Zeitung Heute : Hasen-Massaker in den Westpaketen

Der Tagesspiegel

Von Lothar Heinke

Das kommt wie gerufen: Beim Frühjahrsputz im Keller flattert eine alte Ost-Zeitung vom Regal und gibt „Tips zum kommenden Feiertags-Wochenende“. Damit ist Ostern gemeint, frühe frohe Ostern am 2. April 1972. Vor 30 Jahren!

Unter der Rubrik „Gaststätten und Ausflugsziele“ finden wir Namen der damaligen Ost-Berliner Top-Adressen, die heute gar nicht mehr vorhanden sind, anders genutzt werden oder die uns aus leeren Fensterhöhlen anöden. Lindencorso? Restaurant Moskau? Haus Sofia? Alextreff? Kulturpark? Ausflugsgaststätten in Grünau? Außer einem Fischerfest und öffentlichem Ostereiersuchen für die Berliner Ausflügler am Rangsdorfer See deutete überhaupt nichts auf ein wichtiges Fest, und das war vom atheistischen Staat auch so gewollt: Der christliche Feiertag sollte in der Kirche bleiben, außerhalb der Gotteshäuser war Ostern ein „Faust“-Fest mit des Frühlings holdem, belebendem Blick, eine Feier der erwachenden Natur, des „Winter ade!“, der Wiedergeburt und der Fruchtbarkeit. Im Mittelpunkt saß der Hase, legte bunte Eier, und die werktätige Frau Mutter produzierte diverse Kuchen für die am Sonntag anrückende Familie.

Ostern ganz in Familie – da konnte der Staat tun und lassen, was er wollte, die Leute machten sich ihr eigenes Fest. Aber der Aufwand war beträchtlich. Lang die Schlangen am Gründonnerstag vor Fischgeschäften und Blumenläden, ziemlich geplündert die Süßwarenläden mit den in Stanniolpapier verpackten Schokoladenhasenhohlkörpern oder Nougateiern. Eier gab es zumeist so reichlich wie Goldbroiler, „nimm ein Ei mehr“ war zeitweise die Devise, die zerbrechliche Ware war äußerst billig, denn der Staat subventionierte auch den Eierpreis. Was auf den Dörfern oder in Kleingartenkolonien zu der kuriosen Situation führte, dass die Hühnerhalter in den Eiersammelstellen für die Produkte sozialistischer Legehennenlust wesentlich mehr Geld ausgezahlt bekamen als die Eier im anschließenden Verkauf kosteten: Pfiffige Leute kauften also ihre eigenen Eier für, sagen wir mal, 20 Pfennige, gingen eine Tür weiter und verkauften sie für 40.

Leider war die in diversen Süßwarenkombinaten produzierte Schokolade („Kollegen, wir müssen den Kakao auf dem Weltmarkt für teure Devisen kaufen!“) nicht gerade die beste, aber ziemlich teuer. Wer Westpakete bekam, schmeckte den Unterschied sofort, und bei der Aufmachung aßen die Augen mit. Unsere Kinder hatte einstmals der Zoll zum Heulen gebracht: Prächtige Osterhasen waren in Stücke zerhackt, weil das Paket mit spitzen Gegenständen durchlöchert worden war – den Hohlkörpern mitten ins Herz.

Übrigens hatte man uns im Jahre 1967 den Ostermontag, Himmelfahrt, den Bußtag und, nanu?, auch den „Tag der Befreiung“ am 8. Mai im Zusammenhang mit der Einführung der Fünf-Tage-Woche als Feiertage gestrichen. Die Kirchen protestierten, kein Mensch ging auf die Straße, jeder schüttelte nur still für sich allein den Kopf.

Der größte Ost-Berliner Produzent von Weihnachtsmännern, Osterhasen und pfingstlichen Maikäfern war übrigens der VEB Berliner Schokoladenwerk „Elfe“ in der Weißenseer Gustav-Adolf-Straße. Da roch es schon von weitem immer so schön nach Kakao; die süße Firma war seit 1921 ein Zweigwerk der Aachener Trumpf-Schokofabrik, wurde nach dem Krieg enteignet und als VEB „Elfe“ wiedergeboren. Die Schokofabrikanten produzierten und exportierten Lollis nach dem Westen, die Startbonbons exklusiv für die „Interflug“. Das erzählt mir Lokalforscher Joachim Bennewitz. Leider war „Elfe“ nach der Wende alles andere als Trumpf, statt alles Paletti alles Sarotti – der DDR-Mensch griff nach den neuen, bunt schillernden süßen Verlockungen, der Export brach weg, die modernen „Elfe“-Maschinen wurden ins Ausland verkauft, auf dem Werksgelände steht jetzt ein Dienstleistungs- und Gewerbezentrum. Hätten sie doch nur ein wenig Geduld gehabt, die Elfen – Berggold- und Halloren-Pralinen sind wieder gefragt, die neuen Schokoladen kratzen längst nicht mehr im Hals.

Wir haben in einem Ost-Berliner Telefonbuch von 1989 den VEB Elfe gesucht, die Nummer gewählt. Und siehe: Es meldet sich eine Frau. „Bin ich richtig bei Elfe?“ „I wo, danach hat lange keiner gefragt. Wir sind privat.“ „In Weißensee?“ „Nein, in Kladow.“

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