Zeitung Heute : „Hart aber fair“ – und erfolgreich

Joachim Huber

Bei Frank Plasbergs Talk begegnen sich Politiker, Bürger, Probleme auf Augenhöhe

Man ist flexibel. Hat der Deutsche Bundestag eine Sitzungswoche in Berlin, dann sendet „Hart aber fair“ aus der Hauptstadt. Wenn nicht, kommt die Sendung aus Köln, denn „Hart aber fair“ ist eine Sendung des Westdeutschen Rundfunks. Frank Plasberg ist immer dabei, er ist der Moderator. Und er ist glücklich: „Ich habe gerade meine schönste berufliche Zeit.“ Klingt nach schlimmen Jahren, die der 47-Jährige erleben musste. Hat er aber nicht.

Fast 15 Jahre lang war er mit Christine Westermann das prominenteste Gesicht der „Aktuellen Stunde“, der erfolgreichen Regionalsendung im WDR-Dritten. Die Westermann und der Plasberg kannten sich schon vorher, beim Südwestfunk in Baden-Baden kreuzten sich die Wege, wo Plasberg erst das journalistische Handwerk lernte und eine Stimme bei der Erfolgswelle SWF 3 wurde. Beim Radio hat Plasberg seine Geistesgegenwart, seine Freude an der freien Rede trainiert. Dann lockte ihn Christine Westermann zum WDR nach Köln, Plasberg wurde Redaktionschef im Düssledorfer Funkhaus, die „Aktuelle Stunde“ brach an, es sah alles nach einer scharfen Hierarchen-Karriere mit gelegentlicher Bildschirm-Präsenz aus. Bis Christine Westermann sich einen weiteren Fernsehmann und eine neue Sendung nahm: Götz Alsmann mit „Zimmer frei“; was Plasberg zur Antwort auf die Frage Was-mache-ichjetzt-mit-meinem-Leben zwang.

Plötzlich hatte das WDR-Fernsehen ein Problem: Der Mittwochabend mit „Mittwochs live“ lief schlecht. Programmchef Gabriel Heim, heute Fernsehdirektor beim Rundfunk Berlin-Brandenburg, und andere bauten „Hart aber fair“. Plasberg, vorneweg, hatte prima Startbedingungen ausgemacht: Er arbeitet als fester Freier für den Sender, zweieinhalb Redakteure kommen aus dem WDR, drum herum wirbelt eine private Produktionsfirma; die heißt „klarlogo“ und wird von Jürgen Schulte geführt, auch er ist ein ehemaliger WDRler. Seitdem arbeiten Plasberg und Schulte Seit’ an Seit’. „Große Jungs machen Fernsehen“, nennt das Plasberg.

Januar 2001: Ring frei für „Hart aber fair“, zunächst alle 14 Tage, seit Beginn 2003 und mit den Sendungen aus Berlin wöchentlich; die Akzeptanz wuchs und wächst ständig. Die bundesweite Reichweite hinzuaddiert, verfolgen in diesem Jahr rund 1,35 Millionen Zuschauer jede Ausgabe von „Hart aber fair“. Die Renten-Nummer vom 3. März fand in ganz Deutschland beinahe zwei Millionen Zuschauer. „HAF liegt auf Platz drei der deutschen Polit-Talksendungen: 1. Christiansen, 2. Berlin Mitte, 3. Hart aber fair“, sagt Redaktionsleiter Stefan Wirtz.

