Zeitung Heute : Hartmut von Hentig im Interview: Zur weiteren Schulreform verdammt

Herr von Hentig[Sie haben vor 25 Jahren die Schul]

Die Reformpädagogik in Deutschland ist mit seinem Namen eng verbunden. Seit Hartmut von Hentig vor gut 25 Jahren die Laborschule in Bielefeld gegründet hat, gilt er hierzulande als die Institution für das Bemühen um eine humane Schule.

An diesem Sonnabend feiert der Wahlberliner von Hentig seinen 75. Geburtstag. Wie er betont, nur im engsten und doch recht großen Kreis seiner zehn Geschwister, die aus den USA, aus Norwegen, Bayern und England anreisen werden. Auch mit 75 Jahren ist er weit davon entfernt, sich zur Ruhe zu setzen. Seine Schaffenskraft ist ungebrochen: Seit dem 70. Geburtstag erscheint fast jedes Jahr ein Buch, in diesen Tagen "Fahrten und Gefährten, Reiseberichte aus einem halben Jahrhundert, 1936 bis 1990". Schon arbeitet der Erziehungswissenschaftler an seinem nächsten Werk. "Überhaupt dem schönsten Buch bisher", wie er schmunzelnd meint. "Warum muss ich zur Schule gehen? - 24 (Antwort-)Briefe an Tobias" lautet der Titel.

Herr von Hentig, Sie haben vor 25 Jahren die Schule zum Labor gemacht, um sie zu verändern. Was tut ihr heute Not?

Die Probleme, auf die wir mit der Reformpädagogik Antwort geben wollten, sind alle noch nicht gelöst: den Einzelnen in der Demokratie und der technischen Zivilisation gegen die Zwänge des Systems zu stärken. Auch ein zustimmender Umgang mit den natürlichen Unterschieden zwischen den Menschen ist noch nicht genug entwickelt. Menschliche Verhaltensformen lassen sich nicht verlässlich kalkulieren. Dieses offene Feld kann man nicht planen wie Produktionsphasen. Sonst hätten wir heute kein Neonazi-Problem. Es blüht trotz allen pädagogischen Engagements.

Doch wir dürfen deshalb die Reformen nicht begraben und sind geradezu verdammt, die Schule weiter zu reformieren. Wir haben uns den Problemen doch recht kleinherzig gestellt. Die Hoffnung, mit einigen Unterrichtsstunden mehr über den Holocaust würde es weniger Neonazis geben, erschreckt jeden, der mit Kindern zu tun hat. Kinder und Jugendliche wachsen doch am Widerstand gegen die Erwachsenen. Diese Rebellion sollte sich besser gegen deren falsche Herrschaftsgelüste richten.

Kann die Schule denn überhaupt etwas gegen den Rechtsradikalismus tun?

Dafür müssten wir alle unser Leben ändern und den Kindern beispielsweise zeigen, dass man gewinnt, wenn man mit Fremden zu tun hat. Wir selbst zeigen wenig Respekt, wenn wir immer nur von anderen erwarten, dass sie unsere Sprache lernen, uns selbst aber nicht um fremde Sprachen bemühen.

Das aktuelle Beispiel der geringen Unterstützung für die Zwangsarbeiterstiftung zeigt, wie wenig Respekt es vor den Leiden der Opfer des Nationalsozialismus gibt. Unser gemeinsamer Appell (Carola Stern, Günter Grass und von Hentig) richtet sich natürlich hauptsächlich an die Alten. Die Jungen verbinden damit verständlicherweise wenig. Ich erwähne ein Beispiel aus meinem Leben: Der kinderreichen Familie von Hentig wurde 1942 eine 16-jährige Ukrainerin als Hilfe zugewiesen, die über Nacht von ihrer Familie getrennt wurde. Da konnte man natürlich noch so freundlich sein, das Mädchen blieb in der Fremde unglücklich.

So wie ich haben das damals viele erlebt. Wenn die heute in die Stiftung einzahlen würden, käme schnell Geld zusammen. Doch davon kann keine Rede sein. Statt dessen bekomme ich böse Briefe, die beanstanden, dass das Leid der deutschen Zwangsarbeiter zu wenig beachtet wird.

Wenn die Erwachsenen aber so wenig Bereitschaft zeigen, kann man mit Unterricht kaum etwas ausrichten. In meiner Zeit als Lehrer im Internat, wo Schüler und Lehrer auch zusammen leben, habe ich gelernt: Die Erwachsenen haben auf die Jugendlichen im Zusammenleben viel mehr Einfluss als im Unterricht. Das wird oft unterschätzt.

Was können die Erwachsenen dennoch gegen den Rechtsradikalismus tun?

Die meisten randalierenden jungen Leute sind meist ahnungslos, was Hitler damals getan hat und mit welchen Gründen. Sie merken aber, dass die Welt sich maßlos über das aufregt, was die Rechtsradikalen tun. Und damit werden sie von ihrem Provinzproblem fehlender Beachtung erlöst. Wenn man wirklich etwas ändern will, müsste man den jungen Leuten eine Aufgabe geben. Sie sollten etwas für die Gemeinschaft tun, was ihnen auch Anerkennung einbringt. Die Gemeinschaft sollte ihnen dafür auch ein Haus geben, beispielsweise ein Haus für soziale Dienste, die unsere Gesellschaft anders anscheinend nicht mehr bezahlen kann. Dann könnten die Jugendlichen das Glück gebraucht zu werden, erfahren. Das wäre eine Lösung und nicht, noch eine Unterrichtsstunde mehr in Toleranz einzuführen.

Wie aber soll Schule sich weiter verändern?

Die Erwachsenen sollten nicht zu viel von der Belehrung erwarten. Schon zu Hause erfahren die Eltern, dass sie mit einem "Du, du" und einem "Du darfst nicht" wenig Wirkung erzielen. Erzieher erreichen mehr mit der Beteiligung der Kinder. Auch die Schule muss so zu einem Erfahrungsraum umgebaut werden. Die aktuellen Tendenzen gehen aber eher in eine andere Richtung. Solche Herausforderungen wie Toleranz sind mit aktuellen Aktionen wie "Schulen ans Netz" nicht zu bewältigen. Die Kinder sollen schon lernen, mit dem Computer umzugehen. Man darf das nur nicht mit der Lösung der Probleme im Zusammenleben verwechseln. Auch die beschlossenen Schulevaluationen als Reaktion auf die Ergebnisse der internationalen Untersuchung TIMSS (dritte internationale Mathematik- und Naturwissenschaftsstudie) verschlechtern die Bedingungen für eine andere Schule eher. Die Schüler müssen natürlich auch Mathematik lernen. Wenn die Schule ihnen aber nicht auch so wichtige Fähigkeiten beibringt wie den Umgang mit Unterschieden, dann sollte sie die Kinder frei lassen. Dann reichen vier Stunden Unterricht und die Kinder können am Nachmittag etwa bei den Pfadfindern weiter lernen. Die Schulen, die das tun wollen, brauchen aber Ermutigung statt Bestrafung durch Überprüfung.

Was wir noch stärker brauchen als eine Schulreform, ist ein neues Verhältnis zwischen den Generationen. Es ist ein völlig falsches Grundverständnis: Die Erwachsenen gehen zur Arbeit, die Kinder in die Schule und die Alten leben von allem abgetrennt. Von anderen Kulturen kann man lernen, dass das auch anders geht. Da sind die Kinder immer dabei. Auch bei uns müssen die Kinder wieder stärker beteiligt werden. Die Trennungen, die das 19. Jahrhundert verankert hat, werden höchst bedenklich.

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