Zeitung Heute : Harte Landung für Überflieger

Verspielt Berlin seine Chancen, wechseln Charterverkehr und internationale Verbindungen nach Leipzig

Zwei Schritte in die richtige Richtung – oder ist es nur einer? Die Baustelle des neuen Hauptstadtflughafens Berlin Brandenburg „Willy Brandt“ am südlichen Ende des Terminals – gesehen als Spiegelung auf einem Reisebus. Foto: Patrick Pleul/dpa
Zwei Schritte in die richtige Richtung – oder ist es nur einer? Die Baustelle des neuen Hauptstadtflughafens Berlin Brandenburg...Foto: dpa

Es ist schon eine verrückte Welt – während man im Berliner Norden, in der Reinickendorfer Kommunalpolitik, in der ortsansässigen Wirtschaft und im Handel voller Sorgen ist, wie sich die ökonomische Zukunft der bisher prosperierenden Stadtregion wohl entwickeln wird, wenn der Flughafen Tegel in einem Jahr schließt, hört man im Süden und Südwesten vor allem die Proteste gegen den künftigen Fluglärm. So weit der Bürgerzorn aus den von Behörden ziemlich rücksichtslos entwickelten ersten Flugroutenplänen resultiert, ist das sehr gut nachvollziehbar. Es sieht jedoch so aus, als hätten Verwaltungen und Politik aus Stuttgart ’21 gelernt und begriffen, dass man den Bürgern nicht in den Jahren zwischen zwei Wahlen einfach „Ruhe“ kommandieren kann. Aber wenn jetzt bereits eine Überflughöhe von 2500 Metern als unzumutbar bezeichnet wird, kann man nur noch daran erinnern, dass dies in den 30 Jahren der Luftkorridore die maximal erlaubte Flughöhe der Maschinen aus Westdeutschland nach Berlin war – so verschieben sich die Maßstäbe.

Und noch etwas gerät in Vergessenheit oder kommt erst gar nicht auf den Schirm: Vom wirtschaftlichen Boom, den der neue Flughafen auslösen wird, profitieren in allererster Linie die Gemeinden in seinem Umland. Geschäfte, gleich welcher Branche, werden deutlich höhere Umsätze machen, die Grundstückspreise massiv steigen und die vielen tausend neuen Arbeitsplätze kommen in erster Linie den Menschen zugute, die in Flughafennähe leben. Und wer glaubt, dass man in der Nähe eines Flughafens nicht wohnen kann, sollte einfach einmal einen Ausflug in die Nordberliner Wohngebiete machen, die nördlich und südlich des Flughafens Tegel liegen. Dass es in der Einflugschneise eines Flughafens laut ist, kann niemand bestreiten. Die Wohnlagen parallel zum Airport bekommen davon in der Regel kaum etwas mit.

Wenn der neue Flughafen „Willy Brandt“ eröffnet, wird er den Verkehr und das wirtschaftliche Potential dreier dann geschlossener Flughäfen bündeln – Tempelhof, Tegel und Schönefeld. Allein durch seine schiere Größe und die mögliche Steigerung des Verkehrsaufkommens wird die Bedeutung von „Willy Brandt“ für die Wirtschaft der Region viel größer sein als die Addition der drei alten Standorte vermuten lässt. Da 80 Prozent der Bauaufträge aus einem Volumen von 2,3 Milliarden Euro in den deutschen Osten und hier vor allem Berlin und Brandenburg flossen, ist der Konjunkturschub schon seit Jahren zu spüren.

Mit 40 000 Arbeitsplätzen wird BBI, wie er umgangssprachlich wohl noch lange genannt werden wird, in wenigen Jahren zum mit Abstand größten Arbeitgeber der Region aufsteigen. In einem Gutachten für die Flughafengesellschaft, das man vielleicht mit Reserve, doch immerhin zur Kenntnis nehmen sollte, rechnet der Kölner Verkehrswissenschaftler Herbert Baum das Arbeitskräftepotential auf 73 000 hoch. Diese Dynamik wirkt sich nicht nur im Umfeld des Flughafens aus. 60 bis 70 Prozent der ausländischen Touristen in Berlin reisen mit dem Flugzeug an. Wenn künftig das Netz der Flugverbindungen noch internationaler wird, profitiert davon vor allem der für die Stadt überaus lukrative Kongresstourismus. Tagungsreisende lassen in der Regel weit mehr Geld liegen als Vergnügungstouristen. Und beim Einkauf auf den Flughäfen und in der Duty-free- Zone sind sie deutlich großzügiger.

Bereits heute sind die Wachstumsimpulse gerade im Südwesten und Süden Berlins überall zu spüren, selbst wenn von dort verständlicherweise die massivsten Proteste wegen möglicher Lärmbelästigung kommen. Kein Landkreis in Deutschland hat sich in den letzten Jahren so rapide entwickelt wie der Kreis Dahme-Spreewald. Der Schönefelder Bürgermeister Udo Haase sagt, der Bau zweier neuer Kindergärten und einer Schwimmhalle sei nur dank des durch den Flughafen massiv gestiegenen Gewerbesteueraufkommens möglich gewesen. Namen wie Mercedes Benz, Lufthansa, Condorwerft, EasyJet, Air-Berlin-Center, Siemens, VW, MTU, Rolls Royce, Beechcraft stehen für die Wachstumstreiber.

Leider haben sich die Akquisiteure der beiden Länder Berlin und Brandenburg beim Aufspüren neuer Investoren für die Gewerbegebiete rund um den Flughafen lange Konkurrenz gemacht – das hat sich jetzt geändert, siehe nebenstehenden Beitrag. Allerdings sollte niemand ins Grübeln kommen, weil noch nicht überall gebaut wird. Die Geschäftstätigkeit vieler Unternehmen hängt von der Aufnahme des Flugbetriebs auf dem neuen Flughafen ab. Vorher können sie kein Geld verdienen, warum sollten sie es unnötig lange davor investieren? Wie lange es dauert, einen 1-A-Standort zu entwickeln, hat man in München gesehen, wo vor anderthalb Jahrzehnten bei der Eröffnung lange große Leere herrschte – und inzwischen massiv angebaut worden ist...

Bräuchte der neue Flughafen auch eine Möglichkeit nächtlicher Starts und Landungen, wie immer wieder aus Kreisen der Wirtschaft angedeutet wird? Selbst, wenn dem so wäre: Das Thema ist gegessen. Das Bundesverwaltungsgericht hat im Frühjahr 2006 in seinem BBI-Urteil klipp und klar Flüge zwischen Mitternacht und fünf Uhr früh untersagt, Notfälle natürlich ausgenommen. Wichtig für die Berliner Flughafenzukunft wäre aber, wenn die Zeiten zwischen 23 Uhr 30 und Mitternacht und am Morgen zwischen 5 Uhr 30 und sechs Uhr genutzt werden können, davon hängen die Entwicklungschancen der Flugzeugwerften in der Wartung ganz entscheidend ab.

Gelingt das nicht, wird sich sowohl der Charter- als auch der internationale Flugverkehr stark auf Leipzig konzentrieren.

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