Zeitung Heute : Hassgeschrei hinter Panzerglas

Der Tagesspiegel

Von Frank Jansen, Frankfurt Am Main

Nur einer entspricht dem Klischee des fanatischen Islamisten. Als einziger Angeklagter trägt Lamine Maroni einen Vollbart und schimpft, schreit, deklamiert. „Macht keine Aussagen! Benutzt Koranverse!“, ruft der 31-Jährige auf arabisch in den Gerichtssaal. Die Mitangeklagten schweigen. Maroni legt an Lautstärke zu, dreht sich zu dem hinter ihm sitzenden Salim Boukhari und hebt drohend die rechte Hand. Oberstaatsanwalt Volker Brinkmann schaltet sich ein, eher spöttisch als mahnend. „Herr Maroni, wenn Sie weiter so schreien, bekommen Sie einen Herzinfarkt.“ Maroni schreit weiter. Der Mitangeklagte Boukhari bewegt nervös die Lippen, flüstert. Da erscheinen die fünf Richter des 5. Strafsenats. Maroni bleibt sitzen. „Darf ich Sie bitten, ruhig zu sein“, sagt der Vorsitzende Richter, Karlheinz Zeiher. Als hätte er auf ein Stichwort gewartet, beginnt der Bärtige wieder zu schreien. „Das ist die Schlange! Das ist ein Teufel! Guck dir seinen Kopf an!“ Zeiher hebt den linken Mundwinkel. „Ich werde reden, so lange ich will“, ruft Maroni, „ob Sie mir den Kopf abhacken oder nicht."

Ein makaberer Auftakt. Am Oberlandesgericht von Frankfurt am Main beginnt der Prozess gegen fünf mutmaßliche Terroristen mit einer Brüllshow. Als wollte der Angeklagte Lamine Maroni gleich zu Anfang bestätigen, was in der Hauptverhandlung noch zur Sprache kommen wird: die totale Verachtung für das Gesellschaftssystem des Westens, das Justizwesen eingeschlossen. Eine Geisteshaltung, die laut Anklageschrift Maroni und die vier Mitangeklagten dazu trieb, von Frankfurt aus einen Anschlag zu planen.

Oder sogar mehrere Attentate. Ein Ziel war vermutlich der von Zehntausenden Franzosen und Touristen besuchte Weihnachtsmarkt vor dem Straßburger Münster, Ende Dezember 2000. Die Gruppe hatte bereits knapp 30 Kilo Kaliumpermanganat, andere Chemikalien und Nägel parat, um eine Streubombe mit verheerender Wirkung zu bauen. In letzter Minute, an den Weihnachtsfeiertagen 2000, stürmte die GSG 9 zwei Wohnungen in Frankfurt verhaftete vier Araber: Lamine Maroni, Aeurobui Beandali, Salim Boukhari und Fouhad Sabour. Der fünfte Angeklagte, Samir Karimou, wurde erst im Laufe der weiteren Ermittlungen festgenommen, am 4. April 2001. Für Generalbundesanwalt Kay Nehm steht fest: Dieses Quintett ist eine terroristische Vereinigung.

Vor Gericht brüllt aber nur Maroni seinen Hass heraus. Die anderen schweigen, ziehen sich Jacken über den Kopf oder drehen sich weg, als ein ZDF-Team kurz vor Beginn der Verhandlung fünf Minuten filmen darf. Der Vorsitzende Richter macht dem Geschrei nach 20 Minuten ein Ende. Das Gericht unterbricht die Verhandlung, berät kurz und schließt Maroni aus. Fünf Justizbeamte rücken an, Maroni reckt die rechte Faust: „Allahu akbar!“ Und dann wird er, vorbei an den Panzerglasscheiben, die das Publikum von den Prozessbeteiligten trennen, hinaus geführt.

Diese Panzerglasscheiben, eingefasst in weiße Stahlstreben, sind eine Art indirekter Hinweis auf die Bedrohung, die von Leuten wie Maroni ausgeht. Über den Scheiben ist auf ganzer Breite ein Netz gespannt. Damit aus dem Publikum niemand ein Wurfgeschoss in Richtung Strafsenat feuern kann. Wozu allerdings kaum je ein Besucher in der Lage sein dürfte. Wer in den Gerichtssal II vorgelassen werden möchte, muss erst einmal die zwei Lücken in den hüfthohen Betonbarrieren finden, die draußen das Gebäude wie ein großes C umklammern. Dann heißt es anstehen, bewacht von Polizisten mit der Maschinenpistole im Anschlag. Öffnet sich endlich die Tür zum Besuchereingang – am Dienstag erst mit zweistündiger Verspätung – sind Handys und Laptops abzugeben. Anschließend bittet ein freundlicher Beamter in einen von vier schmalen, kargen Räumen. Die Tür schließt sich, der Polizist lässt den Metalldetektor über den Besucher huschen. Es folgt ein Knopfdruck, das Schloss am hinteren Ausgang summt: Der Weg zum Gerichtssaal ist frei.

Von den hellgrünen Klappsitzen aus ist die Szenerie gut zu überblicken. Links sitzen die Vertreter der Bundesanwaltschaft, zwei ernst blickende Männer in weinroten Roben. In der Mitte, auf einem Podest, thront der mit fünf Richtern besetzte Strafsenat. Davor sind die Dolmetscher platziert. Rechts schließt sich der Block aus Angeklagten, Verteidigern und weiteren Dolmetschern an. Drei Reihen sind voll besetzt.

Maronis Platz ist ganz vorne, günstig für seinen Auftritt. Drei Sitze weiter lässt sich Aeurobui Beandali nieder. Er gibt sich gelassen, antwortet dem Richter sogar kurz auf deutsch. In der zweiten Reihe sitzen Samir Karimou und Salim Boukhari. Beide wirken ängstlich, noch sehr jung. Ganz hinten legt Fouhad Sabour die nackten Arme auf den Tisch. Ihm ist heiß geworden, nun hat er nur noch das weiße T-Shirt an. Keine Macho-Pose, Sabour blickt nervös in den Saal.

Durchleben diese Männer, abgesehen von Maroni, einen Sinneswandel ? Vielleicht hat der Bärtige so getobt, weil er die Unsicherheit der Mitangeklagten spürt. Jedenfalls antworten alle vier artig, als Richter Zeiher fragt, ob ihre Namen stimmen. Ja, sie heißen wie gedruckt. Und stammen aus Algerien, was dem Gericht bislang nur als „mutmaßlich“ bekannt war. Und dann lässt Aeurobui Beandali seinen Anwalt eine Erklärung verlesen. „Ich protestiere gegen meine Vorverurteilung in der Presse“, trägt Pflichtverteidiger Edgar Liebrucks vor. Und dann kommt eine erstaunliche Wendung: Keinesfalls will Beandali mit den Terrorfliegern verglichen werden, die das World Trade Center zerstört haben. „Ich habe mit Entsetzen zur Kenntnis nehmen müssen, was unter Berufung auf meinen Glauben am 11.September geschehen ist.“ Mehr noch: Beandali lässt verlesen, er habe „neue Einsichten gewonnen“. Dazu werde er sich im Prozess noch äußern. Bietet sich da ein Angeklagter als Kronzeuge an? Als reuiger Aussteiger? Lamine Maroni wird davon nichts hören wollen.

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