Harry Belafonte : "Von Präsident Obama bin ich enttäuscht"

Die Kartoffeln seiner Mutter und Martin Luther King – sie haben ihn geprägt. Harry Belafonte über die Angst vor dem Ku-Klux-Klan und die Botschaft der Charts.

Interview: Sacha Verna
Gerade 85 geworden: Sänger Belafonte
Gerade 85 geworden: Sänger BelafonteFoto: dapd

Herr Belafonte, Sie wurden vor 85 Jahren ...

... bitte sagen Sie das nicht. Bei mir stellt sich eine Sprachstörung ein, wenn ich über mein Alter spreche.

Verstehe. Also: Sie wurden vor einer ganzen Weile in Harlem geboren, wo Sie aufwuchsen, unterbrochen von einigen Jahren, die Sie bei Ihrer Großmutter in Jamaica verbrachten, der Heimat ihrer Mutter. Welche Erinnerung an Ihre Kindheit hat sich Ihnen besonders eingeprägt?

Müsste ich darüber eine Geschichte schreiben, würde der Titel lauten: „Was lässt sich alles aus einer Kartoffel machen?“

Wie bitte?

Meine Mutter war ein Genie, wenn es darum ging, eine einfache Kartoffel in ein Festmahl zu verwandeln. Sie bereitete die besten Ofenkartoffeln zu, die besten Bratkartoffeln, die besten Stampfkartoffeln und würzte sie immer neu und immer anders, so dass ich nie bedauerte, keinen gebratenen Kapaun und kein Lammfilet vorgesetzt zu bekommen. Was ich damit meine, ist: Ich wuchs in Armut auf. Ich lernte, dass sich mit Kreativität aus Nichts etwas Großartiges schaffen lässt. Diese Überzeugung hat mich geprägt.

Und diese Kartoffelerkenntnis hat Sie zu einem der erfolgreichsten schwarzen Entertainer des 20. Jahrhunderts gemacht?

Es ranken sich so viele Mythen um Stars. Wir helfen natürlich, diese Mythen zu kreieren, weil wir auf diese Weise berühmt bleiben. Und wir werden dabei narzisstisch und selbstsüchtig. Dagegen habe ich immer angekämpft.

Wollten Sie davon in Ihrer Autobiografie „My Song“ erzählen?

Ja. Denn ich sehe so viele berühmte Künstler, die alles daran setzen, an ihrem Erfolg festzuhalten. Die nie etwas tun oder sagen würden, was ihren Status gefährden könnte. Das finde ich schade. Wir Künstler verfügen nicht nur über ein bestimmtes Talent, sondern haben auch die Möglichkeit, dem nobelsten Zweck der Kunst zu dienen: zu lehren, zu beeinflussen, zu inspirieren. Diese Chance verspielen heute die meisten, weil sie mehr an schicken neuen Wagen, schicken neuen Anzügen, noch größerem Besitz und Erfolg interessiert sind. Ich will diesen Leuten sagen: Es lohnt sich, sich für eine Sache einzusetzen, die größer ist als man selbst.

In Ihrem Fall war das die Bürgerrechtsbewegung, und es ist der Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit und Armut in den USA, aber nicht nur dort.

Nichts Materielles kann die Erfahrungen ersetzen, die ich mit Martin Luther King machte ...

... mit dem Sie eng befreundet waren und zu dessen einflussreichsten Weggefährten Sie zählten ...

... nichts Materielles kann die Reise ersetzen, die ich mit Nelson Mandela unternahm ...

... zu dessen Befreiung aus dem Gefängnis Sie beitrugen und dessen ersten Besuch in den USA Sie organisiert haben ...

... nichts Materielles ersetzt den Moment, den ich irgendwo in der amerikanischen Provinz mit einem Bauern verbrachte, der Angst vor dem Ku-Klux-Klan hatte, den Moment, in dem wir beide sagten: Wir werden diese Angst überwinden. Wenn Künstler dieser Macht, über die sie dank ihrer Gabe verfügen, den Rücken kehren, dann tun sie etwas sehr Hedonistisches. Sie dienen nur sich selber. Wie langweilig.

