Zeitung Heute : Hart getroffen

Robert Ide[Gelsenkirchen]

England ist im Viertelfinale der Fußball-WM gegen Portugal ausgeschieden. Warum gewinnen die Engländer nie ein Elfmeterschießen?


Jamie Carragher steht mit dem Rücken zum Tor. Dann läuft er an, tritt gegen den Ball, der fliegt halbrechts ins Netz. Carragher reißt die Arme hoch, doch er freut sich zu früh. Schiedsrichter Horacio Elizondo lässt den Elfmeter wiederholen, der Ball war noch nicht freigegeben. Also läuft der Verteidiger des FC Liverpool zum zweiten Mal an. Portugals Torwart Ricardo fliegt los, erwischt den Ball mit den Fingern, lenkt ihn an die Latte. Erst kurz vor Schluss der torlosen Verlängerung war Jamie Carragher eingewechselt worden – mit der einzigen Aufgabe, Englands Fußball vom Elfmeter-Trauma zu befreien. Seit dem Aus im Viertelfinale gegen Portugal steht unerschütterlich fest: Dieses Vorhaben ist aussichtslos.

Frank Lampard, Mittelfeld-Star des weltbesten Klubs FC Chelsea: verschossen. Steven Gerrard, Leistungsträger in Liverpool: verschossen. Jamie Carragher, im extra angesetzten Elfmeter-Training der Engländer sicherster Schütze: verschossen. Später wird Carragher einsehen, dass „man warten muss, bis der Schiedsrichter den Ball freigibt“ – zu spät. Allein Owen Hargreaves versagte nicht beim „penalty desease“, der die englische Presse um den Verstand zu bringen droht.

Am Ende hockten sie alle im Mittelkreis. Während Portugals Spieler jubilierten und Torwart Ricardo hochleben ließen, blieben den Engländern nach einem guten Spiel nur Tränen und Ratlosigkeit. „Keine Ahnung, woran das liegt“, stammelte Lampard. „Im Verein treffen wir die Elfmeter, im Nationaltrikot geht es nicht.“

Es begann 1990 im WM-Halbfinale gegen Deutschland, als Stuart Pearce an Bodo Illgner scheiterte und Chris Waddle das Tor verfehlte – 3:4. Acht Jahre später kamen Paul Ince und David Batty im Achtelfinale nicht am argentinischen Schlussmann Carlos Roa vorbei –3:4. Auch die Europameisterschaften hielten nur Schmach bereit. Vor zwei Jahren schoss David Beckham im Viertelfinale gegen Portugal über die Latte, Darius Vassell scheiterte an Ricardo – 5:6. Selbst 1996, als zur EM im eigenen Land der Fußball nach Hause kam, versagten die Nerven. Im Halbfinale blamierte sich Gareth Southgate gegen Andreas Köpke – 5:6. Immerhin im Viertelfinale gegen Spanien ging es gut aus – 4:2. Es war Englands einziger Elfmeter-Sieg bei einem großen Turnier. Ansonsten zog das Land nur Nieten in der Strafstoß-Lotterie.

Es ist wohl eine Frage der Psychologie. Trainer Sven-Göran Eriksson ließ im Trainingsquartier so oft Elfmeter üben, dass die Spieler Witze darüber machten. „Intensiver kann man das nicht trainieren“, sagte Eriksson. Vielleicht liegt darin ein Grund, dass im entscheidenden Moment alles schiefging. Wer so oft übt, ein Trauma zu überwinden, dem gräbt sich die Last der Verantwortung ins Gehirn ein. „Ich hatte einen Plan im Kopf, wohin ich schieße“, sagte Steven Gerrard nach dem Aus. Portugals Torwart Ricardo wehrte seinen halbhohen Schuss ab. „Als ich sah, dass er abspringen wollte, hätte ich meinen Plan ändern müssen“, sagte Gerrard. „Aber das konnte ich nicht.“

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