Zeitung Heute : Hass auf sich selbst, Hass auf andere, Hass ohne Hemmung Entsetzen im Prozess um Mord am Obdachlosen Dieter Manzke

Der Tagesspiegel

Von Frank Jansen

Potsdam. Die Stille ist beinahe noch schwerer zu ertragen als die Aussagen. Wenn der Saal nach den letzten Sätzen eines Angeklagten erstarrt. „Die Unterhose von Manzke war schon unten, dann hat Ronny den Stock angesetzt. Ob er schon drinne war – keine Ahnung“, sagt Dirk R. am ersten Prozesstag. Mit rauer Stimme stößt der 21-Jährige Wortbrocken heraus. Richter Klaus Przybilla blickt auf seinen Tisch. Fünf, sechs Sekunden. „Ist dann gelacht worden?“ Dirk R. sagt: „Etwas.“ Przybilla fixiert den Angeklagten. „Was hatte dieser obdachlose Mensch Ihnen eigentlich getan?“ Der junge, kräftige Mann mit dem militärischen Kurzhaarschnitt antwortet: „Nichts.“ Das Wort hängt im Saal. Kein Hüsteln im Publikum, kein Rascheln bei den Verteidigern. Nur der stumme Versuch, das Gehörte zu verarbeiten. Zu begreifen, was kaum zu begreifen ist.

Vier quälende Tage hat die Jugendkammer des Landgerichts Potsdam jetzt gegen fünf junge Männer verhandelt, die am 8. August 2001 in Dahlewitz den Obdachlosen Dieter Manzke zu Tode geprügelt haben. Gestern sind es Sätze der Gerichtsmedizinerin Petra Bach, die Entsetzen auslösen. „Bei Manzke waren die erste bis achte Rippe rechts gebrochen und die vierte bis elfte Rippe links“, sagt die Fachärztin, die den Toten obduziert hat. Trotz ihrer Berufserfahrung war Petra Bach geschockt. „Ein Teil der Rippen war in sich noch mal aufgesplittert. Das sieht man relativ selten.“

Die Ärztin hat auch analysiert, in welchem Maße die fünf Schläger bei der Tat alkoholisiert gewesen sein könnten. Einige Angeklagte sagen im Prozess, sie hätten enorme Mengen konsumiert. Doch Bach zerstört die Illusion rauschhafter Unzurechnungsfähigkeit. „Die Angeklagten sind Fahrrad gefahren, haben mit ihren Handys telefoniert, sie haben ein gutes Erinnerungsvermögen.“

Was hat Dirk R., Dirk B. (22), Ralf W. (21), Ronny R. (19) und Uwe R. (17) getrieben, einen Wehrlosen zu misshandeln? Am Montag trägt eine Berliner Fachärztin für Psychiatrie das erste forensische Gutachten über einen der Schläger vor. Ralf W. sei ein Mitläufer, sagt die Expertin, die in der Presse namentlich nicht genannt werden möchte. Sie charakterisiert Ralf W. als „sehr abhängig vom Urteil der anderen“. Die niedrige Intelligenz komme erschwerend hinzu. Der Angeklagte wisse beispielsweise nicht, „in welcher Himmelsrichtung die Sonne aufgeht“. Auffällig sei auch die große Angst vor Dirk R.

Getrieben vom Hass auf Obdachlose schlug Dirk R. offenbar am härtesten zu. Vermutlich war er es auch, der die anderen zum Gewaltexzess animierte. Da zeichnen sich nach vier Prozesstagen psychosoziale Schemata ab, wie sie in Prozessen gegen junge Schläger häufig zu finden sind. Drei Angeklagte – Ralf W., Ronny R., Uwe R. – beteiligten sich als Mitläufer am Überfall auf Manzke. Dirk R., und mit Abstrichen Dirk B., traten als Anführer der Clique auf, die angetrunken zu allem fähig war.

Die Biographien der Angeklagten sind verkorkst. Der schlaksige Ralf W. fand nach der Schule keinen Job. Als Hobbys nennt er dem Gericht „mit Freunden abhängen, Fernsehen gucken, Computer spielen“. Ronny R., ein dicklicher Typ, wurde in der Schule gehänselt, „wegen meiner Figur und so“. Eine Ausbildung zum Fahrzeugbauer brach er ab. Uwe R. konnte die Trennung seiner Eltern nicht verwinden und hatte in der Schule große Probleme. Dirk B. hielt eine Schlosserlehre nur einen Monat durch. Und Dirk R., gescheitert in Schule und Ausbildung, war selbst einmal obdachlos, nachdem ihn seine Adoptiveltern rausgeworfen hatten.

Der Frust nährte Hass. Auf sich selbst und auf andere. Dirk R. gab offenbar die Richtung vor: „Penner klatschen“. In der Mordnacht lud die Clique ihren Selbsthass mit der sozialdarwinistischen Verachtung von Obdachlosen und Alkoholkranken auf. Dieter Manzke starb, als sei er ein Wegwerfprodukt.

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