Kleopatra nach, deren Repertoire an erotischen Möglichkeiten ebenso wenig schale Ödigkeit wie Gewissheit aufkommen lässt." Selbst wenn er Recht hätte, wäre dies kein Grund, dieses Verdikt einfach so hinzunehmen. Denn die Aussicht, nur etwas nachzuspielen, was anderswo schon festgeschrieben ist, lädt geradezu ein zur Rebellion.

"Shakespeare" ist das Buch einer Ehrfurcht, die sich an ihrem Gegenstand über Jahrzehnte analytisch so abgearbeitet hat, dass sie an manchen Stellen wieder ins Naive umschlägt. Die verblüffendsten Einsichten gelingen Bloom dennoch im Detail, besonders im Blick auf Hamlet und Falstaff (in dem er selbst sich erkennt), die beiden Gestalten, die er für lebendiger hält als alle übrigen, lebendiger als die Wirklichkeit selbst. Da findet sich ein größerer Reichtum des Denkens als in den rhetorischen Figuren, die in Dutzenden von Variationen wiederkehren: "Nicht wir fassen Shakespeare, sondern er fasst sich in uns, er ist uns immer voraus und immer schon längst dort, wo wir erst hinwollen." So ähnlich hieß das schon im Buch über den westlichen Kanon: "Canon largely invented us." Der Kanon hat uns zum größten Teil erfunden.

Wer behauptet, "Shakespeare" komplett gelesen zu haben, lügt vermutlich. Obwohl Bloom nie zuvor so süffig und frei von Fachvokabeln war, erreicht er nur selten die Dichte und Pointiertheit, wie sie beispielsweise Jan Kott in "Shakespeare heute", einem anderen Fixstern der populären Shakespeare-Forschung, vorführt. Bloom holt aus, wiederholt sich und schreibt Bandwurmsätze. Dazu kommt, dass man die einzelnen Kapitel, von Bloom chronologisch nach dem (teils revidierten) Erscheinungsjahr der Stücke geordneten Kapiteln, nur als Kommentar lesen kann: Ohne Originaltext oder Reclams Schauspielführer keine Chance.

Warum man Shakespeare lesen muss, erklärt am besten ein zweites Buch von Bloom, das parallel zur "Erfindung des Menschlichen" erscheint. "Die Kunst der Lektüre" ist das sehr viel schlechtere, schlampigere Buch. Und trotzdem lohnt es sich, diesen Katechimus eines Kreuzritters, der alle entscheidenden Schläge früher schon effektvoller, konzentrierter und weniger atemlos ausgeführt hat, parallel zu lesen. Denn hier, in dieser Schmalspurfassung des "Western Canon", der die Gattungen Kurzgeschichte, Roman, Gedicht und Drama mit exemplarischen Werken vorstellt, weitet sich der Blick von Shakespeare aus bis in die Gegenwart. Dabei müsste er sich Bloom zufolge verengen. Man braucht nur zu sehen, wie Bloom von Tschechows früher Erzählung "Der Kuss" schwärmt, obwohl er sie nur - und das ausgesprochen kunstlos - nacherzählt. Und man ahnt, warum viele die Mühe scheuen, die Lektüre von Shakespeare oder seiner Übersetzer Schlegel/Tieck, Erich Fried oder Frank Günther in Angriff zu nehmen.

Blooms kleiner Kanon ist, besonders in der Abteilung Lyrik, zweifellos amerikalastig. Das zeigt, dass auch er sich kulturellen Prägungen nicht entziehen kann - von seinen Geschmacksurteilen, die die Omnipräsenz des Bloomschen Schreiber-Ichs beweist, gar nicht zu reden. Mit der Universalität, die er für Shakespeare reklamiert, ist es deshalb aber so eine Sache. Es kann, so sehr Bloom dies verneint, gar keine Diskussion darüber geben, dass sie eine abendländische Fiktion ist - schon weil der Begriff der Universalität selbst, wenn man ihn, zum Nutzen Shakespeare, nicht ganz ins Metaphysische wendet, das Ergebnis westlichen Denkens ist. Man muss nicht einmal bestreiten, dass Shakespeare für andere Kulturen und Zeiten gültiger ist als die Bibel oder der Koran. Denn was heißt gültiger anderes als kommunizierbarer? Es leuchtet jedem ein, dass auch die Chinesen einen Richard III. oder eine Lady Macbeth verstehen: In den Shakespeareschen Königsdramen spiegeln sich die Machtkämpfe jedes tyrannischen Staates, und in Shakespeares Liebeskomödien bleibt etwas, das sich von allen kulturellen Brüchen nicht zerstören lässt. Shakespeares Stücke tun dies aber nicht, weil sie umfassender, tiefer oder schlicht klüger wären als die heiligen Bücher, sondern weil sie unwiderruflich irdisch sind. Sie bieten weder Wahrheiten im Hinblick auf die Ewigkeit noch enthalten sie moralische Imperative. Sie erzählen nicht Heils-, sondern Unheilsgeschichten.

Bloom sieht seine Gegner vor allem auf der kulturellen Linken, und angesichts der amerikanischen Verhältnisse muss man ihm als Prediger der reinen ästhetischen Lehre seinen heiligen Zorn fast verzeihen. Doch in seiner Wut vergisst er, die Gegner auch auf der Rechten zu suchen. Denn was immer man gegen die kulturelle Linke sagen mag, ist sie doch einem aufklärerischen Programm verpflichtet. Die kulturelle Linke sucht zumindest die Auseinandersetzung. Eine Rechte, die Kultur einfach abschafft, indem sie sie vollständig in Ware verwandelt, ist mindestens so gefährlich. Der ganz als homo oeconomicus ausgelegte Mensch, wie ihn Jeremy Rifkin, der neue Starintellektuelle, in seinem Buch "Access" porträtiert (vermutlich ohne bewusst Motive einer eigentlich erledigten linken Kulturkritik von Adorno und Marcuse aufzugreifen), ist jedenfalls ein Gegenbild des tiefen, einsamen Lesers, den Bloom entwirft: idealistisch so überhöht, dass er den täglichen Kampf gegen die Dummheit kaum überstehen wird - und dann wieder so banal wie der Ratschlag "Lest mehr Shakespeare". Praktisch muss das wohl auch heißen: Und weniger Bloom.

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