Zeitung Heute : Harry Potter und die versiegelte Tür

Wer etwas verrät, fliegt raus. Im thüringischen Pößneck wird ein Buch gedruckt, auf dessen Geheimnisse die Welt wartet

Martin Debes[Pößneck]

Die Schicht wechselt in der Karl-Marx-Straße 24, Menschen in blauen Hosen und mit grauen Gesichtern drängen durch die gläserne Tür, die kurze Treppe hinab, zu ihren Autos. Ein Mann bleibt stehen, er zündet sich eine Zigarette an, er könnte erzählen, wie es so ist mit Harry Potter…

Er kann nicht. „Nein, ich sage nichts“, ruft er laut, so laut, dass es, bitte, jeder hören möge. Dann geht auch er, die Zigarette verglüht auf den Steinplatten.

Also die Treppe hinauf, durch die Glastür, zur Wache. Man möchte zu Herrn Franz. Die nächste Glastür, dahinter die Rezeption. Ein Telefon wird bereit gestellt, der Hörer übergeben, aus ihm spricht die Sekretärin. Nein, Herr Franz sei nicht zu sprechen, ein Termin, leider. Und was ist mit später, mit irgendwann? Nein.

Hinter der Rezeption befindet sich eine dritte Glastür, mit zwei Schildern. „Nur mit Dienst- oder Besucherausweis“ steht auf dem weißen. Und auf dem anderen, dem roten, steht: „Das Mitbringen von Fotohandys ist strengstens untersagt.“ Durch die Tür sind Wachmänner zu sehen, die Taschen durchsuchen.

Dann ist man wieder draußen, vor dem riesigen Druckereigebäude, das für die Leute in der Stadt, im thüringischen Pößneck, immer noch das Karl-Marx-Werk ist. Dabei gehört das Gebäude nun der GGP Media GmbH, die der Arvato AG gehört, die der Bertelsmann AG gehört.

In Pößneck wird vieles gedruckt, Grisham, Scholl-Latour oder Ratzinger, jetzt Benedikt XVI., sie können das gut hier. Oder eben J. K. Rowling, Joanne Kathleen Rowling und ihre Bücher von einem kleinen Jungen, der lernt, ein großer Zauberer zu werden. „Aber das“, so hatte es Christoph Franz, der kaufmännische Leiter von GGP tags zuvor fernmündlich ausgerichtet, „wollen wir nicht popularisieren.“ Der Kunde, der Carlsen Verlag, er wünsche es sich so.

Die Karl-Marx-Straße führt von der Druckerei in die Mitte der Stadt, die wohl noch 13000 Einwohner zählt, ein Drittel weniger als vor 15 Jahren. Früher gab es hier, im Südosten Thüringens, große Betriebe, für Lederwaren etwa, die Tausende beschäftigten. Heute sind die Betriebe nur noch Ruinen, die langsam abgerissen werden. Eine Kreisstadt ist Pößneck längst nicht mehr, der Beigeordnete muss den Bürgermeister vertreten, ehrenamtlich, weil gegen seinen Vorgesetzten eine Korruptionsverfahren läuft.

Das Schützenhaus, ein gewaltiges Anwesen mit einem großen Saal, in dem früher die ganze Stadt tanzte, hat ein Anwalt aus Hamburg gekauft, ein gewisser Jürgen Rieger. Er vertritt gerne Neonazis, und er ist auch selbst einer. An einem Samstagabend im April, Pößneck feierte gerade seine Kneipennacht, trafen sich 1400 Skinheads im Schützenhaus, nach einer Art Landesparteitag der NPD, und grölten mit dem rechtsextremen Sänger namens „Lunikoff“. Polizisten waren da, sie konnten nichts tun, weil sie zu wenige waren und zu schlecht informiert.

Es ist nicht mehr viel da vom alten Pößneck, außer Bertelsmann und der Druckerei, die, auch wegen des Carlsen Verlags, ausgelastet ist. Potter schafft Arbeit, auch wenn er hier nicht besonders oft gelesen wird. Zumindest wird wenig davon verkauft. Zwei kleine Buchläden gibt es am Markt, an dem das schöne, spätgotische Rathaus mit der Freitreppe steht, von dem es früher, in der alten Zeit, eine Briefmarke gab. In beiden Geschäften sagen die Verkäuferinnen nein, wenn man sie fragt, ob die Bände hier besonders gut gelaufen seien.

