Zeitung Heute : Hart am Rand

Hans-Hagen Bremer[Paris]

Die Unruhen in Frankreichs Vorstädten gehen weiter, doch jetzt wächst die Kritik in der Gesellschaft. Könnte das die Gewalt stoppen?

Jean-Pierre Causson ist verzweifelt. Die Renault-Niederlassung, die er vor vier Jahren in Aulnay-sous-Bois im Departement Seine-Saint-Denis übernahm und zu einem florierenden Geschäft ausgebaut hat, ist bis auf die Grundmauern abgebrannt. Seine 100 Angestellten sind jetzt arbeitslos. Ibrahim Razany steht fassungslos vor einer anderen Ruine, der Grundschule in Blanc-Menil, in die seine Tochter ging und die ebenfalls eine Zielscheibe der Gewalt wurde. „Diese Leute zerstören das, was sie von der Gesellschaft fordern. Sie schießen sich selbst ins Bein“, sagt er.

Auch Rachid Tarik kann seine Wut kaum unterdrücken. Sein klappriger Toyota ist nur noch ein Wrack. Wie er jetzt von seinem Wohnort in Montfermeil zu seiner zehn Kilometer entfernten Arbeitsstelle kommen soll, weiß er nicht. Geld für ein anderes Auto hat er nicht.

Die Bewohner der von den Unruhen heimgesuchten Pariser Vorstädte sind der gewaltsamen Übergriffe überdrüssig. Seit einer Woche dauern die Ausschreitungen an, doch auch in der Nacht zum Freitag wurden wieder Autos, Müll-Container, ein Busdepot und andere öffentliche Einrichtungen zerstört. Selbst in Paris brannten Autos, und vereinzelt griff die Gewalt von der Hauptstadtregion auf andere Orte in Frankreich über. 1300 Polizeikräfte sind inzwischen im Pariser Raum im Einsatz. Doch die Schadensbilanz verschlimmert sich von Tag zu Tag, von den psychologischen Spuren, die die Ereignisse im Bewusstsein der Bürger hinterlassen werden, gar nicht zu reden. „Erst hat man uns vergessen, jetzt lässt man uns allein“, sagt eine Frau, die sich in Sevran aus einem von Rowdys angegriffenen Linienbus retten konnte. Was kann diese Gewalt noch aufhalten?

Premierminister Dominique de Villepin hat einen Aktionsplan für die Vorstädte angekündigt. Doch der wird erst Ende des Monats vorliegen. Und die in Aussicht gestellten Maßnahmen – Unterstützung von Familien in Not, Hilfe bei der Wohnungsbeschaffung, mehr staatliche Mittel für die städtische Polizei, neue Stellen für Sozialarbeiter – können sowieso nur langfristig wirken. Vor allem kosten sie Geld, das dann anderswo fehlen wird. Der Soziologe Michel Wievorka, Autor einer Untersuchung über die Gewalt in den Vorstädten, ist skeptisch: „Es handelt sich um eine soziale, institutionelle, kulturelle und politische Krise“, sagt er, „die mit noch einem Plan nicht zu lösen ist.“ Nötig seien völlig neue Ansätze. Aber welche? Ratlos wie er sind auch die französischen Medien. Sie kommentieren die Ereignisse, doch sie sind nicht der Schauplatz einer breiten öffentlichen Debatte über den Fehlschlag des französischen Integrationsmodells. In den „quartiers chics“, den feinen Stadtvierteln, wird die Malaise in den Einwandererghettos allenfalls vom Fernsehsessel aus wahrgenommen.

Dass Gewalttäter, die – wie geschehen – Benzin in einen besetzten Linienbus schütten und anzünden, gefasst und bestraft werden müssen, wird generell nicht in Frage gestellt. Über das „Wie“ aber gehen die Meinungen auseinander. Der repressive Kurs von Innenminister Nicolas Sarkozy hat seine Grenzen erreicht. Was mit mehr Besonnenheit zu erreichen ist, bleibt abzuwarten. Positiv ist, dass immer Leute auf die Straße gehen und die Jugendlichen zum Aufhören aufrufen. Doch die Autorität der Eltern in den schwierigen Vorstädten wird man nicht überschätzen dürfen.

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