Zeitung Heute : Hartes Herz, weiches Herz

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Sortis und andere Mittel gegen hohes Cholesterin

Hartmut Wewetzer

Eigentlich ist der Streit um das Cholesterin schon seit etlichen Jahren vorbei. Inzwischen bestehen keine ernsthaften Zweifel mehr daran, dass die Senkung krankhaft erhöhter Blutfettwerte gut fürs Herz ist. Dabei helfen viel Bewegung und eine gesunde Ernährung. Nicht selten sind aber auch Medikamente nötig. Besonders bewährt in Sachen Cholesterinsenkung haben sich Arzneien namens Statine. Sie senken das Risiko für Herzattacken um etwa 30 Prozent.

So weit, so gut. Wenn da nicht „Sortis“ wäre, das Statin aus dem Hause Pfizer. Es enthält den Wirkstoff Atorvastatin. Um diesen Cholesterinsenker ist Streit entbrannt, weil die Krankenkassen das Mittel von 2005 an nur noch zu einem deutlich niedrigeren Betrag erstatten. Dagegen hat Pfizer protestiert. Nun sollen die Patienten die Differenz zwischen Festbetrag und früherem Preis selbst bezahlen, sagt Pfizer. Das Argument der Firma: unser Cholesterinsenker ist der beste und eine echte Innovation. Deshalb muss die Preissenkung vom Tisch!

Wie viel taugt Sortis/Atorvastatin wirklich? „Das Präparat ist am stärksten wirksam und wird zudem sehr gut vertragen“, sagt der Herzexperte HansRichard Arntz von der Berliner Charité. Weil Sortis ein „sehr gutes Medikament“ ist, bedauert Arntz den Schritt der Firma. „Auch die Patienten sind verärgert.“

Aber es gibt Ersatz, etwa die seit Jahren bewährten Cholesterinsenker Simvastatin und Pravastatin. Simvastatin hat Medizingeschichte geschrieben. Vor zehn Jahren nämlich wurde die „4S-Studie“ mit Simvastatin als Wirkstoff veröffentlicht, in der erstmals der Nutzen der Cholesterinsenkung durch Statine klar an einer großen Zahl herzkranker Patienten belegt wurde. Nicht weniger wichtig war die ein Jahr nach „4S“ veröffentlichte „West-of-Scotland“-Studie mit Pravastatin. Sie zeigte den Nutzen der Statin-Behandlung bei noch gesunden Männern mit erhöhtem Cholesterin. Mittlerweile ist der Patentschutz für diese Statin-Veteranen abgelaufen, es gibt preiswerte und wirkstoffgleiche Nachahmerpräparate.

Inzwischen ist es sogar möglich, zusätzlich zu einem Statin – dieser Stoff hemmt die Cholesterinherstellung im Körper – eine zweite Substanz einzunehmen, mit der die Aufnahme des Cholesterins aus dem Darm gebremst wird. Mit dieser Kombination kann auch in hartnäckigen Fällen geholfen werden. Trotzdem bleibt eine kleine Gruppe von Patienten mit stark erhöhten Blutfetten, die wohl auch in Zukunft Sortis/Atorvastatin brauchen werden. „Ungefähr zwei Prozent“, schätzt der Kardiologe Arntz. Hat Pfizer ein hartes Herz?

Vielleicht aber macht das Beispiel auch Schule. So wie in Großbritannien: Dort kann man seit kurzem Simvastatin rezeptfrei in der Apotheke kaufen, die Bevölkerung kann also die Cholesterinsenkung selbst in die Hand nehmen. Angesichts der Erfolge dieser Medikamente – ihnen werden neben der günstigen Wirkung aufs Herz noch andere positive Effekte nachgesagt – haben Spaßvögel sogar gefordert, das Trinkwasser mit Statinen zu versetzen. Das denn doch nicht.

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