Es heißt, Sie haben mit dem Singen angefangen, weil Sie als Schauspieler nicht genügend Arbeit gefunden hatten.

Mein Freund, der große Jazzsaxofonist Lester Young, riet mir, es damit zu probieren. Natürlich kannte und bewunderte ich all die berühmten Sänger – Ella Fitzgerald, Louis Armstrong. Ich war schon als Kind begeistert von ihnen gewesen, und als Teenager nahm ich ihre Platten und die von Duke Ellington, Count Basie und Nat King Cole mit zu Partys, um dazu zu tanzen und die Mädchen zu beeindrucken. Aber ich sah mich selber nie als Musiker, geschweige denn als Sänger.

Wieso tat es dann Lester Young?

Er hatte mich in einem Theaterstück singen gehört. Ich sagte: Aber ich habe keine Songs. Er sagte: Das ist das kleinste Problem. Einen Song findest du immer. Also habe ich es versucht. Ich hatte keine Ahnung, wie ich klingen wollte. Doch eigentlich bin ich ein Schauspieler geblieben. Ich war nie ein Sänger, sondern immer ein Schauspieler, der sang. Wie ein Schauspieler eine Rolle lernte ich einen Song schnell zu singen oder langsam und entdeckte, dass ich nicht Pavarotti sein musste, um das Publikum mitzureißen.

Ihrer Stimme allein trauten Sie nicht?

Nein. Vielmehr musste ich jedem Song zu seinem eigenen Augenblick verhelfen. Ich stand vor dem Publikum und überlegte mir: Welche Geschichte will ich heute Abend erzählen? Wie eröffne ich die Show? Was passt zur Atmosphäre? Ich konnte klingen wie Louis Armstrong oder wie Ray Charles, und ich konnte alles singen: Calypso, Blues, Dhingana.

Trotzdem haben Sie sich immer wieder mit der Frage der Authentizität beschäftigt.

Als ich anfing, Folksongs zu singen, warf man mir vor, nicht authentisch zu sein. Das hat mir zu schaffen gemacht. Bis ich mich darüber mit einem befreundeten Musiker unterhielt, dem Bluessänger und Gitarristen Brownie McGhee. Brownie fragte mich: „Was war der erste Song der Menschheit?“ „Keine Ahnung“, antwortete ich. „Ugh“, sagte er.

„Ugh“?

Brownie sagte: Eines Abends begann ein Urmensch rund ums Lagerfeuer zu hüpfen und dabei „ugh, ugh, ugh“ zu summen, um sich warm zu halten. Er war begeistert von dem Gefühl, das das Summen von „ugh, ugh, ugh“ bei ihm auslöste. Und alle anderen waren es auch, so dass am Schluss alle an dem Lagerfeuer „ugh, ugh, ugh“ summten. Das war der erste, der einzig authentische Song. Jeder Song, der danach kam, ist unauthentisch.

Clever argumentiert.

Ja, das hat mich überzeugt. Seither habe ich jeden Song zu meinem eigenen gemacht. Denn was wirklich zählt, ist, was man mit der Interpretation eines Songs auslöst. Ob es einem gelingt, die Menschen damit aus ihrer Gleichgültigkeit zu reißen und wachzurütteln.

Inwieweit hat eine tragische Figur wie Michael Jackson die Menschen wachgerüttelt und gezeigt, dass Schwarzsein auch auf dem Gipfel des Ruhms noch als Fluch empfunden werden kann?

Michael war ein ungeheuer begabter Musiker, der den Geschmack seiner Zeit geprägt hat. Und Michael hat unter seiner Identität als Schwarzer gelitten. Aber er war nie ein Freiheitskämpfer, ein Freiheitskünstler. Er hat nicht dazu beigetragen, die Situation der Schwarzen in der Unterhaltungsindustrie oder in der Gesellschaft an sich zu verbessern.

Hätte er das tun sollen?