Die Sendung ist der überraschendere Talk. Natürlich, es wird ein flächendeckendes Reizthema ausgeguckt: heute „Hans im Unglück – Gerd im Pech. Deutschland in der Schuldenfalle“, früher Friedman/Die zweite Chance, Rente, Dschungelshow, Themen eben, über die man spricht. Im Untertitel verspricht die Sendung einen „Talk auf Augenhöhe“. Bei Plasberg, Schulte und Wirtz findet eine Art Familienzusammenführung statt. Das Problemthema wird mit den Urhebern, meist Politikern, und den Betroffenen zusammengebracht. Gemeinsame Begegnungsstätte ist der Alltag, siehe Renten-Sendung. Helga Schlotzhauer war Gast, 81 Jahre alt, eine stolze Frau, die als größten Luxus ihre Zusatzversicherung fürs Krankenhaus bezeichnet. Helga Schlotzhauer ist gecastet, der Tipp kam von der Arbeiterwohlfahrt, aber nicht als motzende Rentnerin-Darstellerin, sondern als Zeitzeugin dafür, wie ein Leben aussieht, das nach Abzug aller laufenden Kosten mit 150 Euro pro Monat gelebt werden muss.

Hat’s der Politiker schon mit der von seiner Politik Betroffenen schwer, so macht es ihm die PlasbergTruppe noch schwerer: erstens durch das Solo-Verhör, zweitens durch den Einsatz von Einspielfilmen. Bis zu zwölf hat Jürgen Schulte pro Sendung vorbereitet. Zum Exempel: Der Vertreter einer Arzneimittelfirma behauptet, die vom Gesetzgeber verfügten Zwangsrabatte für Medikamente um 16 Prozent gefährdeten den Bestand von Unternehmen, Apotheken, Volksgesundheit. Per Film wird dem Mann nachgewiesen, dass die Unternehmen den Rabatt unterlaufen, indem die Preise um 16 Prozent angehoben wurden. Da hatte der Pharmamann ein Problem.

Wenn Plasberg sagt, wir überfallen unsere Gäste nicht, wir erinnern sie nur, ist das eine nette Umschreibung für die Art des Umgangs. Die Sendung ist eben hart, aber fair, und sie dauert 90 Minuten. Da bekommt ein Thema die notwendige Luft zum Atmen, bekommen die Gäste die Zeit zum Argumentieren. Bei deren Auswahl denkt die Redaktion scharf nach. Grundkonstante: Es müssen fünf sein, die Glückszahl beim Polittalk. Bei „Christiansen“ sitzen meist fünf in der Runde , dito bei „Berlin Mitte“. Da ergeben sich 3:2-Situationen, wechselnde Koalitionen. Vier gegen einen, „da stellt sich schnell ein Mitleidseffekt ein.“

Die Politiker und ihre Referenten sind sich bewusst, dass „HAF“ da weitergeht, wo die Talks im Ersten und im Zweiten enden. Die Politiker kommen gut vorbereitet zu Plasberg, sie wissen um die Bohrtiefe bei 90 Minuten. Das ist anderswo anders, wo die Politiker sich selbst und ihr Mantra unters Fernsehvolk streuen wollen. „Christiansen“ und „Berlin Mitte“ wirken in den Scheinkämpfen der Politiker ritualisiert, es finden Begegnungen in jener Lebenswelt statt, die Politik heißt.

Nach drei Jahren hat sich „HAF“ als fernsehbetriebstauglich erwiesen. Das Modell hat Johannes B. Kerner (ZDF) und Hans Meiser (RTL) darüber räsonnieren lassen, ob es nicht für andere Programme kopiert werden sollte. Die Republik und ihr Fernsehen bewegen sich auf eine lange Reihe von Wahlen zu.

Und die ARD? Die hat ein Problem, den Donnerstagabend, wo sich das Erste zwischen Magazinen und Unterhaltung nicht recht entscheiden mag. Maybrit Illner jedenfalls forderte Frank Plasberg bei den „Mainzer Tagen der Fernseh-Kritik“ auf: „Kein ,Hart aber fair’im Ersten“! Und Plasberg zu Illner: „Keine Einspielfilme bei ,Berlin Mitte’.“ Frank Plasberg ist glücklich, wäre aber der Erste, der nicht noch glücklicher werden könnte. Wenn’s sein muss, auch im Ersten.

„Hart aber fair“: WDR-Fernsehen, 20 Uhr 15

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