Zeitung Heute : Hast du schon einen Cybersitter?

Kinder sollten nicht alleine gelassen werden – vor allem nicht am Computer. Der kindersichere PC ist zwar eine Wunschvorstellung, aber es gibt gute Hilfsprogramme

Andreas Kaiser

GUTE SEITEN, SCHLECHTE SEITEN: WIE MAN SEIN KIND FÜRS INTERNET FIT MACHT

Um es vorweg zu nehmen: Es gibt keine umfassende Sicherheit für Kinder, die sich im World Wide Web bewegen. Oder, um mit den Worten von Internet-Papst Nicholas Negroponte zu sprechen: „Straßen sind auch gefährlich. Das müssen Kinder verstehen und lernen, um nicht überfahren zu werden.“ Ähnliches gelte auch für die Datenautobahn, sagt der Mann vom Massachusetts Institute of Technology (MIT). Neben dem Einsatz von oft unzureichender Filtersoftware propagieren Medienpädagogen und Politiker den Erwerb von Medienkompetenz. „Die wichtigsten Ratgeber sind Eltern und Geschwister“, sagt Bundesfamilienministerin Renate Schmidt (SPD).

Auch wenn im Internet, anders als auf der Straße, nicht die körperliche Gesundheit auf dem Spiel steht, lauern dort Gefahren für kindliche Gemüter. Pornografische, Gewalt verherrlichende und extremistische Angebote sind nur einen Tippfehler von der Kinderseite entfernt. Die Dialer-Industrie hat sich auf jüngere Nutzer eingeschossen. So verbirgt sich auf Spielseiten hinter der gesuchten Software ein gebührenpflichtiges Einwahlprogramm. Gibt man bei einer Suchmaschine Begriffe wie „SMS“ ein, gelangt man zu Angeboten, die von den Eltern teuer bezahlt werden müssen. Umsonst gibt es im kommerzialisierten Netz fast nichts mehr, sagt Medienreferent Dirk Höschen vom Deutschen Kinderhilfswerk. Sogar bei harmlosen Angeboten wie www.abc-ware.de lauert ein paar Klicks weiter die Geldfalle. Will man sich da Janosch-Poster herunterladen, werden die Jüngsten nach Papas Kreditkartennummer gefragt.

Die Anbieter von seriösen Kinderseiten verordnen ihren heranwachsenden Nutzern Selbstschutz. Verhaltenstipps wie „Gib niemals persönliche Daten preis" sind auf jeder gut gemachten Homepage zu finden. Filterprogramme werden als flankierende Maßnahme empfohlen. Besonders problematisch sind Programme der ersten Generation wie „Cybersitter“, das mit Keyword-Blocking arbeitet. Bei diesem Verfahren werden ohne Rücksicht auf den Kontext Seiten blockiert, die bestimmte Wörter enthalten. Auch Aufklärungsangebote zu Gewalt und Pornografie und sogar unverfängliche Seiten, die das Wort „Staat-sex-amen“ enthalten, werden von „Cybersitter“ ausgefiltert, sagt Friedeman Schindler von Jugendschutz.net. Nicht viel besser sind Filter wie „Netnanny“, die auf Negativlisten von Webseiten basieren, da dort nur bekannte, meist US-amerikanische Webseiten erfasst sind. Zudem haben es versierte Computerkids häufiger geschafft, die kodierten Negativlisten zu entschlüsseln und als Wegweiser zu heiklen Angeboten zu missbrauchen.

Guten Schutz bieten Programme, die auf Positivlisten basieren, bei denen eine Auswahl von kindertauglichen Seiten mit dem Browser angesteuert werden kann. Eine kostenlose Liste ist bei Kidstation.de erhältlich. Empfehlenswert sind die Filter von AOL, T-Online oder Arcor-Juniornet. Positivlisten können sich Eltern selbst zusammenstellen, in dem sie in den Internetoptionen des Explorer die Registerkarte „Inhalte“ aktivieren und dort die Seiten eintragen, die von ihren Sprösslingen aufgerufen werden dürfen. Eine Broschüre zum Thema hat die staatliche Kontrollstelle Jugendschutz.net erstellt.

Egal, welche Programme man verwendet, eine pädagogische Begleitung von Kindern im Internet ist unabdingbar. „Ein guter Pappi setzt sich beim Surfen neben sein Kind“, sagt Andreas Korn von der ZDF-Kindersendung Logo. Problematische Seiten sollten mit den Kids besprochen werden. Eltern sollten den Kindern sinnvolle Surftipps einrichten, mit gut gemachten, werbefreien Kinderportalen wie kindernetz.de, kindersache.de oder kiddinx.de. als Startseite. Zudem sollten Regeln für den Internet-Besuch festgelegt werden, zum Beispiel, wie lange ein Kind surfen darf. Pop-Up-Blocker, Antiviren-Programme sowie eine Firewall sind ebenfalls hilfreich.

Da in Deutschland gut zwei Dutzend pädagogisch wertvolle Kinderseiten existieren, ist Dirk Höschen vom Kinderhilfswerk in Sachen Medienkompetenz optimistisch. Je mehr gute Angebote es gäbe, desto eher würden die Kinder dort eine Heimstadt finden, von der aus sie gut vorbereitet in die Untiefen des WWW aufbrechen könnten. Ähnlich argumentiert auch Negroponte vom MIT. „Letztlich ist das Einzige, was wirklich funktioniert, sehr zeitaufwendig: Erziehung.“

Hilfe im Internet:

www.jugendschutz.net

www.blinde-kuh.de/elterntips

www.bmfsfj.de/top/dokumente/Bestellservice/ix_64932.htm

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