Was zum Teufel heißt es, ein schwarzer Star im weißen Amerika zu sein? Es bedeutet, dass man um alles doppelt hart kämpfen muss. Wir mögen das physische und materielle Elend der Sklaverei überwunden haben, aber nicht den Rassismus an sich. Glauben Sie im Ernst, ein Rassist, der noch nie etwas von Jay-Z gehört oder gesehen hat, würde zögern, ihn zu erschießen, bloß weil ihm im letzten Moment jemand sagt, das sei doch Jay-Z, der Rap-Star?

Vermutlich nicht.

Eben. Der große Denker W. E. B. Du Bois hat gesagt: Wenn wir die Rassenfrage nicht lösen, wird sie zum Dämon des 20. Jahrhunderts. Ich glaube, dasselbe gilt auch noch für das 21. Jahrhundert. Nicht nur in Amerika. Doch wenn wir als mächtigste Nation der Erde die Unterdrückung von Minderheiten – aller Minderheiten – nicht endlich zum Thema machen, haben wir als Gesellschaft versagt. Wir haben einen schwarzen Präsidenten. Aber viele sind verbittert und wünschen sich Barack Obama weg. Weil er es bisher versäumt hat, die fundamentalsten Übel anzugehen, nämlich Armut und Ungleichheit.

Sie klingen sehr enttäuscht.

Ich bin von Barack Obama nicht menschlich enttäuscht. Ich kenne ihn nicht besonders gut, ich weiß nicht, welche inneren Werte er hat. Aber von Barack Obama als Präsident dieser Nation: Ja, von ihm bin ich enttäuscht. Für mich zählt nicht nur sein Beitrag zur Bewältigung von politischen Alltagsproblemen. Für mich zählt, was er zur moralischen Verbesserung unserer Gesellschaft beiträgt. Mich quält, dass er eine tiefere moralische Überzeugung vermissen lässt. Ich denke an die Folter von Gefangenen, an das kaputte Justizsystem, an das Schicksal der Armen in diesem und in anderen Ländern. Obama mag die Probleme der Mittelschicht und der Banken lösen, aber solange er sich dem Problem der Armut nicht stellt, ist nichts wirklich gelöst.

Was soll Barack Obama Ihrer Meinung nach tun?

Wir leben in einer Zeit, deren ökonomische Philosophie die Ausbeutung der Armen vorschreibt. Die Ausbeutung der Armen hält den Kapitalismus am Laufen. Dagegen hat sich Barack Obama nie ausgesprochen. Er hat sich nie leidenschaftlich für die Armen eingesetzt. Damit hat er in meinen Augen versagt.

Dabei wurde Obama von vielen Amerikanern als „Sozialist“ tituliert.

Obama ist weit davon entfernt, ein Sozialist zu sein. Ich finde das schade. Wir haben den Sozialismus dämonisiert und ihn mit Stalinismus gleichgesetzt. Aber was wir heute für Demokratie halten, basiert in Wirklichkeit auf den Vorstellungen einiger weniger Mächtiger. Und wenn diese Mächtigen ihren Tribut einfordern, werden sie alles zerstören: die Reichen, die Armen, die Schwarzen, die Weißen, die Kommunisten und die Katholiken. Macht korrumpiert, und totale Macht korrumpiert total.

Sie haben einmal gesagt, Widerspruch sei entscheidend für jede Demokratie.

Es gibt keinen Widerspruch mehr in Amerika. Die Liberalen, die Konservativen, die Mitte: Sie führen keine wahren Debatten. Worüber diskutieren sie, wenn sie nicht über die vier Milliarden Menschen reden, die auf der Welt in Armut leben, über Kinder, die sogar hier in den USA Hunger leiden?

Worüber?

Über nichts. Über das eine Prozent der Reichen. Das ist lächerlich. Gegen Ende seines Lebens sagte Martin Luther King einmal, wir würden uns in ein brennendes Haus einmieten. Wir waren bei mir zu Hause und planten eine Strategie für die Poor People’s Campaign ...

... die 1967 initiierte Kampagne für Arbeit, Wohnungen und wirtschaftliche Gerechtigkeit für die Armen ...