Vielleicht kennen sie Tobias nicht, und Robert und Stefan, die unterhalb des Marktes stehen und ihre Döner kauen. Alle drei gehen in die neunte Klasse des Gymnasiums, und alle drei haben alle Potter-Bände gelesen. Tobias war Praktikant in der Druckerei, seine Mutter arbeitet dort, er kennt sich aus. Es habe schon früher einiges an Aufregung gegeben, wenn ein neuer Band gedruckt wurde. „Aber so krass wie diesmal war es noch nie.“

260 Millionen Bände in 61 Sprachen, von Band eins bis Band fünf, sind verkauft, 21 Millionen davon in Deutschland; im November läuft der vierte Film an. Harry Potter ist nicht bloß ein fortgesetztes Märchen, Harry Potter ist ein fortgesetztes Milliardengeschäft.

Die Informationen, selbst die einfachsten, sind keine Informationen, sondern strategische Verlautbarungen. Zuerst erfuhr man, dass der sechste und vorletzte Band „Harry Potter und der Halbblutprinz“ heißen wird. Später verriet Rowling im Internet einen Satz aus dem Buch, der ins Deutsche übersetzt wohl so beginnt: „Er sah mehr wie ein alter Löwe aus, graue Strähnen zogen sich durch seine Mähne aus lohfarbenem Haar und seine buschigen Augenbrauen.“

Jedwedes neue Detail, das Rowling nennt, ist wie ein Türchen eines medialen Weihnachtskalenders. Und es ist wie im wahren Leben: Jene, die nicht an Weihnachten glauben, können damit nichts anfangen. Für die anderen ist es ein einziger, langer Advent. Sie wissen, dass der Buchtitel bereits für den ersten Band vorgesehen war und dass das erste Kapitel schon in früheren Teilen erscheinen sollte. Sie wissen, dass der Halbblutprinz nicht Voldemort ist, dass wieder jemand Wichtiges sterben wird, dass Tante Petunia kein normaler Muggel ist und dass jemand names McClaggan auftaucht. Und sie wissen, dass die großen Fragen, um die es geht, jene sind: Warum starb Voldemort nicht, als er versuchte, Harry zu ermorden, und warum hat Dumbledore Voldemort nicht getötet? Die Begründung, die er dafür gegenüber Harry fand, soll eine Ausrede sein.

Das ist es, das Geheimnis, und es wird gehütet von Verlagen, Anwälten und, selbstverständlich, auch von der Druckerei in Pößneck, nur, dass tatsächlich diesmal alles noch viel geheimer ist als sonst. Denn wurde hier sonst nur die deutsche Ausgabe gedruckt, die stets Monate nach der englischen erschien, also dann, wenn jeder, der es wissen wollte, schon alles wusste – so produziert man diesmal auch die Originalfassung. Sie erscheint am 16. Juli, die deutsche Übersetzung erst am 1. Oktober.

Deshalb sind in der Karl-Marx-Straße 24 Handys verboten, die meisten Türen versiegelt und die schwarz gefärbten Paletten, auf denen die Bücher liegen, mit schwarzen Folien bedeckt, und deshalb wurden angeblich 40 Sicherheitsleute eingestellt. Deshalb dürfen die Arbeiter ihre Frühstücksbeutel nicht mehr mit in die Hallen nehmen und nicht mehr zum Rauchen nach draußen gehen, und deshalb mussten sie unterschreiben, dass ihnen, falls sie irgendetwas mitnehmen, kopieren oder nur davon erzählen, die fristlose Kündigung droht. Mindestens.

Das jedenfalls wird berichtet von Angestellten, die nicht genannt werden mögen. Denn selbstverständlich sind wie bei jeder ordentlichen Spionageabwehr auch alle Spionageabwehrmaßnahmen geheim zu halten.

Zumal, es wird ja nicht nur ein Geheimnis geschützt oder ein Geschäft. Man schützt die Stadt, oder zumindest den Rest von ihr. An die 1000 Menschen arbeiten in der Druckerei, so viel wie in keinem anderen Unternehmen in der Gegend, und die Gewerbesteuer fließt in den kleinen kommunalen Etat. Und wenn es Harry Potter nicht gäbe, wäre bloß etwas von Pößneck zu vermelden, wenn wieder einmal die neuen Nazis aufmarschieren.

Gerade erst, erzählt Tobias, der Gymnasiast, habe er sich anlässlich einer Schuldisko mit den Rechten geprügelt. Den neuen Potter hat er bestellt, in Englisch und bei der Mutter, die im Werk einkaufen darf. Und wie er das sagt, das eine wie das andere, klingt es so, wie in Pößneck nicht mehr vieles klingt: stolz.

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