... und es ging Martin nicht gut. Wir erschraken. Was meinst du damit, fragten wir. Und wenn wir uns in ein brennendes Haus einmieten, was sollen wir tun? Martin sagte: Wir müssen Feuerwehrleute werden. Diese Metapher ist mir geblieben. Schauen Sie nach Syrien, Birma, Malaysia, Lateinamerika, die USA: Das Haus brennt. Unsere Gesellschaft befindet sich in einem Sodom und Gomorrha-Moment. Das Böse frisst uns auf. Und wir müssen Feuerwehrleute werden, denn wir sind die einzigen, die das Feuer löschen können.

Wie kann ein Apokalyptiker wie Sie da noch an die erlösende Kraft der Musik glauben?

Ich halte die Musik sogar für die stärkste aller Waffen im Arsenal des Guten. Weil sie Grenzen überbrückt, weil der Klang von Musik, weil Harmonie einem Menschen verrät, ob jemand kommt, um ihn zu lieben oder zu verletzen oder um ihn zu bestehlen. Lassen Sie uns diese Frage ein für allemal beantworten ...

Welche Frage?

Alle Kunst ist politisch. Wenn ich singe: „Oh baby, I love you, oh baby, I love you, I want you to get into my Cadillac and come and take a ride with me ...“ In dem Moment, in dem ich singe „Komm Baby, steig in meinen Cadillac“, vermittle ich die Botschaft, dass meine Liebe materiell an meinem Cadillac gemessen werden kann. Dass die Einladung an mein Baby, in meinen Cadillac zu steigen, der wahrhaftigste Ausdruck meiner Liebe ist. Jeder Song vermittelt eine politische Botschaft.

Ich bezweifle, dass die Top Ten der aktuellen Hitparade das so sehen würden.

Natürlich sehen die das nicht so. Sie sind sich ihrer politischen Botschaft gar nicht bewusst. Sie verfolgen kein bestimmtes Ziel damit. Aber auch sie sind in der Maschine der herrschenden Politik gefangen. Politik ist überall, man entkommt ihr nicht. Ich unterhalte mich in letzter Zeit immer öfter mit einem jungen Mann. Ich lerne ihn erst jetzt richtig kennen, weil wir gemerkt haben, dass wir neben der Musik andere Interessen teilen – das soll kein Namedropping sein ...

... verraten Sie ihn trotzdem?

Sein Name ist Bruce Springsteen. Bruce fragte mich: Warum tust du all das, was du tust? Ich sagte: Weil es oft an meine Tür klopft. Wenn ich öffne, steht da manchmal jemand mit einem Anliegen, für das es sich lohnt, sich zu engagieren. Ich habe die Freundschaft von Leuten wie Paul Robeson, Eleanor Roosevelt, Martin Luther King oder Nelson Mandela nicht gesucht. Diese Freundschaften haben sich ergeben, weil ich auf ein Klopfen geantwortet und erkannt habe, dass ich diesen Menschen und ihren wichtigen Anliegen dienen kann.

Bedeutet Ihnen Ihr soziales Engagement mehr als Ihre Karriere als Entertainer?

Wenn man so großen Erfolg hatte wie ich, muss man sich fragen: Was soll ich mit meinem Leben anstellen? Ich wollte nicht nur der Armut entkommen. Ich wollte meinen überraschenden Einfluss nutzen. Ich habe ihn in den Dienst wertvoller Menschen und ihrer wertvollen Sache gestellt. Das hat meinem Leben einen Sinn gegeben.

Wenn Sie nur eine Erinnerung mitnehmen könnten, welche wäre das?

Die Erinnerung an mein erstes Treffen mit Doctor King im Keller einer Kirche in Harlem. Damals erklärte ich Martin, dass ich kein gläubiger Mensch sei. Dass ich mich für seine Sache, aber nicht für die der Kirche stark machen würde. Er fragte mich, ob ich an Gott verzweifelt sei. Ich sagte, ich kenne Gott nicht. Er sagte, dann könnten wir zusammenarbeiten. „Wieso“, fragte ich. Er antwortete: „Weil ich Gott ebenfalls suche. Lass ihn uns gemeinsam suchen.“ Ich hoffe, dass ich am Ende herausgefunden haben werde, wer oder was Gott ist.

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